Noch zwei andere Qualen, die zu den berechtigten Eigenthümlichkeiten aller heissen Gegenden zu gehören scheinen, nämlich Geschwüre und der bekannte Hitzausschlag, von den Seeleuten »rother Hund« geheissen, blieben mir nicht erspart. Gleich in den ersten Tagen hatte ich mir an den Knöcheln kleine Wunden gestossen, und die Fliegen nahmen sofort jede Gelegenheit wahr, sich mit ihnen zu beschäftigen. So lange ich auf Kandavu blieb, heilten diese Wunden nicht und wurden immer grösser und entzündeter, da ich mich nicht schonen konnte und wollte. Auch bei den Eingeborenen beobachtete ich häufig solche kleine eiternde Verletzungen. Gar viele Fälle von »Aussatz« in Reisebeschreibungen mögen zu dieser Kategorie zu rechnen sein. Merkwürdig war mir, dass ich nie einen Wilden sich kratzen sah, obwohl die Moskitos sie eben so wenig wie uns verschonten.

Die höchste Lufttemperatur, die ich während meines kurzen Aufenthaltes in Gavatina am Thermometer ablas, war 32 Zentigrade. Auf ziemlich heisse Tage folgten in der Regel kühle Nächte, so dass ich mich zum Schlafen wärmer ankleiden musste, da ich als Bett nur eine mit Farnkraut unterpolsterte Matte mit einer Decke und einem Moskitonetz darüber besass. Die hervorragendste Eigenthümlichkeit im Klima unseres allenthalben von Busch umgebenen Thales war ein exzessiver Reichthum atmosphärischer Feuchtigkeit. Es wollte mir kaum gelingen, Pflanzen zu trocknen, ohne Feuer oder den Bügelstahl zu Hülfe zu nehmen, und liess ich einmal meine Wäsche über Nacht vor dem Zelte draussen hängen, so war sie am Morgen nässer als vorher.

Frau Kleinschmidt sorgte mütterlich für uns, und wir nannten sie deshalb auch immer Mutter. Wenn wir auszogen aufs Riff oder in den Busch, blieb sie mit Ruma allein zu Hause und kochte für uns, und wenn wir am Abend ermüdet und hungrig zurückkehrten, wartete unser bereits ein würziges Mahl. Die Mutter verstand einen famosen Curry zu machen, und Curry mit Reis war eines der häufigsten Gerichte. Schweine und Hühner, Papageien und Tauben, Zwieback, Schokolade und Kaffe lieferten eine Mannichfaltigkeit des Speisezettels, die man in unserer Wüstenei kaum erwarten konnte.

Hatten wir auch keine Milchkuh, so hatten wir Kokosnüsse. Jeden Morgen mussten uns die Jungen etliche herunterholen und schlachten. Spannerraupen vergleichbar zogen und schoben sie ihre geschmeidigen mageren Körper ruckweise mit Armen und Beinen an den glatten Stämmen empor, kletterten in die Kronen und stiessen mit den Füssen die mächtigen Früchte los, dass sie schwer und dröhnend auf den Boden herabplumpsten. Um sie zu öffnen, wurde ein doppelt zugespitzter Pfahl in die Erde getrieben. Dann nahm man die Nuss in beide Hände und hieb sie kräftig gegen die freie Spitze des Pfahls, so dass er tief in die dicke noch grüne und saftige Faserhülse eindrang, stemmte das durchbohrte Segment derselben durch Hebelbewegungen weg, und wiederholte das Hauen und Stemmen bis die Hülse ringsherum abgerissen war. War so die innere harte Schale befreit, so nahm man einen Stein und schlug an dem unteren Ende kreisförmig eine Kappe los, klappte diese zurück und trank das süsse Wasser der Frucht, die sogenannte Kokosnussmilch, die indess durchaus nicht milchig sondern fast klar, nur wenig getrübt, wie frischer Traubensaft aussieht.

Um die eigentliche Milch zum Kaffe zu bereiten, wurde die Schale in Stücke zerschlagen, das an der Innenseite klebende dicke Fleisch mit gezähnelten Muscheln herausgeraspelt und durch ein Tuch gepresst, was eine köstliche Emulsion gab, schmackhafter als Kuhmilch. Dieses Schlachten der Kokosnüsse war täglich unsere erste Arbeit, bei der mich die hierin viel flinkeren Jungen, die gelegentlich auch ihre kräftigen Zähne zu Hülfe nahmen, regelmässig auslachten. Was von dem Fleisch der Nüsse übrig blieb, erhielten die Schweine und Hühner, die Hunde, die Affen und die Papageien, welche alle sehr gierig darauf waren. Die Affen rissen wüthend an ihren Ketten, die Hunde hörten nicht auf in die Höhe zu springen, die Hühner liefen gackernd zusammen, und freudig fingen die Schweine zu grunzen an, wenn man sich ihnen mit Kokosnuss näherte.

Auch die niedrigeren Thiere scheinen diese Nahrung über Alles zu lieben. Lässt man irgendwo ein Stückchen liegen, gleich ist ein Heer von Ameisen und eine grössere Gesellschaft bedächtiger Eremitenkrebse darum versammelt.

Die Kokospalme ist eine der grössten Wohlthaten der Südsee. Ist auch jetzt die schöne Zeit vorüber, wo der Insulaner Kokosnüsse zu seiner Nahrung verwenden durfte, indem jetzt die Missionäre und die Regierung sie als Steuer beanspruchen und deshalb »tambu« erklärt haben, so liefert sie ihm doch noch in ihren Zweigen das Hauptmaterial seiner Hütten, aus den faserigen Hülsen der Nüsse vortreffliche Stricke, die nicht gedreht, sondern wie Zöpfe dreitheilig geflochten werden, aus den Stämmen Brücken und Bauholz, aus den Nüssen Trinkgeschirre und Wasserbehälter, aus den Blättern Körbe, die überall improvisirt werden können. Braucht der Viti einen Korb, um Taro oder Apfelsinen heimzutragen, schnell hat er ihn zurecht gemacht aus einem einzigen Palmblatt. Die langen Fiedern der beiden Seiten werden gekreuzt fest ineinander geflochten, und ist dies geschehen, so schlitzt er den Blattstiel der Länge nach entzwei, und der Korb ist fertig, die beiden Hälften des Stieles bilden die Ränder.

Sehr viel Komfort gab es allerdings bei unseren Mahlzeiten nicht. Ueberall standen Kisten aufeinandergethürmt, und jedes horizontale Plätzchen war mit Spiritusgläsern und Vogelbälgen, mit Schachteln und Blechbüchsen, Büchern und Instrumenten bedeckt. Musste ja selbst das Bett im Hintergrunde der Hütte zugleich als Waarenlager dienen. Schrotbeutel und Säcke mit Glasperlen bildeten die Kopfkissen, Baumwollenzeug für Sulus die Matratze, und jeder Winkel war mit Pulverflaschen und Angelhaken gespickt. Die scharfe Kante einer Kiste oder ein umgestürzter Topf musste als Sitz genügen, auf den Knieen ruhte der Teller, und dass uns überall mit Arsenik vergiftete Bälge umgaben, störte uns wenig.

Die Hütte war viel zu eng, und schon die Thüre so niedrig, dass man sich bücken musste, um durchzukommen. Häufig auch stiess man mit dem Kopf an die Leichen von Hühnern oder Schweinen, welche zum Braten bestimmt, baumelnd dort hingen.

Wir lebten in der grössten Eintracht zusammen. Nur die Spärlichkeit des Raumes und gelegentliche Gebietsüberschreitungen veranlassten manchmal Grenzstreitigkeiten und Kompetenzzänkereien. Es war durchaus nicht gleichgiltig, wer von uns diese oder jene Büchse aus diesem oder jenem Winkel hervorreichen durfte. Der Nächstsitzende allein war hierzu berechtigt, und jeder hatte ein bestimmtes Sektorgebiet als sein Bereich unter sich. Sonst wurde nur zu leicht eine Kostbarkeit umgestossen.