Einigemal als ich Nachts in Folge von Kawa-Genuss nicht schlafen konnte, nahm ich die Jolle und fuhr hinaus, um das Meerleuchten zu beobachten. Ich konnte aber nie etwas nennenswerth Prächtiges entdecken. Das Wasser war stets zu unruhig um deutlich in die Tiefen zu sehen und der Sternenhimmel zu hell um die bescheidenen phosphoreszirenden Blitze, die wahrscheinlich von Fischen erregt unten hin und her zuckten, nicht zu beeinträchtigen. Ich sah nicht mehr als in jedem Salzwasser und viel weniger als in der Nordsee gewöhnlich am Strande zu sehen ist. Von Korallen sah ich niemals ein Leuchten ausgehen.
Wie bereits erwähnt, springen links und rechts von Gavatina steile Bergrücken in die See vor, und hinter diesen folgen zwei andere Thäler mit Palmenhainen. In dem Thale rechts liegt das Dorf des alten Oberhäuptlings, Sanima, in dem Thale links wohnte ein Engländer, Doktor Hink mit seiner Familie.
Um dem alten Tui meinen Gegenbesuch abzustatten, ging ich an einem der ersten Tage nach Sanima. Der Weg dorthin führt um eine scharfe Ecke der vielgebuchteten Insel dem Ufer des Meeres entlang, das hier zu Lande überhaupt die vorzüglichste Verkehrsstrasse bildet. Bald ist es weicher, hässlich nachgiebiger Sand, bald das Wurzelwerk stinkender Mangrovesümpfe, bald sind es lose gehäufte Felsblöcke, über die sie dahinführt, und es ist schwer zu sagen, welche der drei Arten die beschwerlichste und ermüdendste ist. Pferde oder Wagen giebt es nicht auf Kandavu, sie wären auch zu nichts zu gebrauchen. Zwischen Gavatina und Sanima herrscht grösstentheils die Felsblockkonstruktion. Rechts baut sich der herrliche Wald in die Höhe, hellgrüne Farne und dunkelglänzendes Buschwerk hängt an den Felsenkanten herab, links brandet draussen die blaue See in blitzenden Linien. Aber von all diesen Schönheiten ist im Gehen nichts zu geniessen. Denn die Blöcke sind glatt und schlüpfrig, und eine Menge Fliegen umschwirren zudringlich den Wanderer.
Nach einer halben Stunde tritt der Berg zurück, statt der mühseligen Blöcke knirscht weicher Korallensand unter den Füssen. Palmen wogen durch ein freundliches Thal, wir sind in Sanima.
Einige kleine Nacktfrösche laufen erschrocken davon und schreien »Papalang, Papalang«. Ihnen schliesst sich eine Schaar lustiger Ferkel an und rennt wo möglich noch flinker ins Dorf hinein, aufgeregt die Ringelschwänzchen im Kreise drehend. Ein Köter fängt an zu knurren, zieht aber sogleich feige den Schweif ein und retirirt, sowie wir uns nähern. Der Weisse scheint für sie alle eine gleich unheimliche Erscheinung zu sein.
Diese Vitihunde, die wahrscheinlich zugleich mit den Insulanern eingewandert sind, weichen in ihrem Typus auffallend von ihren europäischen Brüdern ab. Sie gleichen in der Grösse unserem Spitz, haben aber glatte Haare. Ihr Gesicht trägt den Ausdruck der Niederträchtigkeit und Falschheit, und die aufgestülpte Spürnase verleiht ihnen etwas Hyänenartiges.
Die struppigen Hütten des Dorfes sind weit auseinander gebaut und ziehen sich eine gute Strecke dem Ufer parallel im Schatten des Palmenhaines hin. Hie und da stehen kleine Papaya-Gärten angepflanzt. Ein Bach durchschneidet das Thal, grosse Pandaneen ragen aus seiner Schlucht hervor. Der Boden ist festgestampft und ohne Bewachsung. Kleine Eremitenkrebse schleppen auch hier ihre schweren Gehäuse herum.
Sanima ist, obgleich die Residenz des obersten Häuptlings der Insel, keine vornehme Ortschaft. Dies sagt schon der Lärm der Tapaklöppel, welcher überall aus den Hütten dringt. Früher duldeten hohe Aristokraten solche plebeische geräuschvolle Arbeit nirgends in ihrer Umgebung. Sowie ich mich nähere und der Ruf »Papalang« mir vorauseilt, verstummt das Klopfen, und zu allen Thüren strecken neugierige Weiber ihre Köpfe heraus und winkten mir freundlich grinsend, einzutreten. Die Vitis winken nicht, wie wir, mit dem Rücken der Hand, sondern mit dem Handteller nach unten, wie überhaupt die meisten Völker. Schon bei den Süditalienern beginnt diese für uns fremdartige Geberde, die mich im Anfang glauben machte, man wolle mich hinwegweisen. Der Sinn und der Ursprung beider Arten ist schliesslich der gleiche, nämlich die Absicht, einen begehrten Gegenstand zu fassen und heranzuziehen.
Ich ging erst durchs ganze Dorf um mich zu orientiren und fand dann einen so schönen schattigen Pfad, durch den ein kühlender Zephyr von der See hereinwehte, dass ich meinen Spaziergang noch weiter ausdehnte. Unter hohen Dilobäumen standen regelmässig geordnet Bananas und Papayas angepflanzt, und in der Mitte dieses anmuthigen Haines entdeckte ich den kleinen Friedhof von Sanima. Einfache längliche Grabhügel ohne Kreuz oder Denkstein, eingefasst von Korallenbruchstücken und Muscheln, liegen in drei oder vier Reihen neben einander. Hecken von rothblätterigen Cordyline-Bäumchen, die hier zu Lande die Stelle unserer Trauerweide vertreten, was übrigens die Eingeborenen nicht hindert, sich der Blätter auch zum freudigen Schmuck zu bedienen und sie um die Schläfen, Lenden und Waden zu binden, umgeben die Stätte. Durch eine Lücke im dichten Gebüsch blickt die blaue See herein, und schüchtern sendet von oben die Sonne einige zitternde Strahlen herab.
In der Ferne hörte ich abermals Tapa klopfen, und bald darauf kam ich an zwei einzelne Hütten, in denen ein Dutzend Weiber emsig der Tuchbereitung sich hingaben. Ich setzte mich zu ihnen und bat sie, sich nicht stören zu lassen, da ich mich für ihre Arbeit interessirte. Aber sie verstanden aus meiner Mimik nicht was ich wollte, und lachten laut bei jedem Versuche mich ihnen begreiflich zu machen.