Ausser dem fast niemals schweigenden unmelodischen »Giek gak, Giek gak« der gemeinen dunkelrothen Papageien ist noch eine andere Vogelstimme charakteristisch für den Busch von Viti. Es giebt eine grosse Taubenart hier, welche bellt wie ein Hund, und ihr rauhes »Hu hu, Hu hu hu« hat sogar einen bedeutenden Gelehrten verführt, von wilden Hunden zu sprechen, die sich in den Bergen herumtreiben. Eigentliche Sänger des Waldes besitzt Viti nicht. Man hört wohl hie und da ein langgedehntes flötendes Pfeifen, welches die niedliche gelbköpfige Taube ausstösst, oder es piepst ein Fächerschwänzchen im Gebüsch, ärgerlich über unser Nahen mit gespreizten Flügeln hin- und herflatternd, als ob es uns verjagen wollte. Aber Melodien zu singen haben alle diese Vögel nie gelernt.
Viel sympathischer waren mir die zahllosen kleinen Eremitenkrebse, denen ich nicht selten hoch oben im Busch begegnete. Dass diese Kiementhiere in der schattigen, feuchten Atmosphäre der tropischen Vegetation sich gerne ergehen, ist weniger überraschend, als dass sie auch in der Sonnenhitze des Strandes herumzubummeln vermögen. Sie müssen eine starke Fähigkeit, sich den heterogensten Umgebungen anzupassen, besitzen. Sie wählten vorzugsweise die schweren Gehäuse der Neritinen zur Bekleidung ihres weichen Hinterleibs, und bedächtig und sicher steigen sie mit dieser erheblichen Last über alle Hemmnisse. Vorsichtig ducken sie sich oder lassen sich von Erhöhungen herabfallen, wenn sie uns bemerken, und legt man sich nieder um zu lauschen, so knistert es von ihnen überall unter dem Laube. Ihre Bewegungen und ihr Thun macht den Eindruck grosser Intelligenz. Wo sie nur etwas Essbares finden, prüfen sie es erst genau von jeder Seite, dann packen sie zu mit der einen verlängerten Scheere und führen Bissen um Bissen zum Munde. Ganz besonders beliebt sind ihnen wie allen Thieren die Kokosnüsse.
Ausser diesen Eremitenkrebsen, welche dem Meeresufer angehören, findet man etwas seltener im Busch einen echten Landeremitenkrebs, der sich das leichtere Gehäuse des Bulimus Seemanni als Wohnung erkoren hat. Er ist viel behender als jene, und schnell humpelt er unter einen Felsen oder einen Baumstamm, wenn man ihn überrascht.
Einmal führte mich Herr Kleinschmidt an einen Platz im Busch, wo eben ein grosses Kanuu zugehauen wurde. Kandavu ist seit urdenklichen Zeiten berühmt wegen seines vortrefflich hierzu geeigneten Holzes. Viele Häuptlinge besitzen zwar europäische Böte, der gemeine und ärmere Mann nimmt indess immer noch mit dem Kanuu alten Styles vorlieb.
Die Bäume werden zu diesem Zweck hoch oben auf dem Berge gefällt, an Ort und Stelle ausgehöhlt und erst im fertigen Zustande nach dem Ufer hinabgeschleift, was bei den grossen Schwierigkeiten allein oft eine Arbeit mehrerer Wochen ist. Zum Bearbeiten des Holzes dienen jetzt europäische eiserne Beile, die jedoch noch immer in der alten Weise, wie ehemals die Steinäxte, an den Stiel befestigt werden, die Schneide nicht wie bei uns parallel, sondern quer zum Griffe. Als Stiel wird ein junger Baumstamm verwendet, aus welchem spitzwinkelig ein starker Ast hervorwächst. Dieser letztere bildet den Griff, an den hakenförmig zugeschnitzten Stammtheil wird das Beil platt mit der Fläche daraufgelegt, durch Stricke aufs solideste festgebunden.
Bei jenem Kanuubau, den ich beobachtete, war der Baum so gefallen, dass er nur an zwei Punkten den unebenen Boden voll dichter Vegetation und Wurzeln berührte. Nachdem eine Reihe Querbalken untergeschoben war, hatte man diese zwei Stellen abgegraben, so dass der Baum vollständig frei über der Erde schwebte. Die obere Seite wurde zum Kiel zugeschärft, die untere ausgehöhlt, wozu die Zimmerleute sich unter dem Baum auf den Rücken legten.
Ein solch schmaler Kahn aus einem einzigen Baum wäre nun ein sehr schwankes Fahrzeug und kaum tauglich zum Segeln, wenn das labile Gleichgewicht nicht durch eine sinnreiche Vorrichtung unterstützt würde. Es wird nämlich – und diess ist charakteristisch für alle polynesichen Fahrzeuge – ein sogenannter Ausleger »Kama«, ein zweites Kanuu, nur viel kleiner und meist sogar nur aus einem vorn und hinten zugespitzten und mit Kiel versehenen Baumstamm bestehend, zwei bis drei Meter entfernt durch Querstangen neben und parallel dem ersten Kanuu befestigt. Das Fahrzeug wird auf diese Weise breiter und sicherer, ohne durch allzu grossen Körper an Leichtigkeit einzubüssen. Die verbindenden Holzgerüste aus dünnem Lattenwerk, die bei den Vitis nicht gerade zwischen beiden Kanuus von Bord zu Bord gehen, sondern beiderseits erhöht auf gekreuzten Pfosten ruhen, erscheinen sehr gebrechlich und geben dem Ganzen ein spinnenartiges Aussehen.
Diese polynesischen Kanuus segeln sehr schnell. Manche Reisende sprechen von zwanzig und mehr Seemeilen per Stunde, was jedoch zweifellos Uebertreibung ist. Wenn sie gegen den Wind aufkreuzen, muss der Ausleger immer auf der Windseite bleiben. Aus diesem Grund können sie nicht auf unsere Weise wenden, also entweder »über Stag gehen« oder »halsen«, wobei einmal die rechte, das anderemal die linke Seite des Bootes zur Windseite wird. Sie müssen einfach umkehren, rückwärtsgehen, das Vordertheil muss Hintertheil, das Hintertheil Vordertheil werden. Hiebei wird der Mast, der unten wie in einem Scharnier beweglich ist, schräg nach dem jeweiligen Vordertheil geneigt, und das dreieckige lateinische Mattensegel fliegt herum, indem man den Hals desselben nach der entgegengesetzten Seite bringt.
Ein nicht minder reiches Leben wie im Busch, wenn auch gänzlich verschiedenartig, tummelte sich an der anderen Seite unseres Thales, draussen über den Riffen herum.
Keine hundert Schritt vom Ufer, in gleicher Flucht mit der sanften kaum merklichen Böschung des angeschwemmten Sandes und ohne scharfe Grenze, begannen die nackten Korallenbänke, durch das süsse Wasser unseres Bächleins, welches eine tiefe Schlucht einschnitt, in zwei Hauptmassen geschieden, da ja die Korallenthiere nur in der unverdünnten Salzfluth zu gedeihen und zu bauen vermögen.