Grausamkeit und Achtlosigkeit gegen Thiere bildeten überhaupt einen hervorstechenden Charakterzug der Eingeborenen, der sich fast an jedem Huhn oder Schwein dokumentirte, das wir kauften. Aber nicht blos Hühner und Schweine trugen gewöhnlich Verletzungen, sondern auch andere Thiere, die wir wegen ihres naturhistorischen Werthes von ihnen erhandelten, um sie aufzubewahren. Deshalb werden diese Eingeborenen auch stets nur von sehr untergeordnetem Werthe als Beihilfe zum Sammeln für den Naturforscher sein. Ich habe kaum eine Schnecke oder ein Insekt von einem Eingeborenen erhalten, welches unversehrt gewesen wäre. Gewöhnlich fehlten ein paar Beine oder ein Fühler, oder die Schalen waren eingedrückt und an der Mündung schartig.
Ruma und Niketi, deren Hütte an mein Zelt anstiess, wussten sich Nachts immer viel zu erzählen. Sie hatten ein merkwürdig geringes Schlafbedürfniss und plauderten oft Stunden lang miteinander, und wenn sie schliefen, litten sie oft an schweren Träumen und seufzten und stöhnten. Oft auch in kühlen Nächten husteten sie fast beständig. Mich dauerte ihr nackter Zustand, und ich schenkte ihnen zwei alte Unterhemden. Diese benützten sie aber nur, um während des Tages in der Sonnenhitze damit zu paradiren, Nachts lagen sie eben so nackt wie vorher auf ihren Matten.
Obwohl unsere kleine Kolonie wie gesagt sehr versteckt und abgelegen war, so fehlte es doch während des ganzen Tages nicht an Besuchern aus den benachbarten Dörfern. Schon am frühen Morgen, wenn die Sonne noch hinter den Bergen war und ringsum noch tiefes Schweigen herrschte, höchstens von einem vorwitzigen Papagei unterbrochen, der von einer Palme zur anderen fliegend sein unmelodisches Giek gak, Giek gak ertönen liess, und ich mich eben unter meinem Zelte auf der harten Matte dichter in die Decke wickeln wollte, kamen sie in hellen Schaaren heranzogen, lustig wie immer, schon von Weitem durch einen munteren Gesang sich ankündigend.
Dass wir beide, Herr Kleinschmidt und ich, ausgemachte Narren waren, unterlag für sie nicht dem geringsten Zweifel, wir, die wir den ganzen Tag nichts thaten, als Käfer und anderes Gewürm in Gläser zu stecken, Gras und Kräuter zu trocknen und Vögel abzubalgen. Aber wir waren ihnen entschieden höchst interessante Narren. Namentlich ich. Denn Herrn Kleinschmidt kannten sie schon länger und er kannte sie und alle ihre Schliche und sprach auch ihre Sprache. Ich aber war ein ganz echter Papalang, eben erst herzugereist und jedenfalls »sehr weit her«, wenn sie auch ungläubig lachten, so oft Herr Kleinschmidt ihnen sagte, dass ich fünfzig Tage und fünfzig Nächte mit dem grossen Feuerkanuu fahren müsste, um nach Hause zu kommen.
Ich hatte ausserdem noch eine ganz neue verrückte Liebhaberei, nämlich zuweilen mit der Scheere unter sie zu treten und Haarproben aus ihren dicken Perrücken herauszuschneiden und sammt den daranhaftenden Nüsschen in Papierkapseln zu wickeln, was jedesmal ein grosses Halloh erregte. Auch war ich toleranter gegen ihre Neugierde als Herr Kleinschmidt, der sie immer gleich wegjagte, wenn sie ihm zu sehr im Wege standen. Ich liess sie bei Allem zusehen, und höchstens wenn ein paar Mädchen sich mit ihren Brüsten zu dreist über meine Schultern lehnten, machte ich eine rasche Bewegung, als ob ich hineinbeissen wollte, so dass sie zeterschreiend auf einen Augenblick davonliefen.
Für unseren Sammeleifer hatten die Wilden nicht das geringste Verständniss. Als ich einst im Walde einem neugierigen Kerl begegnete, der gerne wissen wollte, was ich in meiner Pflanzenmappe hätte, so dass ich ihm den Inhalt zeigte, kam er bald darauf wieder zu mir mit einem ganzen Korb voll Gras und Blätter und wollte einen Shilling dafür haben.
Nächst uns übten die zwei Affen eine grosse Anziehungskraft auf unsere Besucher. Ganze Nachmittage konnten sie um dieselben herumhocken und sich an ihren zornigen Grimassen und possirlichen Sprüngen ergötzen. Aber sie durften ihnen nicht zu nahe kommen. Denn die Affen hassten wüthend die braune Rasse. Wenn wir alle zusammen ausgingen, konnte die Hütte nicht besser von Neugierde und Unfug geschützt werden, als indem man die Affen unmittelbar vor der Thüre ankettete. Kein Viti wagte sich in ihr Bereich.
Schon am ersten Tage nach meiner Ankunft lernte ich den alten Häuptling der Insel, den »Tui Kandavu«, kennen. Er wollte mit der englischen Regierung nichts zu thun haben und hatte deshalb beim Beginn einer neuen Ordnung der Dinge nach der Annexion seine Würde an einen jüngeren Häuptling, der jetzt in Wailevu residirt, abgetreten, um in stiller Zurückgezogenheit in dem uns benachbarten Dorf Sanima das Ende seiner Tage abzuwarten.
Der Tui ist eine achtunggebietende malerische Erscheinung. Ein würdiger Greis von hoher Statur, den Oberkörper mit einem feinen europäischen Hemd, die Hüften mit einem langhinabreichenden braungemusterten Stück Tapa, welches eine gefranzte Schärpe schneeweisser Tapa festhält, bekleidet, barfuss und unbedeckten kahlen Hauptes erinnert er an etwas dunkel gehaltene Apostelfiguren der Heiligenbilder. Ein weisser Vollbart umrahmt das ernste strenge Gesicht, und ein asthmatischer Husten an dem er litt gaben diesem einen schmerzlichen Ausdruck. Er kam in einem Kanuu herangerudert, um mich zu konsultiren, da die Kunde meiner ärztlichen Eigenschaft bereits nach Sanima gedrungen war.
Unsere Jungen und seine Begleiter, von denen einer eine alte zerrissene amerikanische Uniform aber keine Hose trug, erwiesen ihm die grösste Ehrfurcht und schienen vor ihm viel mehr Respekt zu haben als vor uns Weissen. Er trank eine Tasse Schokolade mit uns, über die er sich wohlgefällig äusserte, und rauchte dann eine Suluka. Zwei Schiffszwiebacke, die ihm vorgesetzt wurden, steckte er wie Pistolen in die Gürtelschärpe um sie seiner Frau zu bringen. Keiner der Jungen wagte es, sich ihm anders als in geduckter Haltung zu nähern, und wenn sie ihm etwas reichten, kauerten sie nieder und klatschten dreimal in die Hände.