Man will sie den Lebensbedingungen der Europäer näher und näher bringen. Sie sollen arbeiten, sollen produziren und Steuern zahlen. Was man ihnen damit nützen will, ist mir unklar. Es scheint mir hinter der Maske der Philanthropie, welche diese sogenannten Zivilisationsbestrebungen zur Schau tragen, nur das pfiffige Gesicht des geldgierigen Kaufmanns, der seine schlechten europäischen Exportartikel absetzen will, oder des feisten Pfaffen, dem es um einträgliche Pfründen zu thun ist – bei den Wesleyanern beide in einer Person vereinigt – zu grinsen. Man will diesen glücklichen Menschen Bedürfnisse einflössen, um sie dann gegen Geld oder Geldeswerth zu befriedigen.

Oder sollte man etwa in Anbetracht der Möglichkeit, dass immer mehr Weisse nach den Inseln strömen werden, die Eingeborenen vorbereiten wollen, den Kampf der Konkurrenz aufzunehmen und nicht zu unterliegen? Wenn wirklich eine solche humane Vorsehung beabsichtigt sein sollte, so ist sie sehr verfrüht und sehr illusorisch. Dass ein starker Strom weisser Einwanderung stattfinden wird, ist bei der Abgelegenheit der Südsee-Inseln sehr unwahrscheinlich, und wenn auch, die verhältnissmässig arm bevölkerten Inseln haben Raum für eine zehnfache Menge. Und sollte wirklich innerhalb kurzer Zeit, noch innerhalb der nächsten hundert Jahre, eine thatsächliche Konkurrenz zwischen der weissen und braunen Rasse entstehen, so werden die Eingeborenen hinschwinden, und keine Macht der Erde wird sie daran hindern.

Zwei Elemente stehen sich auf Viti und anderwärts in der Südsee feindlich gegenüber, die Kaufleute und die Missionäre. Beide haben das gleiche Ziel, das herrliche Land und die arglosen Eingeborenen auszubeuten. Dass in diesem edlen Wettstreit auch unlautere Mittel in Anwendung kommen, und zwar auf beiden Seiten, versteht sich von selbst. Es däucht mir, eben, wie der Donna Blanca zu Toledo, dass der Jude und der Christ, dass sie alle beide – nicht viel werth sind.

Diese wesleyanischen Methodisten, die erste Macht der Südsee, haben ihre Hierarchie mit bewundernswerther Umsicht organisirt. Keine Gemeinde auf Kandavu, dessen Bewohner ja alle wesleyanische Christen sind, ist ohne seine Kirche »Hale ni Lotu« (Haus des Glaubens) geheissen. Nur in Richmond Settlement auf der Westseite der Namalatta Bucht ist ein weisser Oberpriester aus England. In den Dörfern versehen Eingeborene den Gottesdienst als Prediger und Vorbeter. Meist wird von diesen nicht blos an Sonntagen mehrmals, sondern täglich ein- bis zweimal Betstunde und Predigt abgehalten.

Jedes Dorf hat seinen Häuptling, und alle Häuptlinge zusammen stehen unter einem Oberhäuptling, dem Tui Kandavu zu Wailevu, welcher von dem Gouverneur zu Levuka offiziell anerkannt ist und ein jährliches Gehalt als Staatsbeamter bezieht. Aber neben dem Häuptling herrscht in jedem Dorf auch noch ein brauner Missionär.

Es fehlt also keineswegs an Gelegenheiten zur Frömmigkeit, und es soll Prachtexemplare von Betschwestern unter den Wilden geben. Herr Kleinschmidt erzählte mir, dass er einst einen Diener gehabt, der nie anders als die Bibel unterm Arm mit ihm in den Busch ging, um während der Ruhepausen darin zu lesen. Religiöse Lauheit scheint indess häufiger zu sein. Jeden Sonntag kamen zu uns nach Gavatina eine Menge braune Bummler, welche die Kirche schwänzten und sich lieber mit unseren Affen unterhielten oder verdunkelnd ins Fenster hereingafften, bis Herr Kleinschmidt mit einem kräftigen Fluch sie von dannen scheuchte. Für die Insulaner gilt nur Eine grösste und schwerste Hauptsünde, nämlich am Sabath irgend etwas zu thun, was einer Arbeit ähnlich sieht. Dieses »Tabu« ist so stark, dass selbst Herr Kleinschmidt an Sonntagen sich der Jagd enthielt, um es nicht mit den Eingeborenen zu verderben.

An solchen Tagen der Ruhe machte ich mir manchmal ein Vergnügen eigener Art. Ich legte mich auf den Convolvulusteppich in den Schatten, schloss die Augen und zwang meine Phantasie in die Schrecken eines deutschen Novembers. Ich hörte das Rasseln des Regens und das Klappern des Windes in den flackernden Gaslaternen. Ein schlüpfriges Gemenge von Schmutz, Regen und Schnee bedeckte die Strassen. Mit nassen Füssen, den Regenschirm kurz gefasst und gegen den Wind ankämpfend drängte ich mich durch das Gewühl der anderen Menschen und Regenschirme. Alles war grau und düster, mürrisch und grob, die Häuser mit ihrem russigen Ueberzug, die Wagen, die mich mit Koth bespritzten, die Menschen, der Himmel, die kahlen Bäume. Nun öffnete ich wieder die Augen und erblickte die herrliche Wirklichkeit. Oben lachte der blaue Himmel, vor mir lachte das blaue Meer. Palmen wiegten sich im kühlenden Zephyr. Tausende von Zikaden zirpten, und hie und da flog ein Papagei mit heiserem Schrei über die Szene.

Oefters kreuzte draussen der englische Kriegsschooner vorüber, der sich eben mit Lothungen und Vermessungen zwischen Kandavu und Benga zu beschäftigen hatte, und eines Tages erhielten wir den Besuch eines Bootes mit einem Lieutenant und acht Matrosen. Sie trugen gewichste Stiefel an den Füssen und erschienen mir, der ich schon etwas verwildert war, dadurch als distinguirte Leute. Ihr Kommandant hatte allerdings ebenso wie ich schon längst den Gebrauch einer Taschenuhr sich abgewöhnt und schätzte die Stunden, wenn er vom Schiff weg war, nur mehr nach der Sonne.

Es war eine herrliche Zeit, die ich in Gavatina verlebte, und ich werde stets mit Freude und Sehnsucht an jenes ferne, stille winzige Thal der grossen Erde zurückdenken.

Allerdings fehlte es auch dort nicht an unangenehmen Beigaben des Naturgenusses. Moskitos und Fliegen suchten mir namentlich im Anfang das Dasein zu verbittern, bis ich täglich Gesicht und Hände mit Petroleum einrieb. Am lästigsten waren die Legionen von Fliegen, welche die Nähe der faulenden Abfälle unserer Sammlungen herbeizog, indem sie eine besondere Vorliebe und Geschicklichkeit bekundeten, schnell in die Nasenlöcher zu schwirren, wahrscheinlich in der an sich nicht tadelnswerthen Absicht, ihre Eier hineinzulegen. Mit grosser Bewunderung entdeckte ich an Herrn Kleinschmidt, dass er ruhig auf seinem Tisch fortarbeiten konnte, während ihm dichte Fliegenhaufen in beiden Augenwinkeln sassen, ungerechnet die einzelnen Plänkler, welche über das ganze Gesicht hin- und herstreiften. Nach einigen Tagen konnte ich es auch. Das ewige Schütteln wurde ermüdend und machte Kopfweh. Ich zog es schliesslich vor, die Fliegen gewähren zu lassen, und beschränkte mich, sie durch fortwährendes Blinzeln von dem Innern des Auges fern zu halten. Nur in den Nasenlöchern lernte ich sie nie ertragen.