Was wir von den Eingeborenen kauften, wurde in der Regel mit Waaren bezahlt. Messer und Scheeren, Aexte und Angelhaken, Baumwollenzeug, zwei Ellen mit den ausgespannten Armen gemessen gleich einem Sulu, Glasperlen, Nähfaden und rothe Wolle, womit die Matten aus Pandanusblättern an den Rändern verziert werden, waren die hauptsächlichsten Tauschartikel. Die Insulaner prüften Alles sorgfältig, ob es auch gut sei, ehe sie nahmen. Das »Billig und schlecht« soll auch ihnen bereits bekannt sein. In denselben Artikeln bestanden unsere Gastgeschenke, wenn wir auf Exkursionen bei einem Häuptling übernachteten.

Ueberall wo der schöne hellblinkende Korallensand das Ufer bedeckt, schiebt sich von innen heraus als erste Vegetationszone ein flach auf dem Boden fortkriechender dickblätteriger Convolvulus mit rosenfarbenen Blüthen vor, die schönste und stylvollste Besäumung der Palmenhaine, die man sich denken kann. Dies scheint die einzige kleinere Pflanze zu sein, die selbst des geringsten Schattens entbehren kann, aber auch nur, indem sie in geschlossenen Massen der Sonnenhitze entgegentritt. Die Grenzen ihres Bereiches sind scharf abgeschnitten, und einzelne eigenmächtig vordringende Ranken verfallen dem Tode.

Etliche Schritte einwärts beginnen die Palmen. Der Convolvulusteppich wird spärlicher, und ein verworrenes Strauchwerk von Ricinus, Croton, Farnen und hohem Gras breitet sich unter ihnen aus. Hie und da ragen mächtige durch ihre knorrigen Zweige an unsere Eichen erinnernde Dilobäume mit steifen lorbeerähnlichen Blättern weit über alles Andere hervor. Häufig sieht man die Reste verlassener Baumwollenpflanzungen mitten zwischen Gestrüpp und im ungleichen, hoffnungslosen Kampf mit diesem. Solcher Art ist auch der Charakter unseres stillen Thales von Gavatina.

Einen Büchsenschuss vom Strande entfernt rücken die Berge zu einer schmalen Schlucht zusammen, durch welche ein murmelndes Bächlein herabsteigt. Am Fusse der Berge beginnt der Busch. Schmale und steile Pfade winden sich in ihm aufwärts, von den Eingeborenen ausgetreten, welche dort oben Holz, Lichtnüsse und Zitronen holen oder in ausgebrannten Rodungen Bergtaro bauen. Oft hören diese Pfade plötzlich auf, und will man dann noch weiter im Dickicht dringen, so stemmen sich Hindernisse entgegen, deren Grossartigkeit aller Beschreibung spottet.

Gleich der erste Ausflug, den ich mit meinem Gastfreund und dessen Burschen Niketi unternahm, gab mir einen Begriff von den Schwierigkeiten des Naturforschens in tropischer Vegetation.

Mit Flinten und Schiessbedarf, Schachteln und Gläsern, Pflanzenpapier und Baumwolle ausgerüstet, alle Taschen dick bepackt, kletterten wir durch einen halbvertrockneten Wasserlauf voller Felsblöcke die jungfräulichen Urwaldgründe hinauf, der kleine nackte Niketi gewandt voran, obgleich er der Schwerstbeladene von uns dreien war und bei dem Mangel an Taschen in der einen Hand eine Blechbüchse mit Gypspulver zum Bestreuen der blutenden Wunden geschossener Vögel, in der anderen eine Spiritusflasche zu tragen, überdies einen für ihn viel zu grossen Ranzen umgehängt und später auch noch den ebenfalls viel zu grossen Filzhut seines Herrn, der diesem lästig wurde, auf den Kopf gestülpt hatte.

Je höher wir kamen, desto enger drängte sich das Gewirr der Bäume, Sträucher und Lianen über uns zusammen. Dunkelrothe Papageien flogen, ein langweiliges Giek gak ausstossend und ihren Schwanz breit entfaltend, über uns hin. Aber um diese gemeinen Vögel war es uns heute nicht zu thun. Herr Kleinschmidt wollte eine kleine niedliche hellgrüne Taubenart mit gelben Köpfen schiessen, die nur ganz oben zu finden ist. Noch eine gute Strecke aufwärts war zu überwinden, und wir sahen uns plötzlich mitten im pfadlosen Dickicht. Mein Freund war schon öfter diesen Weg gekommen, aber keine Spur seiner früheren Bahnen liess sich entdecken.

Durch das Laub war gerade noch die Richtung der Sonne zu errathen. Baumstämme jeden Kalibers, Felsblöcke und mannstiefe Löcher, Alles überwuchert von hundert verschiedenen Pflanzen, bildeten den Boden. In allen Richtungen kreuzten sich die Lianen, legten sich bei jedem Schritt vorwärts um Arme und Beine, um die Brust und den Hals und quer über die Nase. Jede einzelne fordert einen eigenen Messerschnitt. Hat man auf diese Weise den Oberkörper sich frei gemacht, kostet es immer noch Anstrengung, den Fuss sammt dem Stiefel aus zahlreichen Schlingen herauszuziehen und vorwärtszusetzen. Harte Felsen sind unter dem ungleichen Boden verborgen und schmerzen heftig den Fuss, wenn man allzu dreist auftritt. Jetzt kommt ein gefallener mächtiger Baumstamm zu überwinden. Man krallt sich hinauf, die morsche Rinde bricht, und man plumpst in den Mulm des hohlen Innern hinab, in dem es von fingerlangen Engerlingen wimmelt. Man hält sich an die Schmarotzerbekleidung eines noch stehenden Baumes, um sich emporzuziehen, die ganze Säule fällt um. Denn der Baum selbst existirt schon lange nicht mehr, nur die Lianen, die ihn umstrickten, haben seine dicht mit parasitären Pflanzen überzogene Rinde bisher gehalten. Gar viele andere todte Stämme sind noch vorhanden und stehen noch, bis sie eines schönen Tages der geringste Anstoss umwirft. Nicht selten hörte ich des Nachts, wenn ich unten in meinem Zelte schlaflos lag, das prasselnde Fallen einer derartigen Leiche oben im Busch durch das Rauschen des Windes.

Unter solchen Mühseligkeiten waren wir endlich dem Gipfel näher gekommen, von wo geheimnissvoll verheissende Flötentöne uns entgegenlockten. Herr Kleinschmidt kennt jedes Vogels Stimme und Gesang im Busch von Viti, er pfeift sie zu Hause sich wieder vor und setzt sie auf Noten, um sie sammt den Bälgen und Eiern der Sänger an sein Museum zu schicken. Es gelang uns mehrere Vögel zu schiessen, doch nicht alle kamen in unseren Besitz. Man sieht die Beute fallen, aber sie bleibt nur zu oft unerreichbar hängen oder fällt in ein Dickicht wo sie selbst der gewandte Niketi nicht findet. Viele Schoten und andere Früchte habe ich aufgelesen, von denen es mir nicht möglich war, die sie liefernden Pflanzen zu eruiren, da sie hundert verschiedenen angehören konnten.

Von aussen, unten am Ufer betrachtet, sah der Busch entschieden viel schöner aus, als im Inneren, dessen Gewirre zwar imponiren musste, aber auch so dicht war, dass man vor lauter Vegetation nichts zu sehen und zu bewundern vermochte. So kam zum Beispiel ein riesiger Banyanenbaum mit all seinen sekundären Stämmen und Säulenhallen, der freistehend einen kolossalen Eindruck gemacht haben würde, durchaus nicht zur Geltung, da man ihn nicht überschauen, sondern immer nur jenen kleinsten Theil, der gerade nicht von dem anderen Pflanzengesindel verdeckt wurde, sehen konnte. Die meisten Bäume hatten steife glänzende Blätter ähnlich unserem Ficus. Von Blüthen war wenig zu sehen. Es war gerade nicht die günstigste Zeit dazu.