Es war gerade Ebbe, und wir beschlossen deshalb, auch die Beinkleider abzulegen und um den Hals zu binden und weiter draussen durch das niedrige Wasser zu waten, wo es keine Fliegen und Moskitos gab, und höchstens scharfrandige Muscheln die Sohlen zerschnitten. Auf diesem nassen Marsche sah ich zum ersten mal eine Schaar fliegender Hunde hoch oben über die Bucht hinweg ihrem Tagquartier zueilen und war sehr erstaunt über die gemessene Sicherheit und Kraft ihres Fluges, der in nichts an das Geflatter unserer Fledermäuse erinnert, wie man wohl erwarten möchte. Man konnte sie in einiger Entfernung für Raben halten, ganz dieselbe Bewegung und derselbe Rhythmus wie bei diesen. Erst als sie senkrecht über uns waren, sah ich, dass sie nicht mit Flügeln wie Vögel, sondern mit Flughäuten arbeiteten, von jener bekannten Kontur, wie sie die Phantasie der christlichen Maler dem Satan zuerkannt hat. Von diesen fliegenden Hunden giebt es fünf Arten auf Viti. Sie sind neben der einheimischen Ratte die einzigen autochthonen Säugethiere der Insel.
Einige hundert Schritte in einem herrlich grünen Tunnel des dichtverschlungenen Mangrovegebüsches, der einem hier mündenden Süsswasserfaden sein Dasein verdankte, brachten uns auf die feste Erde zurück. Palmen erschienen, und abermals ein Dorf, Rabuelu geheissen. Ausser zwei lebensmüden Greisen waren nur Weiber und Kinder zu bemerken. Die Männer mochten auf einen Fischfang ausgezogen sein.
Herr Kleinschmidt schoss einen interessanten Reiher und schickte ihn nach Hause an die Mutter, damit sie ihn abbalge. Dieses Ereigniss lockte die ganze vorhandene Einwohnerschaft herbei, deren Aufmerksamkeit sich alsbald auf mich und meinen schlohweissen Leib ablenkte, der ich den Lockungen eines selten klaren und tiefen Süsswasserbeckens nicht widerstehen konnte, das oben in dem wasserlosen Wunokene versäumte Morgenbad nachzuholen.
Unser nächstes Nachtquartier war Go Kandavu, und bis wir dieses erreichten, passirten wir noch fünf Dörfer, Rota, Eabulu, Soso, Dele Kandavu und Dschome mit Namen. Es ging immerfort bergauf und bergab, meistens sehr steil und auf äusserst beschwerlichen, schlüpfrigen Pfaden voller Löcher, Wurzelschlingen und lose liegender Steine. Regengüsse hatten sie stellenweise zu tiefen Rinnen ausgewaschen, so schmal, dass man nur seitwärts schreitend sich durchdrängen konnte, unbekümmert um den Lehm, der an den Kleidern hängen blieb. Links und rechts dichter, unbezwingbarer Busch.
Nur selten und auf kurze Strecken waren die Höhen kahl und gewährten Aussichten, die dann um so entzückender waren. Die Landschaft glühte in Farben, die einen Maler in Verzweiflung bringen konnten. Tief blau war der Himmel, aber noch viel tiefer blau war die See, hellglänzend besäumt von der weissen Schaumlinie der Brandung, die sich an den Kanten der Korallenriffe brach, und innerhalb dieser, über den seichteren Stellen der Riffe violette, purpurne und smaragdene Tinten. Dann kam tief unter uns ein grellgelber Streif sandigen Ufers oder das wunderbar satte Hellgrün von Mangrovedickichten, die viel schöner von oben zu beschauen als zu durchklettern sind. Palmenhaine füllten den Raum zwischen dem Ufer und den dunkelbewaldeten Bergen und die Thäler, die zwischen diesen ins Innere sich einbuchteten. Rauch entstieg an verschiedenen Punkten der üppigen Vegetation, die Anwesenheit menschlicher Wohnstätten verkündigend, und hie und da guckten ein paar mit Kalk beworfene weisse Hütten durch die Palmen.
Manche Strecken trugen den Stempel höherer Kultur. Der Weg, dessen Schwierigkeiten eben noch aller Beschreibung spotteten, verwandelte sich oft plötzlich in eine breite glatte Strasse, zu beiden Seiten von sauber gehaltenen Bananenhainen begrenzt. Man war dann gewöhnlich in der Nähe eines Dorfes, dessen Kindergeschrei lange hörbar war, ehe man die Hütten selbst gewahr wurde. Oder Baumwollenstauden, vergebens gegen das sie überwuchernde Unkraut ringend, zeigten an, dass ehemals hier eine Plantage bestanden hatte, nun verlassen und dem hoffnungslosen Kampf ums Dasein preisgegeben, seitdem dieser Artikel auf Viti dem amerikanischen Konkurrenten im Preis, nicht in der Güte hat erliegen müssen.
Wo Bäche herabkamen, fanden wir diese gewöhnlich zu terrassenförmig unter einander folgenden Sümpfen aufgestaut, in denen Taro (viti »Ndalo«) gepflanzt war. Der Taro ist eine Colocasia, ganz ähnlich jener Art, die bei uns so häufig in Töpfen mit Wasseruntersatz gezogen wird. In sauber mit Lehmwällen und Steinen eingefassten Beeten von verschiedener Grösse, welche der Bach in mäandrischen Linien zu durchrieseln genöthigt war, standen zu regelmässigen Reihen geordnet die Pflanzen, und Wasserlinsen bedeckten zwischen ihnen die Lachen. Diese Vorrichtungen flössten mir alle Achtung ein vor der Intelligenz und dem Geschick der sogenannten Wilden.
Es giebt übrigens auch eine weniger häufige Sorte Taro, welche keines sumpfigen Bodens bedarf, und oben auf den Bergen in gewöhnlichem ausgerodetem Waldboden angebaut wird. Der Busch wird zu diesem Zweck niedergebrannt, was aber wegen der grossen Feuchtigkeit nicht ganz leicht ist. Man haut das Gebüsch ab, damit es verdorrt, und zündet mehrere grosse Feuer an, wobei immer von Neuem nachgeholfen werden muss.
In Soso machten wir einen grösseren Halt. Auch hier, wie in allen Dörfern, entsetzt davonrennende braune Nacktfrösche, kreischende Weiber, ernste Greise und Männer, welche mit einem freundlichen »Sa yandre« uns begrüssten. Wir gingen auch hier stracks in des Häuptlings Haus, wo zwei sehr hübsche zartgegliederte Mädchen, die Tochter und die Kindsmagd, letztere einen quieksenden Säugling in den Armen, etwas scheu und verlegen uns empfingen.
Sogleich erschien der Häuptling, mit uns Hände zu schütteln, und bald darauf auch seine Frau, die »Marama«, mit einem Korb voll Taroknollen auf dem Rücken. Sie warf ihre Last zu Boden, kroch herein und bemächtigte sich, ohne von uns Notiz zu nehmen, des Säuglings, um ihm seine Nahrung zu reichen, aber erst, nachdem sie an einem von der Kindsmagd hingehaltenen Feuerbrand die Hände gewärmt und ihre Brüste gerieben hatte.