Das dreimalige Händeklatschen bei Ueberreichung irgend eines Gegenstandes, einer Schale Wasser, einer Suluka, eines Feuerbrandes oder was es auch sei, beobachtete ich überall auf Kandavu als noch in Geltung. Später einmal sah ich in Sanima eine sehr komische Degeneration jener alten Sitte. Ein Kerl hatte dem Tui eine Zigarette gewickelt, in seinem eigenen Munde angezündet und übergab sie, wobei selbstverständlich geklatscht werden musste. Statt nun aber erst lange niederzuhocken, hob er einfach den rechten Oberschenkel in die Höhe und klatschte dreimal auf dessen Rückseite, nicht etwa zum Spass, sondern nur aus Schlendrian und Faulheit. Denn er machte dabei ein ganz ernsthaftes Gesicht, und keiner der Beistehenden schien Anstoss daran zu nehmen.

So schwindet das alte sehr ausgebildete Zeremoniell der Südseeinsulaner immer mehr dahin, welches ehemals so weit ging, dass alle Untergebenen stolpern und niederfallen mussten, wenn ihrem Höheren Solches passirte. Deshalb waren, wie die ersten Missionäre erzählen, ihre Diener und Begleiter auch immer so ängstlich, wenn es sich um das Passiren einer Brücke handelte, die hierzulande nur aus einem oder zwei dünnen Palmstämmen bestehen. Stürzte der Missionär in den Abgrund, so mussten auch sie ihm folgen.

Meine Anwesenheit in Gavatina war ein wichtiges Ereigniss für die neugierige Einwohnerschaft der Umgebung. Am folgenden Tag kam auch die Gemahlin des Tui, eine noch sehr rüstige alte Dame, die »Marama«, wie sie anzureden ist, von Sanima herüber. Auch ihr bezeugten unsere Jungen und ihre Begleiter die geziemende Ehrfurcht.

Die sogenannten Wilden überraschten mich durch eine viel grössere geistige und gemüthliche Begabung als ich erwartet hatte. In Bezug auf Intelligenz schienen sie mir entschieden nicht tiefer zu stehen als unsere Bauern, in Bezug auf die Anmuth ihrer Erscheinung und ihres Benehmens meist höher. Ihr gutmüthiges, freundliches, heiteres Wesen musste Jeden gewinnen, der über das Vorurtheil der Hautfarbe erhaben war. Allerdings blieb ich nicht lange genug auf Kandavu, um den Reiz der Neuheit, der mir nur die liebenswürdigen Seiten an ihnen wahrnehmen liess, zu verlieren, und gewiss musste ich Herrn Kleinschmidt Recht geben, wenn er mir versicherte, dass meine Vorliebe für die braunen Naturkinder nach wenigen Monaten weichen würde. Wie oft schon haben anderwärts in weniger zahmen Gegenden Reisende durch den ersten Eindruck sich täuschen lassen und ausgerufen »das also sollen die gefürchteten, schrecklichen Menschenfresser sein, es sind harmlose, liebenswürdige Kinder«, und am nächsten Tag wurden sie von den liebenswürdigen Kindern aufgefressen. Diese Gefahr nun ist auf Kandavu und wahrscheinlich auf ganz Viti nicht mehr zu fürchten. Die Vitis gehören dem europäischen Einfluss an, und die einzelnen vagen Behauptungen, dass es im Innern von Vitilevu noch Kannibalen gebe, sind nicht erwiesen.

Man warnte mich oft vor Dieben. Aber obgleich die primitiven Wohnverhältnisse keinen Verschluss gestatteten, ist mir in Gavatina niemals etwas gestohlen worden, ganz im Gegensatz zu den von den Europäern gehörten Behauptungen über die Stehlsucht der Vitiinsulaner, von welchen die mildeste dahin lautete, dass sie nur an Sonntagen eine Ausnahme machten und die Tugend der Ehrlichkeit übten. In Bezug auf Munition mag allerdings Vorsicht nöthig sein. Es ist verboten, den Eingeborenen Gewehre und Schiessbedarf irgend welcher Art abzugeben, und mit solchen Dingen dürfte es sich eben verhalten, wie mit allen verbotenen Früchten.

Im Ganzen schienen mir diese nackten schlanken und muskulösen Insulaner die glücklichsten Menschen zu sein, die man sich denken kann. Die Missionäre haben es noch nicht vermocht, ihnen ihre natürliche kindliche Heiterkeit zu rauben, und es ist erfreulich, dass auch in Bezug auf ihre ursprüngliche einfache Tracht die Christianisirung nicht viel geändert hat – erfreulich, weil europäische Kleider sie nur verweichlichen dürften, da sie dieselben nicht zu gebrauchen verstehen. Sie würden sie wahrscheinlich nur während des Tages anziehen, um in der Sonnenhitze damit Staat zu machen, bei Nacht aber würden sie die kostbaren Gegenstände zur Schonung sorgfältig einpacken und sich nackt auf ihre alten Matten legen, wie mir das Beispiel von Niketi und Ruma und später noch andere bewiesen.

In der vorchristlichen Zeit trugen die Männer ihr starkes und langes krauses Haar in die Höhe und Breite ausgezupft, so dass mächtige Perrücken entstanden, welche sogar geeignet waren die Wucht von Keulenschlägen abzuschwächen. Diese Perrücken wurden in der mannigfaltigsten Weise geformt und verziert, manche glichen dem bayerischen Raupenhelm. Um die Lenden schlangen sie sich aus einem schmalen Stück Basttuch ein Suspensorium, den »Malo«, zurecht. Die Weiber schoren sich auch damals schon die Haare kurz und banden um die Hüften den »Liku«, einen 50 bis 80 Zentimeter langen Rock aus schmalen Schilfblättern, die an einem Strick aus Kokosnussfasern angereiht sind. Dieser vorchristliche heidnische Zustand in der Tracht soll noch im Innern der grossen Insel Vitilevu bei den wenigen noch nicht unterworfenen Stämmen herrschen.

Ueberall wo die Missionäre gebieten, scheeren sich jetzt beide Geschlechter die Haare kurz, und beide tragen den Sulu, ein klafterlanges Stück Baumwollenzeug um die Hüften geschlungen. Zum Fischen indess ziehen die Weiber noch immer den altmodischen Liku an, weil dieser in der Nässe bequemer ist als der anklebende Sulu, und hier sind sie also noch immer so echt wie vor zwanzig oder dreissig Jahren.

Das Tätowiren war bei den Vitis niemals im Schwung. Blos erlauchte Häuptlingsfrauen liessen sich früher an beide Mundwinkel je einen markstückgrossen runden blauen Tupfen eintätowiren, was hie und da noch an alten Individuen zu sehen ist. Dagegen liebten es die vornehmen Krieger, sich das Gesicht mit rother, weisser und schwarzer Farbe in regelmässigen, meist geradlinigen Ornamenten, aber stets möglichst fürchterlich zu bemalen.

Die Wohnungen der Vitis sind niedrige länglich viereckige Hütten aus Laubwerk, Palmblättern oder Schilfrohr, welche Materialien in verschiedenen Mustern über ein festes Pfahlwerk aus Holz gebunden werden. Charakteristisch für die alte echte Bauart sind die beiden Enden des Giebelbaumes, indem sie, aus schwarz gekohlten nach aussen konisch verdickten Baumfarren-Stämmen bestehend, von den Kanten des Daches ein Meter weit hervorragen. Die Thüren sind so niedrig, dass man nur hineinkriechen kann, und gegen die Schweine, die frei in den Dörfern herumlaufen, mit einem Vorbau kurzer Pallisaden geschützt. Der Boden im Innern ist mit Matten belegt, die mit Farnkraut unterpolstert sind, so dass man sehr weich darauf liegt. Er wird äusserst reinlich gehalten. Darauf zu spucken wäre ein grober Verstoss. Wer ausspucken will, muss den nächsten Zipfel einer Matte aufheben und darunter auf das Farnkraut spucken. Dies gilt natürlich nur bei den Vornehmen, arme Leute sind weniger skrupulös.