Ein Bett hat der Viti-Insulaner nicht. Er schläft auf seinem weichen Mattenboden, neben ihm brennt ein kleines Feuer an der Wand, welches er von Zeit zu Zeit mit einem Fächer anwedelt, als Kopfkissen dient ihm ein Stück Bambusrohr, das an beiden Enden auf je zwei Füsschen ruht. So liegt er nackt und meist ohne Decke da, höchstens dass er vielleicht die unter ihm befindliche steife Matte aufbiegt und halb um sich rollt, häufig seinen Schlaf unterbrechend, um das Feuer neben sich anzufachen. Die Nächte sind manchmal sehr kühl, und man hört dann die nackten Menschen beständig husten.
Bei den Aermeren ist in derselben Hütte, in welcher die ganze Familie schläft, gewöhnlich noch ein grösserer Feuerplatz in einer Ecke, zum Kochen bestimmt. Hier liegen horizontal zwei grosse und schwere Töpfe, deren Form ganz genau dem Nest der Töpferbiene nachgeahmt, aber zu dem Durchmesser von einem halben Meter vergrössert ist. In diese Töpfe wird nun alles zusammen hineingeschoben und gegossen was gekocht werden soll, und die enge Oeffnung mit einem Stöpsel aus zusammengebundenen Cordyline-Blättern verstopft. Bei den Reicheren sind zum Kochen eigene Hütten vorhanden, in denen die Frauen schlafen. Der wohlhabende und vornehme Mann schläft nur mit den Männern seines Gefolges zusammen. Ehegatten leben zu Hause getrennt und geben sich draussen im Walde Rendezvous. So will es die alte Viti-Sitte, die noch vielfach in Kraft steht, wenn sie auch jetzt nach Einführung des Christenthums, das jedem gestattet ein Weib zu besitzen, nur noch beim alten Adel zu beobachten ist.
In jeder Hütte findet man hohle Kokosnüsse als Wassergefässe an der Wand hängen. In einem der Löcher am stumpfen Ende der Nuss ist eine Schnur durch einen Pflock festgeklemmt, an jeder Schnur baumeln auf diese Weise zwei Nüsse, so dass sie bequem paarweise um den Nacken gehängt werden können, wenn die Weiber ausgehen um im nächsten Bach Wasser zu holen. Die beiden andern Löcher sind durch kleine Keile von zusammengerollten Blättern verschlossen. Aus diesen Gefässen zu trinken ist nicht ganz leicht. Man muss sich das Wasser aus einer gewissen Entfernung in den Mund giessen. Die Lippen an die Oeffnungen zu legen gilt für sehr unanständig.
Das Mobiliar einer Viti-Hütte ist somit von klassischer Einfachheit. Die unterpolsterten Matten, einige Bambus-Kopfkissen, eine oder zwei Feuerstellen, einige Fächer, die zwei Kochtöpfe und etwa sechs paar Kokosnuss-Wassergefässe, mehr braucht eine Viti-Familie nicht in ihrem Daheim und zu ihrem Glück.
Ueber die Stellung der Viti-Insulaner in der Klassifikation des Menschengeschlechts herrscht grosse Zerfahrenheit unter den Systematikern. Gerland (1872) rechnet sie zu den Melanesiern, zu denen er auch die Papuas zählt, Müller (1873) ebenfalls zu den Melanesiern, die bei ihm eine Unterabtheilung der Malayen sind, welche er in Polynesier, Melanesier und eigentliche Malayen scheidet, Peschel (1874) zu der mittlerweile selbständig gewordenen Rasse der Papuas, Meinicke (1875) zu den Polynesiern. Die Vitis liegen eben gerade noch an der Grenze jenes Erdenwinkels, dessen buntes Gewimmel kleiner Inselvölkchen noch nicht genug aufgeklärt ist. Vielleicht dass man die Begriffe Polynesier, Melanesier und Mikronesier – auch etymologisch und allgemein logisch unglücklich gewählt – aufzugeben und nur noch Malayen und Papuas mit verschiedenen Zwischen- und Mischformen beizubehalten haben wird. Die sehr wohlklingende Sprache der Vitis ist malayo-polynesisch. In der Haarbildung nähern sie sich dem Papua-Typus.
Obgleich ich nur auf Kandavu war, so glaubte ich doch die Bewohner dieser Insel als echte Repräsentanten der ganzen Gruppe betrachten zu dürfen, da ich dort auch viele zugereiste Eingeborene von anderen Vitiinseln sah, ohne einen Unterschied derselben entdecken zu können. Es sind allerdings auf Kandavu auch eingewanderte Tonganer vorhanden, namentlich in dem grossen und wohlhabenden Dorfe Dalingele an der Südseite des Bukelevu. Diese sind aber sofort auf den ersten Blick als solche zu erkennen an ihrer auffallend hellen, fast pomeranzengelben Farbe. Ebenso sind auf Kandavu als Kulis eingeführte Neu-Hebriden-Insulaner zu sehen, deren grauschwarze Haut im Gegensatz zu dem warmen Braun der Vitis, dem man beim Malen entschieden Gelb beimischen muss, einen bläulichen Duft zeigt.
Die Vitis sind wie gesagt schöne, schlanke, muskulöse Menschen. Sie sind wohl im Durchschnitt länger und kräftiger als die Europäer, mehr gleichlang und mehr gleichentwickelt, ohne die Extreme der bei uns vorkommenden Riesen und Zwerge, Dickwänste und Klapperskelette. Ihre Gesichtszüge sind meistens angenehm, oft edel, selten so roh und brutal wie man bei den Söhnen der schlimmsten Kannibalen, welche die Geschichte der Menschheit kennt, erwarten möchte. Die Nase ist breit, die Nüstern sind ebenso wie bei den Polynesiern etwas weit geöffnet, die Jochbogen nur mässig oder wenig vorspringend. Der Mund ist sinnlich voll, ohne unschön zu sein. Die horizontal geschlitzten Augen sind dunkelbraun, die Haare schwarz, in der Regel aber künstlich ins Röthliche gefärbt, die Haut braun, schokolade- bis rothbraun, bald heller, bald dunkler. Von dem bläulichen Schimmer der Haut, der ihnen beigelegt wird (Gerland, Peschel) habe ich nichts wahrnehmen können. Das Haar ist kraus und wird gegenwärtig allgemein sehr kurz gehalten. Ich habe das für die Papuas von A. R. Wallace als charakteristisch angegebene Pudelhaar nur einmal bei einem Mädchen von etwa fünf Jahren gesehen. Das ganze Kopfhaar war hier in einzelne Löckchen von sieben Zentimeter Länge verfilzt, es wuchs aber gleichmässig über den ganzen Kopf aus der Haut, nicht in Büscheln wie bei den Schuhbürsten. Barrow hat nämlich den Hottentotten dieses Schuhbürstenhaar nachgerühmt. Und Hottentotten und Papuas stehen bei Häckel neben einander als Büschelhaarige. Der Bartwuchs ist bei vielen Vitis, namentlich adeligen, reichlich. Greise haben weisse Haare und weissen Bart.
Unter den jüngeren Weibern giebt es hübsche, anmuthige Gestalten mit freundlichen Zügen. Ihre Formen sind zuweilen sehr üppig. Im allgemeinen aber fehlt den nicht mehr in der ersten kurzen Blüthe befindlichen Frauen die Grazie der europäischen Weiblichkeit, sie nähern sich zu sehr dem männlichen Typus, wozu auch noch der Umstand beiträgt, dass sie die Haare kurz geschoren tragen, und sie werden sehr rasch welk und alt. Die Brüste, auch der eben erst reif gewordenen Mädchen, zeichnen sich aus durch eine auffallende Hervorragung des Warzentheils, der leicht abgeschnürt erscheint und so dem ganzen Organ etwas Birnförmiges verleiht.
Es ist ein grosser Unterschied ob man diese sogenannten Wilden in der Ruhe oder in der Bewegung betrachtet. In der Ruhe, wenn sie so gerade vor sich hinstieren und vielleicht auch wohl den Mund offen stehen lassen, sehen sie gewiss nicht vortheilhaft aus. In der Bewegung aber, wenn sie lebhaft gestikulirend mit einander sprechen und lachen – und sie lachen fast immer – wenn ihre herrlich weissen Zähne und ihre dunklen Augen blitzen und funkeln, gewähren sie ein höchst anziehendes Bild von Kraft und Frische, Urwüchsigkeit und Wildheit. Desshalb wird auch die beste Photographie immer weit zurückbleiben hinter dem unmittelbaren lebendigen Eindruck, den diese Naturmenschen auf den Beschauer ausüben, und nie eine richtige Vorstellung geben. In den Hütten sitzen sie gewöhnlich mit gekreuzten Beinen auf ihren Matten, im Freien aber kauern sie am liebsten nieder, ohne mit dem Hintertheil den Boden zu berühren, die Sohlen ruhen voll auf der Erde, und sie sitzen dabei förmlich auf ihren Waden.
Die Nahrung der Vitis ist eine vorzugsweise vegetabilische. Taro und Yams, Kumala, Bananen und Brodfrüchte liefern die Hauptgerichte. An Kokosnüssen ist kein Mangel, aber sie sind von den Missionären »tambu« erklärt, und fast vor jedem Kokospalmenhain stecken drei oder vier lange Stangen in der Erde, an deren Spitzen Strohbüschel hängen, das Zeichen des »Tambu«. Denn in Kokosnüssen haben die Eingeborenen ihren Zehnt an die Missionäre und ihre Steuer an die englische Regierung zu zahlen. Der Botaniker Seemann, der 1860 und 1861 die Vitiinseln in offiziellem Auftrage bereiste, sagt dass die Yamswurzel die Hauptnahrung der Vitis sei. Auf der Insel Kandavu scheint mir indess Taro überwiegend gebaut zu werden, vielleicht wegen der hier zahlreicheren kleinen Gebirgsbäche, die zu Sümpfen aufgestaut, sich besonders gut zur Anlegung von Taro-Pflanzungen eignen. Die Taropflanze ist eine Colocasia und die Yamspflanze eine Dioscorea. Letztere wird auf Aeckern in einzelnen Erdhäufchen, welche wie Maulwurfshügel aussehen, gezogen. Die Kumala oder süsse Kartoffel oder Batate ist ein Convolvulus und hat mit unserem Solanum nichts gemein als ihren deutschen und ihren englischen Namen. Taro, Yams und Kumala, Bananen und Brodfrucht werden gekocht gegessen.