Der Häuptling holte etwas Yankonawurzel aus einer Ecke hervor und lud uns ein, mit ihm Kawa zu trinken. Ich sah dieses Getränk jetzt zum ersten mal bei Tageslicht bereiten und konnte genau den ganzen Prozess verfolgen. Es fügte sich glücklich, dass es ausnahmsweise diesmal zwei reizende Mädchen, die Tochter und die Kindsmagd nämlich, waren, welche für uns kauten. Sonst sah ich auf Kandavu die Kawa stets nur von Knaben und jungen Männern bereiten, während auf anderen Inselgruppen des Stillen Ozeans dieses Geschäft dem schönen Geschlecht obliegt, was mir mehr zusagend erscheint. Einer unserer Träger schleppte die grosse Bowle herbei, jenes altehrwürdige Gefäss, das in keiner vornehmen Vitihaushaltung fehlt, und setzte sie vor sich, um das Brauen und Filtriren der Flüssigkeit zu übernehmen. Einen meterlangen Strick, der an der Bowle in einer Oese befestigt war, warf er demüthig dem Häuptling zu, der solche Ehre mit grosser Höflichkeit an mich abtrat, indem er ihn nach meiner Seite legte. Dieser ehrenvolle Strick dient nämlich dazu, die höchste Person der Gesellschaft zu bezeichnen.
Die doppelt daumendicke, knotige und verästelte grüne Wurzel wurde in mundgerechte Stücke zerschnitten, und die beiden jungen Damen nahmen uns gegenüber Platz und machten sich schweigend daran, sie mit ihren herrlich weissen Zähnen zu zermalmen. War ein Bissen fertig, so holten sie ihn mit Daumen und Zeigefinger aus dem Munde und legten ihn als wohlgeformtes rundliches Häufchen behutsam in die Bowle. Sechs solche Häufchen kauten sie zurecht für uns drei Zecher, den Häuptling, Herrn Kleinschmidt und mich. Dann wurde Wasser aus hohlen Kokosnüssen zugegossen, und das Pantschen und Filtriren begann.
Während wir so Kawa brauten und kneipten, waren ein paar andere Frauenzimmer beschäftigt, unsere Mahlzeit zu bereiten. In einer Ecke der Hütte lagen die zwei grossen Töpfe horizontal über der glimmenden Asche des Feuers. Wasser brodelte bereits darin. Die geschossenen Tauben und Papageien, schon auf dem Marsche ausgeweidet und gerupft, wurden mit Taroknollen durch die weiten Oeffnungen ins Innere derselben geschoben, und diese mit einem Stöpsel aus zusammen gebundenen Cordylineblättern verschlossen.
Die ganze Familie des Häuptlings hatte sich eingefunden und durfte neben und um uns Platz auf dem Boden nehmen. Das übrige Gesindel der Neugierigen musste in respektvoller Entfernung, in der Nähe des Eingangs, sitzen bleiben. Ausser dem hübschen Mädchen und dem Säugling, der einen merkwürdig eckigen Kopf hatte, waren noch zwei Jungen vom Hause vorhanden, von denen der eine, ein ungezogener Bengel von fünf Jahren, seiner Mutter, welche mit ihrem Jüngsten dalag wie eine säugende Löwin, fortwährend zum Zanken Veranlassung gab. Schliesslich kam noch eine andere vornehme Dame, eine Freundin der Marama, ebenfalls mit einem kleinen schreienden Balg, hereingekrochen, warf sich nieder und spielte ebenfalls die säugende Löwin, während sie uns aufmerksam beguckte. Draussen vor der Thüre unterhielten sich einige Kinder mit dem auch bei unserer Schuljugend so beliebten Spiel, aus einem Faden alle möglichen Figuren an den Fingern zu bilden und einander abzunehmen. Sie hatten es von den Missionären gelernt.
Im Hintergrund der Hütte war ein ganzes Arsenal von alten Schiessgewehren an der Wand aufgestapelt, was mir um so mehr auffiel, als es von der Kolonialregierung streng verboten ist, den Eingeborenen Munition irgend welcher Art zu geben. Diese Waffen schienen mir übrigens durchaus ungefährlich zu sein. Es waren Flinten jeder Konstruktion, nur keine Hinterlader, und etwa zwanzig darunter mit Feuersteinzündung weiss Gott aus welcher Zeit und woher, und alle Schlösser waren verrostet. Sollte auch hie und da eines noch losgehen, die Vitis sind so feige Schützen, dass sie in der Regel die Augen zudrücken, wenn sie schiessen wollen, was bei unseren Rekruten allerdings auch zuweilen vorkommt.
Der Tag neigte sich bereits, als wir Dele Kandavu passirten, ein Dorf rechts ab vom Wege, tief versteckt hinter dem üppigsten Grün von Palmen, Bananas und Busch auf einem Hügelvorsprung, der zu einem dichtbewachsenen Thal hinabfiel, aus welchem die zarten fiedrigen Kronen von Farnbäumen ragten. Fröhliche Gesänge schallten zu uns herüber und harmonirten so wunderbar mit der ganzen Stimmung der paradiesischen Landschaft und des herrlichen Abends. Wie glücklich diese Menschen hier leben. Welche unbeschreiblichen Genüsse bietet die Natur hier dem Wanderer, wenn ihm auch dabei der Schweiss von der Stirne tropft und die Kniee vor Ermüdung zu zittern beginnen. Wie bemitleidet man da den Philister zu Hause, der Jahr aus Jahr ein nichts Höheres kennt, als täglich des Abends zur bestimmten Stunde im Tabaksqualm seiner Kneipe zu sitzen und seinen Magen mit den Gährungspilzen des Bieres vollzupumpen.
Wir kamen an einen Bach, und jenseits desselben lag Dschome. Ein Mann aus dem Dorfe erbot sich, mich hinüberzutragen. Ich zog es vor, durchzuwaten, da mich erst kürzlich bei einer ähnlichen Gelegenheit ein Kerl durch einen Fehltritt ins Wasser geworfen hatte.
Beinahe hätten wir schon hier unser Nachtquartier aufgeschlagen. Unsere Burschen wenigstens waren entschieden der Ansicht, dass es für heute genug des Marschirens sei. Sie waren vorausgeeilt und sassen bereits, ihrer Bürden entledigt, neben der Hütte des Häuptlings, als wir sie erreichten. Ein hübsches braunes Mädchen mit einer feuerrothen Hibiscusrose über jedem Ohr stand freundlich lächelnd vor der Thüre und guckte mir, sehr verführerisch aber unschuldsvoll den glänzenden Bronzekörper, der nach Kokosöl duftete, an mich schmiegend über die Schulter, während ich sie in mein Taschenbuch notirte. Die ärmliche etwas unreinliche Behausung des Häuptlings gefiel uns nicht, und wir gingen weiter.
Hätten wir gewusst, welch langer und beschwerlicher Weg uns noch bevorstand, wir wären trotz Allem geblieben. Wohl über zweihundert Meter mussten wir wieder hinauf und an der anderen Seite eben so tief hinunter. Oben beschien die Sonne im Untertauchen golden die Wipfel der Bäume, unten war es bereits dunkel, als wir endlich, triefend von Schweiss und bis zur Erschöpfung müde, in Go Kandavu unseren Einzug hielten, zur grossen Aufregung der neugierig Spalier bildenden Einwohner.
Auch der Häuptling von Go Kandavu liess uns zu Ehren Kawa bereiten. Diesmal waren wieder nur Knaben und Jünglinge zum Kauen kommandirt, die Dunkelheit verhinderte, die Details des Vorganges genauer zu sehen. Es wurde wenig gesprochen. Nur das Krachen der Wurzeln zwischen den Zähnen und später das Herumpantschen in der Flüssigkeit unterbrach die andächtige Stille, welche herrschte, trotzdem die ganze Hütte voll von Menschen war. Ein kleiner, brauner Frosch kletterte in die Bowle, setzte sich mit seinem nackten Hintern auf die für uns zurechtgekauten Häufchen und fing verlegen und erschrocken zu weinen an, als Alles darüber lachte. Dies störte aber das Gelage nicht, und die breit gesessenen Häufchen dienten ebenso gut ihrem Zwecke wie die neu hinzukommenden. Unser Gastfreund, der Häuptling, war aussergewöhnlich wohlhabend. Denn er besass Teller, Gabeln und Messer. Nur Schade, dass wir die seltenen Geräthe an nichts Würdigerem als an süssen Bataten zur Anwendung bringen konnten. Aus diesen sowie aus Schokolade und Zwieback bestand unser frugales Abendbrot.