Die Bereitung der Tapa, des einheimischen Tuches, wird auf Kandavu von den Weibern noch immer mit grossem Fleisse betrieben, trotz der Einfuhr und der Beliebtheit der europäischen Baumwollenzeuge. Ich weiss nicht, wie es sich hiermit auf den anderen Inseln verhält, und ob nicht vielleicht dieser alte Industriezweig seine Aufrechterhaltung auf Kandavu nur den amerikanischen Dampfern verdankt, die alle Monate zweimal hier anlegen und eine Masse Passagiere aus Australien, Neuseeland und San Francisco bringen, welche gern ein Stück Tapa als Andenken kaufen und theuer bezahlen. Um Tapa zu machen, wird der Bast des Papiermaulbeerbaums, einer Broussonetia, in Streifen von den Stämmen geschält, mit viereckigen Klöppeln aus hartem und schwerem Holz in die Breite und Länge geklopft und mehrere Streifen zu beliebigen Grössen zusammengefilzt durch immerwährendes Klopfen, wobei der eigene Saft des Fasergewebes bindend zu wirken scheint. Dieser schöne Stoff wird theils weiss, theils gefärbt verwendet. Schon seit urdenklichen Zeiten kennen die Insulanerinnen das Verfahren des Zeugdrucks. Sie bedienen sich theils geschnitzter theils geflochtener Matritzen, um die Tapa mit stylvollen Mustern meist von rothbrauner Farbe zu zieren. Der taktmässige Lärm der Tapaklöppel ist für ein Vitidorf eben so charakteristisch und stimmungsvoll wie bei uns auf den Dörfern im Herbste das Dreschen. Schon von weitem hört man daran im Busch, dass man sich einem Dorfe nähert.
An einem mit hohem Gras bewachsenen Hügel fand ich die leere Wohnstätte eines Weissen. Unten standen zwei grosse europäische Fahrzeuge auf Helgen, eines davon noch im Bau. Der Platz gehörte jenem Schiffszimmermann, der eben mit seinem ganzen Kindersegen in Wailevu wohnte und arbeitete. Hier sah ich zum ersten mal die auf Kandavu überall in den brackigen Tümpeln des Ufersaumes vorkommenden Springfische. Diese fingerlangen Geschöpfe vermögen sich mittels ihrer starken Brustflossen hüpfend über die Sandbänke fortzubewegen und so von einem Tümpel in den anderen zu entweichen.
Den Schluss meines Weges bildete ein stinkender Mangrovesumpf, an dem ich umkehrte. Weit draussen segelte ein Vitikanuu vorbei, und Gesang und Getrommel tönte fröhlich wie immer zu mir herüber.
Als ich, verfolgt in respektvoller Entfernung von einer halb scheuen, halb muthwilligen Kinderschaar, den alten Tui aufsuchte, sass er gerade vor seiner ärmlichen Hütte und schnitzelte mit einem funkelnagelneuen Messer, das er erst kürzlich von meinem Gastfreund erhalten, an einem Stück Holz herum, welches sich zu einem Wasserschöpfer für sein Boot gestaltete. Er besass nämlich ein europäisches Boot und war sehr stolz darauf. Er schüttelte mir kräftig die Hand und lud mich ein, neben ihm niederzusitzen. Auch seine Frau kam heraus und begrüsste mich. Eine Konversation wollte jedoch nicht recht gelingen, und so nahm ich denn wieder Abschied, nachdem ich seinen Kutter, der sorgfältig mit einem Theertuch gegen die Sonne geschützt in einem eigenen Hafen lag, bewundert hatte.
Auf den Geröllblöcken kurz vor Gavatina begegneten mir sechs Mädchen aus Wailevu, welche mit schneeweissen Sulus und theils scharlach- theils purpurrothen Pinafores angethan und mit frischen Blätterguirlanden um den Kopf und den Hals und den Gürtel geschmückt, nach Sanima marschirten, um bei Freundinnen vorzusprechen. Sie hatten offenbar die Absicht, in dem weitabgelegenen bescheidenen Sanima, wohin solch gleissende Kleiderpracht und so viel Bekleidung überhaupt noch nicht gedrungen war, als Grossstädterinnen zu imponiren.
Am folgenden Tag ging ich zu Doktor Hink, unserm weissen und nächsten Nachbarn zur Linken.
Doktor Hink war ehemals Arzt in Melbourne und ein reicher Mann gewesen. Durch Spekulation hatte er sein Vermögen verloren und war nach Viti übergesiedelt, um hier Baumwollenpflanzer zu werden. Nach einer kurzen Blüthezeit der Baumwolle auf Viti während des Amerikanischen Bürgerkrieges folgte der Umschlag, machte die ganze Kolonie bankerott, und Doktor Hink war wieder so arm wie zuvor. Jetzt lebte er auf seinem Grundstück, von dem man nicht genau wusste, ob es ihm auch noch gehöre – Besitztitel in so primitiven Ländern sind ja selten unanfechtbar – ohne einen Pfennig in der Tasche zu haben wie so viele Andere. Um ihn herum wuchs eine Menge von Kokosnüssen, Taro und Yams, so dass er eigentlich nie zu hungern brauchte. Auch hatte er etliche Schweine, die sich ohne sein Zuthun vermehrten. Wollte er Geflügel haben, so ging er mit seinem alten Militärgewehr in den Busch, um Papageien zu schiessen, und gelüstete ihn nach Brandy, so kam er zu uns herüber und klagte jämmerlich über Magenschmerzen, worauf in der Regel Herr Kleinschmidt gutherzig genug war, ihm einen Schluck der Universalmedizin zu gewähren.
Man erzählte von dem Doktor, dass seine Vergangenheit keine ganz ungetrübte sei, dass er zu Melbourne den Schnaps nicht blos heimlich geliebt, sondern auch heimlich in grösseren Quantitäten fabrizirt habe, weshalb er sich eines Tages genöthigt sah, nach dem damals noch nicht unter britischer Flagge stehenden Viti zu entweichen. Beweise hierfür waren natürlich nicht beizubringen. Nur Eines musste ich dem Kollegen verübeln, nämlich dass er im Anfang, als er noch nicht recht wusste, zu welchem Zweck ich auf Kandavu weilte, mich zu beschwindeln versuchte, mit ihm ein Kompagniegeschäft zur massenhaften Erzeugung von Kopra zu entriren, wobei ich das Geld, er aber sein zweifelhaftes Besitzthum hergeben sollte. Unter Kopra versteht man das in Streifen geschnittene und an der Sonne gedörrte Fleisch der Kokosnüsse, welches direkt nach Europa verschifft wird, um zur Kokosöl- und Kokosseifenbereitung zu dienen.
Naikorokoro ist der Vitinamen des Thales, in dem der Doktor lebte. Er nannte es indess Tokalau, vielleicht zu Ehren der Eingeborenen der nördlich von Viti gelegenen Gruppe dieses Namens, welche einst als Kulis für ihn hier gearbeitet hatten. Seine Wohnstätte war ein geräumiges luftiges Haus aus Palmblättern im Vitistyl und stand sehr malerisch, umgeben und beschattet von Palmen, Bananas und Papayas, auf einem kleinen Hügel, der eine hübsche Rundschau beherrschte. Gerade im Norden lag Benga, die nächste Insel, und dahinter die blauen Kontouren von Vitilevu und Vanualevu und vielen anderen, aber blos bei hellem Wetter deutlich erkennbar. Rechts trat das unbewohnte Ono hervor, welches, nur getrennt durch eine schmale Untiefe, das östliche Ende Kandavus bildet.
Das Innere sah im Vergleich zu unseren beschränkten Verhältnissen von Gavatina sehr komfortabel aus. Europäische Möbel und elegante messingene Kleiderhaken bildeten einen anmuthigen Kontrast zu den rohen Baumstämmen und Palmstrohwänden, zu dem nackten Erdboden und den Thüröffnungen ohne Thüren. Es musste sich hier sehr idyllisch leben. Doktor Hink dachte darüber freilich anders und wünschte Viti und die ganze Romantik seines Daseins zu allen Teufeln und sich selbst nach Old England zurück. Doch behauptete er noch nicht alle Hoffnung aufgegeben zu haben und schwärmte warm für die Kopra.