Schweine und Hühner sind in jedem Dorfe vorhanden, sie werden aber nur bei hervorragenden festlichen Gelegenheiten, und dann in um so grösseren Quantitäten, verzehrt. Fische alle Tage und Schildkröten ziemlich selten liefert die See. An regelmässige Mahlzeiten scheinen sich die Eingeborenen nicht zu binden. Die auf den Riffen erbeuteten Fische werden entweder in Körbchen nach Hause getragen oder sogleich an Ort und Stelle verzehrt. Die Jungen, die mit hinausbummeln, tragen glimmende Holzscheite mit und schwingen sie von Zeit zu Zeit im Kreise, um sie in Brand zu erhalten. Haben sie einen kleinen Fisch, so wird er kurzweg lebendig auf die Gluth gehalten, um erst die eine Seite, dann die andere ein bischen anzuschmoren, in den Mund geschoben und abgebissen. Vor jedem Dorfe das am Strande liegt sind draussen an einer tieferen Stelle im Wasser Stangen kreisförmig dicht neben einander in den Grund gesteckt und oben durch Stricke verbunden, Käfige in die man die Schildkröten einsperrt bis man sie schlachten will. Die zahlreichen Papageien und Tauben des Waldes tragen nichts zur Küche des Viti-Insulaners bei. Es ist ein grosses Glück für die ornithologische Fauna der Inseln, dass jene mit den Gewehren die sie besitzen nicht umzugehen verstehen. Teller, Gabeln und Messer hat man für gewöhnlich nicht. Man isst mit den Fingern beider Hände, die Speisen werden sehr reinlich auf Blättern servirt. Früher bediente man sich für Menschenfleisch besonderer geheiligter Gabeln aus Holz.
Ihre Sprache, welche eine Abart des Polynesischen ist, während sie selbst dem Körperbau nach zu den Papuas gehören, klang mir womöglich noch wohllautender, als das Maori der Neuseeländer. Dabei lässt ihre Artikulation an Deutlichkeit nichts zu wünschen, ganz im Gegensatz zu jener des Englischen. Welche Mühe kostet es dem Anfänger, das gesprochene Englisch zu verstehen, jeder Engländer scheint ihm anders zu reden. Im Viti aber braucht man ein Wort blos einmal gehört zu haben, um es später sofort wieder zu erkennen.
Die Vitis sprechen alle das reine linguale R, während bei den Hawaiiern, deren Konversation ich später belauschen sollte, das gutturale R vorherrscht. Mit den Samoa-Insulanern haben sie die Ausnahme gemein, ein S zu besitzen, welches den übrigen Polynesiern fehlt. Das aspirirte S dagegen, unser Sch, besitzen sie nicht und scheinen es meist durch das ihnen eben so wie den Arabern, Griechen, Spaniern und Engländern eigenthümliche Theta (scharfes englisches Th) zu ersetzen. Ich hörte statt »Shilling« immer nur »Thilling«. Eine andere Eigenthümlichkeit, welche an die Sprachen der westafrikanischen Neger erinnert, besteht darin, dass sie den Buchstaben D, G, K und M fast immer ein N, und dem B ein M als Vorschlag voransetzen. Die Missionäre als erste Vitigrammatiker haben deshalb die Schreibweise Kadavu, Bega, Bau (drei Inseln), Thakobau (der ehemalige König), Buke (Berg), Dalo (Taro), Malatta, Galoa (die beiden Buchten) eingeführt, während man Kandavu, Mbenga, Mbau, Thakombau, Mbuke, Ndalo, Nmalatta oder Namalatta, Ngaloa oder Angaloa sagt, indem sie, wunderlich komplizirend, die richtige Aussprache von der Kenntniss dieser Regel und der dazugehörigen Ausnahmen abhängig machten. Zur Transskription des Vitilautes Th (= dem englischen weichen Th) haben manche das C verwendet. Deshalb liest man auch Cakobau.
Es giebt eine Menge Dialekte im Viti, wenn man fein unterscheiden will, vielleicht eben so viele als einzelne Inseln. Daher kam es, dass ich für meine gesammelten Pflanzen, wenn ich sie wiederholt verschiedenen Eingeborenen vorlegte, um ihre Namen zu erfahren und festzustellen, oft von jedem einen anderen erhielt, weil die Gefragten von verschiedenen Inseln stammten.
Die Adeligen und Vornehmen der Vitis waren früher die schlimmsten Kannibalen der Erde. Ursprünglich war das Menschenfressen ein religiöser oder patriotischer Gebrauch. Man triumphirte über die erschlagenen Feinde indem man sie auffrass. Später scheinen sich Prahlerei, Leckerei und andere niedrigere Motive geltend gemacht zu haben. Man wollte sich gegenseitig in der Anzahl der gefressenen Menschen überbieten, und es kam so weit, dass die Untergebenen niemals sicher waren, eines schönen Tages den Appetit ihrer Herren zu reizen. Ich glaube nicht, dass man alles für wahr zu halten braucht, was von den Missionären hierüber berichtet wird, von den Missionären, denen daran gelegen sein musste, die Heiden möglichst schwarz und damit den Glorienschein ihrer Bekehrung möglichst strahlend zu machen. Ich vermag auch durchaus nicht vor dem Kannibalismus eben so entsetzt die Augen zu verdrehen, wie diess für manche zum guten Ton zu gehören scheint, wenn ich an die Rechtsgebräuche unserer biederen Vorfahren denke. Mir liegt das Abscheuliche an dem Kannibalismus nur in der willkürlichen Tödtung einzelner Individuen durch die Mächtigen – ein Frevel, an dem es in unserer Geschichte doch wahrlich auch nicht fehlt – nicht in dem Auffressen der Leichen, dem vielleicht bei dem Mangel grösserer Thiere ein physiologisches Bedürfniss zu Grunde lag. Dennoch kann niemand läugnen, dass die Zustände der Vitis in der vorchristlichen Zeit grässlich genug waren. Es wird mit allem Anschein der Glaubwürdigkeit erzählt, dass ein Mann einmal seine Frau, mit der er in Eintracht lebte, lebendig in den Ofen schob, kochte und frass, blos um den Ruf eines fürchterlichen Menschen, eines »verfluchten Kerls«, zu erlangen.
Jetzt giebt es in Viti wohl keine Menschenfresserei mehr. Man behauptet zwar, dass im Innern der grossen Insel derlei noch vorkomme, ohne jedoch Beweise zu haben. Erzählungen hierüber, wie über alles Sensationelle, sind stets mit der grössten Vorsicht aufzunehmen.
Man nimmt auch von den Vitis an, dass sie aussterben. Sollte dies wirklich der Fall sein, was nicht entschieden werden kann, solange noch keine Zählungen sondern blos Schätzungen vorliegen, so geschieht es wahrscheinlich nur durch akut auftretende Epidemieen, nicht aber chronisch und stetig durch immerwährende schädliche Einflüsse, wie bei den Maoris und bei den Hawaiiern. Während die Maoris und die Hawaiier, beide in Folge der Liederlichkeit und Minderzahl ihrer Weiber, erstere ausserdem noch in Folge von Trunksucht, ihrem Untergang entgegensehen, erfreuen sich die Vitis des Rufes grosser Keuschheit und enthalten sich, von der Regierung sorgfältig überwacht, der streng verbotenen Spirituosen. Während auf Neuseeland und namentlich auf Hawaii kleine Kinder unter den Eingeborenen ziemlich selten sind, wimmelt auf Viti jedes Dorf von Nachkommenschaft und lässt sich fast aus jeder Hütte das Quieksen eines Säuglings vernehmen.
Während also unter den Viti-Insulanern die Bedingungen für ein chronisches stetiges Aussterben zu fehlen scheinen, hat bereits einmal ein akutes aber vorübergehendes Moment die Bevölkerung dezimirt, eine Masernepidemie nämlich, welche in der ersten Hälfte des Jahres 1875, mit einer Heftigkeit die bei der weissen Rasse unerhört ist auftretend, in manchen Dörfern die Hälfte der Einwohnerschaft ohne Unterschied des Alters hinwegraffte, kurz nachdem Viti englisch geworden war. Ich fürchte, dass Tuberkulose als die Nachwirkung jener Katastrophe seitdem unter den Viti-Insulanern ziemlich häufig ist, wie ja auch bei uns in den Generationen, welche von grossen Masernepidemieen betroffen wurden, die Prozentsätze der Tuberkulose zu steigen pflegen.
Vor der Ankunft der Europäer gab es auf Viti keine Infektionskrankheiten. Selbst die giftigen Thiere sind hier auf ein Minimum beschränkt, nur zwei Arten, ein Skorpion und ein Skolopender, vertreten dieselben in ziemlich harmloser Weise. Dysenterie soll hie und da vorkommen, aber auch erst durch die Europäer eingeschleppt.
Es war durchaus nicht der beste Schlag von Eingeborenen, der in unserer Nähe wohnte und uns häufiger besuchte. Auf den beiden Ausflügen nach dem Ostende und nach dem Westende der Insel habe ich später viel schönere Vitis kennen gelernt. Einigemal sah ich in Gavatina hässliche Drüsennarben am Halse und schlechte Zähne bei Mädchen und Jungen, was darauf hindeutet, dass auch diese glücklichen Wilden nicht frei sind vom Fluch der Skrophulose.