Es ging wieder nach oben und landeinwärts durch einen Busch, der spärlicher wurde, je höher wir kamen, und schliesslich einem dürren Farngestrüpp Platz machte, welches eine neuseeländische Landschaft vortäuschen konnte, wenn nicht gerade schöne Orchideen oder empfindsame Mimosen am Wege wuchsen, oder das Hundegebell der grossen Tauben die Illusion störte.

Einem dieser unmusikalischen Vögel kamen wir so nahe, dass ich deutlich beobachten konnte, wie er hoch oben auf einem kahlen Baum sein rauhes kurzes »Hu hu, Hu hu hu« mit dem Wippen des Schwanzes begleitete. Aber das Knacken des Hahnes störte ihn, er gönnte uns seinen Braten nicht, und er war fort, ehe ich die Flinte angelegt hatte.

Jene merkwürdige Pflanze Mimosa, deren zartgefiederte Blätter sich zusammenfalten, sowie man sie berührt, und der man deshalb den Namen der Schamhaften gegeben hat, sah ich hier zum ersten mal. Sie wuchs in niedrigen dichten und flach ausgebreiteten Stauden, und es gewährte ein merkwürdiges Farbenspiel, wenn ich mit dem Fuss darüber hinstrich und sogleich das helle Grün der oberen Seiten der Fiederblättchen dem matten Grau der unteren Seiten wich, als ob die ganze Staude von einer unsichtbaren Flamme versengt würde.

Der Kamm des Hügels, auf dem wir eine Zeit lang weiter schritten, hatte ausnahmsweise den Vorzug, eine Rundsicht zu gewähren, da er nicht, wie dies meistens zu sein pflegt, bewaldet war, sondern nur stellenweise Gruppen von Kasuarinen trug, deren dünnbenadelte Kronen dem Baum das Aussehen verkümmerter Pinien verleihen. Wir sahen hinab auf beide Meere nördlich und südlich der langgestreckten Insel, in welche zwei Buchten tief einschneiden.

Die freie Bergkante dauerte nicht lange. Der Pfad schlängelte sich nach der südlichen Seite des Kammes hinab, und ein Busch nahm uns auf, der durch wohlthuende Kühle überraschte und so dick mit Lianen und Strauchwerk unterwachsen war, dass wir zwei geschossene Tauben, die wir deutlich fallen gesehen hatten, nicht finden konnten, obwohl wir zu fünft eine Viertelstunde lang suchten. So waren wir abermals um unser Abendmahl gebracht. Wir stiegen auf eine sattelförmige Einsenkung nieder. Der Busch wurde lichter, Rauch flog langsam zwischen den Bäumen empor, Kindergeschrei erhob sich, und ein Dorf lag vor uns, höchst malerisch zwischen Bananenpflanzungen halb versteckt und die prächtigste Aussicht auf die Meere beider Seiten beherrschend.

Wunokene heisst dieser reizende Platz, bei dessen Häuptling wir uns ohne weitere Zeremonien einquartierten. Wir zündeten eine Stearinkerze an, welche so viel Sensation hervorrief, dass nach wenigen Minuten die ganze Hütte voll von Neugierigen war. Dicht gedrängt sassen sie, Männer und Weiber, nebeneinander und bewunderten uns und unsere europäischen Habseligkeiten. Selbst draussen vor der niedrigen Thüre drängte sich eine staunende Menge von Kindern und Mädchen, jedesmal Reissaus nehmend, so oft einer von uns Weissen eine Bewegung in ihrer Richtung machte. Mit dem grössten Interesse wurde Alles beobachtet, was wir thaten, wie wir unseren mageren Zwieback abbissen und Schokolade dazu tranken, und öffneten wir eines der Gepäckstücke, so entstand jedesmal eine nicht geringe Aufregung und man streckte die Hälse so weit als möglich, um hineinzugucken.

Einer von unseren Trägern aus Sanima, ein frecher Bursche, wollte durch seine Familiarität mit unseren Effekten, die er hatte tragen dürfen, imponiren und gab das Feuerwerk einiger schwedischer Zündhölzchen zum besten. Hätte man den Kerl gehen lassen, er würde unseren ganzen Vorrath aufgebraucht haben. Eine Ohrfeige unterbrach indess sein Vergnügen und stellte das Bewusstsein der Inferiorität wieder her, zum grossen Ergötzen des Publikums, welches in ein lautes Gelächter ausbrach.

Da wir müde waren, konnte unsere Zurschaustellung nur so lange gewährt werden, als wir brauchten, um den gröbsten Hunger zu stillen. Das Licht wurde ausgelöscht, und das Publikum verzog sich, zweifellos mit dem Bewusstsein, einen höchst genussreichen Abend zugebracht zu haben. Wir streckten uns auf dem weichen Mattenboden aus, nachdem wir Stiefel und Hose zu einem Kopfkissen zusammengerollt und uns selbst in unsere Decken gewickelt, und schliefen, da es hier oben keine Moskitos gab, so gut, wie man eben nur nach einer längeren Wanderung schläft. Neben uns lag der Häuptling und zu unseren Füssen die Dienerschaft. Bald wars ruhig im ganzen Dorf. Blos im Gebüsch draussen zirpten Tausende von Zikaden, über den Korallenriffen unten donnerte rastlos die Brandung durch die Stille der Nacht, als ob ein Eisenbahnzug ohne Ende über eine ferne Brücke rollte, und Herr Kleinschmidt schnarchte.

Als wir am anderen Morgen unseren Marsch fortsetzten, kam hinter uns drein die ganze Kinderschaar des Dorfes und begleitete uns in respektvoller Entfernung, bis wir einen steilen Abhang hinabstiegen, und es war höchst amüsant, wie die kleinen braunen Bengel uns von oben aus nachspotteten, um schleunigst die Flucht zu ergreifen, so oft ich Miene machte, zurückzukehren, woran ich gewiss nicht im entferntesten dachte. Denn der Weg war so schlecht, dass man froh sein durfte, ihn einmal hinter sich zu haben, und zu beiden Seiten wuchs hohes Gras, scharf wie Rasirmesser, und zerschnitt die Hände wenn man vergass, sie in die Höhe zu halten.

Unten winkten wieder die Freuden eines Mangrovesumpfes mit seinen Moskitos und Fliegen. Auch in diesem lagen Felsblöcke eingestreut, die zwar festgebettet, dafür aber mit Algen überzogen und so schlüpfrig waren, als ob man sie mit Seife beschmiert hätte. Beneidenswerth sicher schritten unsere drei Wilden über sie hinweg. Ihre Füsse dienten ihnen als Greiforgane, mit denen sie sich an den geringsten Rauhigkeiten festklammern konnten, während wir die Talente der unserigen in den steifen Stiefeln der Zivilisation hatten verkommen lassen. Zogen wir die Stiefel aus, so stiessen wir uns an allen Ecken und schnitten vor Schmerz eine Grimasse nach der anderen, und zogen wir sie wieder an, so rutschten und fielen wir jeden Augenblick. Moskitos und Fliegen thaten das Uebrige uns zu erheitern.