Vielfach zerklüftet an der Oberfläche, in einzelnen Blöcken über das Niveau der Ebbe hervorragend, durchzogen von geräumigen Höhlen und Löchern, tritt diese interessante Zone, welche eigentlich nur eine Fortsetzung des festen Landes bildet, in die See vor. Nach einer durchschnittlichen Breite von zweihundert Schritt fällt sie steil zur dunklen Tiefe hinab, aus welcher dann noch weiter draussen einige isolirte, gewöhnlich kreisrunde Riffe mit höherer Umwallung und niedrigerem Zentrum, Miniaturatolle, emporsteigen. In der Nähe des Ufers, wo beständig Sand und Geröll und Schlick hin und her gespült wird, ist das animalische Gestein längst todt und verräth nur an einzelnen Stellen durch die Korallenstruktur seinen Ursprung. Erst in grösserer Entfernung vom Schmutz des Landes hausen und bauen die lebenden Generationen. Zur Zeit der Ebbe, welche hier im Stillen Ozean nicht mehr als etwa ein Meter vom Hochwasserstand differirt, konnte ich oft bis fast zum äussersten Absturz des Riffes hinauswaten, und mit einer eisernen Stange die schönsten Korallenbäumchen losbrechen. Die mannigfaltigsten Formen waren vertreten. Leider gelang es mir nie, die Blüthenthiere selbst entfaltet zu sehen. Dass in den einzelnen Kelchen noch lebende Thiere sassen, war unverkennbar, aber sie hatten sich zu gestaltlosen Klumpen von den prachtvollsten hellgrünen, purpurnen und azurblauen Farben zusammen- und zurückgezogen. Wenn ich sie auch sofort ins Aquarium verpflanzte und dessen Wasser fast stündlich erneuerte, sie blieben eigensinnig unsichtbar, zu meiner schmerzlichen Enttäuschung, während doch ihre Verwandten in unserer Nordsee, die Sertularien, mir ihren vollen Anblick niemals missgönnt hatten.
Für diese Sprödigkeit entschädigte übrigens reichlich die ungeahnte Fülle von allen möglichen Meeresbewohnern, denen die von den stillen Baumeistern der Tiefe geschaffenen Schlupfwinkel als geschützter Aufenthalt dienten. Eine Menge kleiner Fische, in den verschiedensten Farben des Spektrums schillernd, merkwürdig intensiv blaue Seesterne, eine Unzahl von Seeigeln und Holothurien, von Würmern und Schnecken, die meisten prachtvoll und glänzend, trieb sich dort in den Löchern und Tümpeln herum. Gelb und schwarz geringelte Wasserschlangen schlängelten sich über den Boden, hinter Steinen verborgen sassen schlüpfrige Aale, nur mit dem Kopf scheu hervorguckend, fuhren blitzschnell zurück, wenn man sich nahte, und bissen wüthend die Hand, wenn man sie griff. Es war überhaupt nicht ungefährlich, mit der Hand unter die Steine zu langen. Da lauerten oft Seeigel mit so feinen und zarten Stacheln, dass sie an der Spitze abbrachen und in der Haut stecken blieben, kaum sichtbar, aber genügend um Geschwüre zu erzeugen, oder es spreizten Skorpänen ihre scharfen Flossenstrahlen und konnten sehr schmerzhafte Verletzungen beibringen.
Am interessantesten waren mir zwei Mollusken durch ihre ausgezeichnete Lebhaftigkeit, eine handgrosse Nacktschnecke, Doris, und eine wallnussgrosse Muschel, Lima. War die Doris, wenn sie mit ihrem rosenfarbenen Körper in eleganter vertikal gerichteter Wellenbewegung das Aquarium durchmass, schon auffallend genug, so wirkte die Behendigkeit der Lima, einer Vertreterin jener Thierklasse, an die wir gewöhnlich den Begriff des Langsamen und Unbehülflichen knüpfen, noch überraschender. Auf den ersten Blick hatte die Lima wenig Aehnlichkeit mit einer gewöhnlichen Muschel. Ueber die beiden Schalen, welche vorn und hinten bedeutend klaffen, ragt der Mantelsaum hervor und trägt mehrere Reihen purpurroth quergeringelter Fransen, deren längste länger sind als das Thier selbst und dieses vollständig einhüllen können, so dass man nichts sieht als einen Knäuel flotirender und sich krümmender wurmartiger Gebilde. Leicht reissen einzelne ab und bewegen sich dann auf eigene Faust noch lange weiter.
Plötzlich geräth Leben in das unerklärliche Wesen. Es erhebt sich vom Grunde und schwimmt ruckweise rings an den Wänden des Glasgefässes hin. Jetzt werden die beiden Schalen sichtbar, und deutlich beobachten wir, wie das Thier durch abwechselndes Oeffnen und Schliessen derselben sich vorwärts stösst, während der Fransenknäuel wie eine feurige Garbe nachschleppt. Nun setzt es sich wieder, und gerade so günstig, dass wir in das klaffende Innere sehen können. Wir sehen die braunen Kiemen, und zwischen ihnen streckt sich der schmale Fuss vor und tastet auf dem Boden herum, einem Blutegel vergleichbar. Der Fuss saugt sich fest mit seinem vorderen Ende, und durch eine rasche Kontraktion zieht er das ganze Thier hinter sich nach. Mehrmals wiederholt sich dieses Manöver. Die Muschel marschirt vorwärts wie eine Raupe.
Von unserer europäischen Lima weiss man, dass sie ein Nest für sich baut und darin den grössten Theil ihres Daseins in beschaulicher Ruhe zubringt. Auf dem Riff von Gavatina habe ich niemals Nester, wohl aber ziemlich häufig das freie Thier im Wasser sich tummelnd gefunden.
Zur Zeit der Ebbe blieben wir selten allein auf den Korallenbänken. Eingeborene schlossen sich uns an, um Fische zu fangen, und so weit wir die Küste überschauen konnten, war sie belebt von Menschen, die unter fröhlichem Geschrei sich dieser Beschäftigung hingaben, die wenigen Reiher, welche gleichfalls zu fischen kamen, nach den äussersten Aussenriffen verscheuchend.
Auch bei Nacht herrschte dann ein reges Treiben dort. Allenthalben bewegten sich brennende Fackeln hin und her, und Bambusgeklapper und laute Stimmen weckten das Echo der finsteren Waldberge. Es schien mir als ob diese lärmende Lustbarkeit grossentheils dazu dienen sollte, Muth einzuflössen, da sich die Insulaner in der Dunkelheit vor allerhand bösen Geistern fürchten.
Die von der Ebbe in den Tümpeln zwischen den Riffen zurückgelassenen Fische wurden mittels kleiner viereckiger Netze gefangen, indem man dieselben auf den Boden der Tümpel legte, die Fische darüberjagte und mit einem schnellen Ruck aufs Trockene warf. Auch bedient man sich zur Betäubung der Fische einer Eugenia-Art, und man sah alte Strünke davon überall auf den Riffen herumgestreut. Wenn eine Gesellschaft junger Männer am Strand entlang zog, waren sie gewöhnlich mit zugespitzten hölzernen Wurflanzen bewaffnet, mit denen sie auf Fische im seichten Wasser zu werfen pflegten. Ich habe aber nie gesehen dass einer einen Fisch getroffen hätte.
Es gab massenhaft Holothurien rings um die Insel, mindestens zehn Arten waren überall gemein. Indess schienen diese Thiere, die anderwärts in der Südsee als Trepang für den chinesischen Markt getrocknet eine so grosse Rolle spielen, hier von den Eingeborenen kaum beachtet zu werden. Am häufigsten war eine grosse armsdicke und vorderarmslange schwarze Seegurke, die zu einer prallen und harten Wurst zusammengezogen überall herumlag. Ihr Gegentheil in Bezug auf Konsistenz bildete eine Synapta, die den Eindruck einer leeren nur mit wässerigem Schleim gefüllten Wursthaut machte.
Auf unseren Riffexpeditionen trafen wir gewöhnlich mit einem hübschen schlankgewachsenen Mädchen zusammen, welches ganz ausgezeichnet schöne Beine besass. Diese Beine wirkten ästhetisch befriedigend namentlich dadurch, dass sie aus einem kurzen Blättergürtel hervorwuchsen, welcher die einzige Bekleidung des hübschen Mädchens war. In der einen Hand ein schmales Netz aus Kokosnussfasern, an der anderen ihren kleinen Bruder, der einherlief so wie ihn Gott erschaffen hatte, bot sie das malenswertheste Modell einer reizenden Wildin.