Der Missionär voran, warfen sich Alle nieder, nicht blos auf die Kniee, sondern auch auf die Ellbogen, und jener sprach sehr ausdrucksvoll und laut ein Gebet.
Die dunkle Gemeinde, die seltsame, demüthige Stellung, in der sie insgesammt auf dem Boden lag, die leidenschaftliche Stimme des Priesters und sein eindringliches, heftiges Flehen, die fremdartigen, sonoren und kraftvollen Laute, von denen ich nur wenige Worte verstehen konnte, bezauberten mich höchst eigenthümlich, wie ich so über die Menschen vor mir hinsah, und ich zuckte nervös zusammen, als ein Hund zur Thüre neben mir hereinschnupperte und mich anbellte.
Die Erwachsenen schienen äusserst andächtig mitzubeten. Nur die liebe Jugend trieb Allotria. Gedankenlos lagen die kleinen braunen Bengel auf dem Bauch, schlegelten mit den Füssen in der Luft herum, musterten sorgfältig die Beine ihrer Vorderleute und zupften sich gegenseitig die Krusten von den zahlreichen Hautabschürfungen. Ein Kirchendiener der zornig hinter ihnen herumschlich und sie mit einem dünnen Drahtstab unsanft in die Weichen stupfte, um sie zur Sittsamkeit zu ermuntern, hatte nur wenig Erfolg. Man kicherte über ihn, sein Drahtstöckchen kam nie zur Ruhe, und draussen vor der Thüre fing ein winziger Nacktfrosch an, auf die Lalis zu trommeln, schleunigst die Flucht ergreifend, als jener mit wüthender Geberde hinaustauchte.
Das Gebet war zu Ende. Der Missionär stand auf, und auch die Gemeinde erhob sich in sitzende Stellung und begann einen wohlklingenden Gesang. Dann folgte eine Predigt. Während des Gebetes kniete der altersschwache Tui vor seinem Schaukelthron, mit ausgestreckten Armen sich an beiden Lehnen festhaltend, wie ein richtiger Asthmatiker, um das mühsame Athmen zu erleichtern. Jetzt setzte er sich in den Sessel, leise schaukelnd, indem er zuhörte.
Von dem Inhalt der Predigt blieb mir das Meiste unverständlich. Aber der leidenschaftliche und doch würdevolle Vortrag des Missionärs, der sonore, tiefe Wohlklang seiner Stimme, die Kraft der vokalreichen, melodiösen Sprache, die mir immer lautete wie italienisch, erbaute mich mehr, als alle in der Muttersprache genossenen Kanzelreden meiner Schulzeit. »Singai« und immer wieder »Singai« (nein) war der öfter wiederkehrende Schluss der Absätze einer längeren Periode, und »Duranga ni Papalang, Duranga ni Tonga, Duranga ni Viti« (der Herr Europa's, der Herr Tonga's, der Herr Viti's – diese drei Länder umfassen die ganze Geographie der Eingeborenen) waren ein paar andere der wenigen Worte, die ich verstand.
Als die Kirche aus war, musste ich noch mit dem Tui, seiner Frau und seiner hübschen Tochter in ihre Hütte treten, die zwar für einen so hohen Fürsten ziemlich eng und düster schien, aber einen grossartigen Moskitovorhang aus buntem europäischem Stoff besass. Da bei dem Mangel eines Interpreten auch diesmal die Konversation nicht recht gedeihen wollte, blieb ich nicht lange. Draussen lauerte bereits ein anderer meiner Freunde auf mich, bei dem ich ebenfalls eintreten musste. Dieser Freund war früher einige Jahre in Levuka gewesen und besass von dort her sein photographisches Konterfei in europäischer Kleidung, und nicht eher durfte ichs aus der Hand legen, als bis ich ihm und seiner Familie meine Bewunderung, was für ein nobler Herr er einstmals gewesen, durch die Geberdensprache verdeutlicht hatte. Er kredenzte mir, in ein Bananenblatt gewickelt, ein Stück langfaserigen gekochten Schildkrötenfleisches, dann gab ich ihm eine Zigarre und liess mir selbst eine von dem Burschen, der nächst dem Feuer hockte, anzünden. Bis sie wieder zu mir kam, ging sie durch drei oder vier Munde, indem jeder, der sie weiterreichte, erst einige Züge daraus für sich in Anspruch nahm.
Der Gottesdienst hatte einen tiefen Eindruck auf mich gemacht, und beschäftigte lebhaft meine Gedanken, als ich wieder nach Hause fuhr.
Ich bin weit entfernt, ein Freund der Mucker zu sein. Mir ist keine Sorte von Europäern unsympathischer, als jene scheinheiligen Reverends mit ihren weissen Halsbinden, ihren glattgescheitelten Haaren und ihren himmlisch verklärten Gesichtern, denen man in der Südsee so oft begegnet. Es wäre sehr naiv, sich unter diesen Missionären der Südsee aszetische Gestalten, hagere, von Entbehrungen und von der heiligen Leidenschaft für ihren Glauben abgezehrte Märtyrer vorzustellen. Gerade das entgegengesetzte Bild ist in der Regel das richtige. Es lebt sich unter den Palmenhainen der sonnigen Inselwelt sehr angenehm, wenn man Geld genug hat, und daran scheint es den Wesleyanern, dank dem grossen Humanitätssinn und Reichthum Englands und dank den Steuern, die sie den Eingeborenen abzunehmen verstehen, niemals zu fehlen. Ich werde mich wohl hüten, all das zu wiederholen, was ich von Ansiedlern auf Viti und anderwärts über Missionäre habe erzählen hören. Aber wenn auch nur der zehnte Theil davon wahr ist – dies ist ungefähr der Quotient, den ich von den Erzählungen überseeischer Weisser zu glauben pflege – so genügt mir das vollständig, nicht für Missionäre zu schwärmen, so gerne ich das Gute derselben anerkenne. Wie unwürdig die verschiedenen Sekten sich um ihre Proselyten stritten, ist zu bekannt, als dass es einer Erwähnung bedürfte.
Dennoch bin ich überzeugt, dass die Missionäre grosse Verdienste um die Wohlfahrt der Eingeborenen sich erworben haben. Despotie und Kannibalismus des Adels, gegenseitige Furcht, Unsicherheit des Lebens und des Eigenthums, ein Kriegszustand Aller gegen Alle lag schwer ehemals auf der Bevölkerung. Jetzt, in der christlichen Zeit, ist Friede und Ordnung bei ihr eingekehrt. Wenn man auch nicht Alles buchstäblich zu glauben braucht, was in den Berichten der Missionäre steht, so ist doch nicht zu leugnen, dass die Zustände der Vitis in der vorchristlichen Zeit schlimm genug waren, und dass ihre Christianisirung einen höchst erfreulichen Fortschritt herbeigeführt hat. Und wenn die Muckerei sie glücklicher macht, warum sollte die Muckerei schlecht und zu tadeln sein?
Nur möchte ich rufen: Bis hieher und nicht weiter. Gegenwärtig scheinen mir die Vitis gerade auf jener glücklichen Mitte zu stehen, die ihnen noch viele von den Vorzügen ihres heiteren Naturzustandes und zugleich schon das Wesentlichste von den Wohlthaten europäischer Zivilisation zu Theil werden lässt. Trotzdem will man noch immer nicht aufhören, sie zu beglücken.