Wenn wir des Abends so beisammen sassen, drehten sich unsere Gespräche gewöhnlich um die ferne Heimath, und da der Mensch sich immer am meisten nach jenen Dingen sehnt, die er nicht haben kann, so gedachten wir auch nicht selten seufzend des herrlichen Bieres, das es dort giebt. Doch ruhte selbst dann nicht der Sammeleifer. Angezogen durch den Schein unserer Lampe kamen immer eine Menge Insekten herein und fielen der grausamen Wissenschaft zum Opfer. Ueber und unter uns raschelten Ratten durch das Palmstroh der Hütte, und jeden Augenblick sprangen deshalb entrüstet die Hunde auf und suchten kläffend herum. Erwischt aber haben sie nie eine Ratte.

Ich theilte Herrn Kleinschmidts und seiner Gattin primitive Lebensweise nur kurze Zeit, und es gefiel mir. Ganz anders aber wäre es wahrscheinlich gewesen, hätte ich eben so wie sie Jahr aus Jahr ein mit den Beschwerden der tropischen Wildniss zu kämpfen gehabt.

Wenn wir zu Hause in unseren Naturalienkabinetten alle die schönen Thiere betrachten, wie wenig denken wir daran, welche Menge von Schweiss und saurer Arbeit, von Entbehrung und Mühseligkeiten sie gekostet haben, ehe wir uns an ihnen erfreuen können. Wie sehr sind die zahllosen Schwierigkeiten der Tropennatur geeignet, den Pionier der Forschung zu lähmen und verzweifeln zu lassen. Ich muss gestehen, dass Herr Kleinschmidt und seine treue Gattin mir die höchste Bewunderung abnöthigten und wie mit dem Glorienschein des Märtyrerthums umgeben erschienen.

XIV.
BESUCH IN WAIDULE.

Begegnung mit dem Tui. Ein Mangrovesumpf und seine Freuden. Tauben und Mimosen. Nachtlager in Wunokene. Fliegende Hunde. Rabuelu. Entzückende Rundsichten. Taropflanzungen. Kawa-Gelage in Soso. Nachtlager in Go Kandavu. Ein Meke Meke. Ankunft bei Charly. Rasch ab nach Wailevu. Ungemüthliche Bootfahrt. Heimkehr.

Wir hatten jenem versoffenen, aber biederen Landsmann, dem Charly, in Wailevu zugesagt, nach Waidule zu kommen und ihn zu besuchen. Da wir für das mitzunehmende Gepäck ausser Niketi noch zwei Träger brauchten, so liess Herr Kleinschmidt den Tui bitten, uns solche zu schicken, und gleich am nächsten Morgen erschienen ihrer drei aus Sanima und meldeten sich zum Dienste.

Die Mutter bereitete noch schnell einen Kuchen, und dann gings fort. Zunächst musste wieder das Felsblockufer bis Sanima überwunden werden. Die Fluth hatte eben angefangen zu weichen, und die noch nassen Blöcke waren so schlüpfrig von einer Algenvegetation, dass ich es vorzog, oberhalb der Fluthgrenze durch das herabwuchernde Gestrüpp zu klettern.

Rege Emsigkeit wie immer herrschte im Dorf des Tui Kandavu. Ein Greis sass am Strande im Schatten eines in die Erde gesteckten Palmzweigs und schnitzelte kindisch an einem Stück Holz herum. Vor den Hütten klopften Männer die Fasern der Kokosnusshülsen rein, um Stricke daraus zu machen, und im Innern der Hütten klopften die Weiber Tapa zurecht, dass es weithin erschallte. Kopra und Lichtnüsse lagen zum Dörren in der Sonne ausgebreitet. Aus letzteren, den öl- und harzreichen Früchten des Aleurites triloba werden sehr originelle Kerzen bereitet. Man reiht sie durchbohrt an Stäbe, der Stab dient als Docht, und die Nüsse brennen mit heller, stark russender Flamme ab. Unsere Erscheinung machte den Lärm verstummen. Man lächelte uns freundlich zu, die Frauenzimmer steckten die Köpfe durch die niedrigen Thüren heraus und bettelten um Tabak, kleine nackte Kinder blickten scheu um die Ecken und liefen entsetzt davon, als ob sie den leibhaftigen Teufel gesehen hätten.

Da der alte Tui nicht zu Hause war, setzten wir unseren Weg ohne Unterbrechung fort. Wir sahen ihn eine halbe Stunde später in seinem Kanuu heimkehren, als wir eben jenen schönen Pfad durch Papayagärten und Palmen hinter uns hatten und in ein Mangrovedickicht bogen. Er stieg aus und watete an Land, um mit uns Hände zu schütteln, und gab unseren Burschen noch einige strenge Aufträge an verschiedene Dorfhäuptlinge zu unserem Komfort, von denen ich nichts als das Selbstbewusstsein verstehen konnte, womit er sich die Faust mehrmals auf die Brust schlug, als ob er sagen wollte »Und das muss geschehen, und das befehle ich«.

Der Pfad schlängelte sich eine Zeit lang am steilen Ufer auf und ab und führte dann in das Mangrovedickicht hinein, dessen Schwierigkeiten so gross wurden, dass wir zu einem Kilometer etwa eine Stunde brauchten. Schlickflächen wechselten mit Felsblöcken, von denen die meisten nicht fest lagen und zu wackeln anfingen, sobald man darauf trat, und Alles war durchzogen von einem nicht nur in der Fläche sondern in allen drei Dimensionen des Raumes gewebten Netzwerk von Mangrovewurzeln, so verknorzt und verschnörkelt, dass die phantasiereichsten Maler der altdeutschen Schule hier noch viel für ihren Faltenwurf hätten lernen können. Sah man auf den Boden, so schlugen einem die von oben herabwachsenden Sprossen ins Gesicht, sah man nach diesen, so blieb man in den Wurzeln hängen oder stolperte über einen Knorz oder glitt von den zu Fallthüren geschaffenen Felsblöcken in den Schmutz. Moskitos wimmerten um die Ohren, und Fliegen umsummten das Gesicht und schwirrten in die Nasenlöcher. Wir kamen übrigens ohne Unfall durch, und nur unsere nackte Dienerschaft blutete aus einigen abgeschürften Hautstellen.