So oft ich zu ihm kam, liess er für sich und für mich Kawa von seinen Jungen kauen. Sonst hatte er ja nichts, was er mir vorsetzen konnte. Sein Thal war nicht uninteressant. Ueberall wuchsen noch Baumwollestauden und trugen Blüthen und Früchte zugleich, aber kein Mensch kümmerte sich mehr um sie, und die zahlreichen grossen grünblau schillernden Wanzen die sich auf ihnen herumtrieben, blieben ungestört. Zwei alte Baumwollehandmühlen lagen in Trümmern und moderten, traurige Reste einer besseren Zeit.
Halbumgeben von einem rauschenden Bambusgeröhricht lag hinter dem Hügel das Grab der Familie Hink. Zwei Kinder des Doktors und seine Mutter ruhten darin. Es war ebenso wie die Gräber der Viti-Insulaner aus Korallen aufgebaut und mit der rothen Cordyline bepflanzt.
Ich machte noch öfter Besuch in Sanima, und eines Sonntags liess ich mich nach dem Frühstück von Niketi in der Jolle dorthin rudern, um dem Gottesdienst beizuwohnen.
Heftige Regengüsse wechselten mit Sonnenschein, und ich wurde durch und durch nass. Parallel mit uns strebten Männer, Weiber und Kinder auf den Geröllblöcken des Ufers ebenfalls der Kirche von Sanima zu und hielten sich zum Schutz gegen den Regen grosse Taroblätter über die Köpfe. Ich sah jetzt zum ersten mal vom Wasser aus den schönen steilansteigenden Busch mit seinen Baumfarnen und Palmen und herausragenden Felszacken, in dem ich so oft herumgeklettert war.
»Sa yandre, sa yandre« tönte es mir freundlich entgegen, als ich landete, die Jolle aufs Trockene zog und durch das Dorf ging. In der Kirche war noch Niemand versammelt. Auf dem Tisch für den Prediger lagen ein paar leere Tassen und Teller und eine alte schmierige Sardinenbüchse mit einem angeschmolzenen Stearinkerzenstummel, vielleicht die Geräthe der gestrigen Abendmahlzeit des frommen Mannes. Ausser dem Tisch in der Mitte der einen Hälfte des länglichen Raumes stand in der Ecke rechts davon ein Schaukelstuhl, thronartig etwas erhöht, wahrscheinlich für den greisen Tui, und neben diesem ein aschebedeckter Feuerplatz. Angelschnüre und ein leinenes Segel hingen in einer anderen Ecke. Sonst war nichts innerhalb der kahlen Strohwände. Kein Schmuck verzierte die rohen Balken des Gerüstes. Der Boden war mit Matten und einer weichen Farnkrautpolsterung darunter belegt.
Diese Kirche sah im Vergleich mit anderen, die ich später noch traf, ziemlich armselig aus. Sie unterschied sich wenig von den gewöhnlichen Hütten der Dorfbewohner, nur vielleicht dadurch, dass sie sechs Thüren, je eine vorne und hinten, und zwei an jeder Seite besass.
In der Regel sind auf Kandavu die Kirchen höher und sorgfältiger gebaut und mit weissem Kalk beworfen, wodurch sie schon von Ferne dominirend entgegenglänzen, und die beiden für die Vitibauart charakteristischen konischen Enden der Giebelbäume, welche nach vorne und nach hinten aus der Firste ein Meter hervorragen, sind mit festgebundenen Muscheln, dem weissen Ovulum ovum verziert, oder es hängen Guirlanden dieser Muscheln an Stricken aufgereiht von den Enden herab. Guirlanden von Ovulum ovum waren früher das Wahrzeichen der Häuptlinge. Jetzt dienen sie dazu, die Hoheitsrechte der Kirche auszudrücken. Da es noch keine Glocken giebt, so dienen noch immer zwei kurze backtrogähnlich ausgehöhlte Baumstämme, »Lali« genannt, einer davon grösser und mit tieferem Ton, durch Klöppel an den Kanten angeschlagen, dazu die Gemeinde zum Gottesdienst zu versammeln. Solche Lalis fehlten auch in Sanima nicht.
Ich frug nach dem »Missonari«, und eine Schaar diensteifriger Jungen führte mich zu dem braunen Missionär des Ortes. Ich kannte diesen bereits von früher her, und er empfing mich sehr freundlich. Seine äussere Erscheinung hat nichts Besonderes und ist die aller alten Viti-Insulaner. Er zeigte mir mit Stolz seine dicke in der Vitisprache zu Levuka gedruckte Bibel, die er bereits zur Kirche gerüstet unter dem Arm trug, und eine Kalendertafel, gleichfalls viti, die an der Wand hing. Er bemühte sich, mit mir englisch zu sprechen. Es wurde mir aber nicht recht klar, was er mir sagen wollte. Gleichwohl liess ichs nicht merken. Denn er schien viel auf seine linguistische Begabung zu halten, und die anwesende Jugend blickte bewundernd zu ihm hinauf.
Draussen ertönten die Lalis, und wir gingen zum Gottesdienst. Der Tui sass bereits in seinem Schaukelstuhl. Er wollte ihn grossmüthig und weniger ehrgeizig, als ich erwartet hatte, an mich abtreten, was ich jedoch nicht annahm.
Ich setzte mich auf den Boden zu den alten Männern in der bevorzugten Abtheilung hinter dem Tisch des Missionärs, dem Chor so zu sagen. Uns gegenüber sass die Gemeinde auf dem Boden, rechts von uns die weiblichen, links die männlichen Individuen, alle in frischgewaschenen weissen oder bunten Sulus. Die Weiber trugen sämmtlich den obligaten Pinafore. Nur ein Mädchen, das wahrscheinlich keinen besass, erschien mit unbedeckten Brüsten und suchte sich verlegen hinter die anderen zu verstecken. Ebenso wie der Tui hatten der Missionär und die Alten wohlgeglättete europäische Hemden und darüber den langen Sulu an. Sie sahen viel reinlicher aus als ich, dessen Kleider die Spuren des Regens und des schmutzigen Bootes zeigten. Die »Marama«, die Frau des Tui, kam etwas zu spät und sank in der vordersten Reihe mit derselben ostentativen Frömmigkeit, die bei noblen Damen in Europa Mode ist, zur Erde, das Antlitz tief gebeugt, um sich zu sammeln. Wo sie das wohl gelernt haben mochte. Heute hatte sie ein Hemd und einen gestickten Unterrock an und nahm sich darin affenartig läppisch aus. An Werktagen trägt sie gewöhnlich nur den Sulu.