Eine weibliche Gestalt mit winkendem Taschentuch, die Gattin meines Freundes, ein eingeborener Junge und einige kleine Hunde tauchten aus dem Unterholz des Palmenhaines und erschienen auf dem Strande uns zu bewillkommnen. Wir waren am Ziele, und es begann nun für mich eine wundersame Idylle in tropischer Naturpracht und wohlthätiger Abgeschiedenheit von europäischer Zivilisation, die leider nur zu kurz währte.

Ganz Kandavu besteht aus Bergzügen von etwa 200 Meter durchschnittlicher Höhe ohne bestimmte allgemeine Richtung und ist 50 bis 60 Kilometer lang und durchschnittlich etwa 5 Kilometer breit. Da wo zwischen den gegen die See vorspringenden bewaldeten Bergrücken Bäche herabkommen und alluviale Dreiecke sich gebildet haben, stehen Palmenhaine und in diesen gewöhnlich auch Dörfer. Gavatina ist ein solcher zur menschlichen Wohnstätte geschaffener Platz. Ein Dorf hat einst hier gestanden, in welchem der jetzt in Wailevu residirende Häuptling der Insel gar manches Kind gebraten haben soll, und von dem gegenwärtig nichts mehr als der Name übrig geblieben ist.

Zwei Hütten aus Palmblättern, von denen die grössere Herrn Kleinschmidt und Gattin als Wohnung, Schlafgemach, Speisesaal, Waarenlager, Arbeitsraum und Museum diente, während in der kleineren die beiden eingeborenen Jungen Niketi und Ruma schliefen und für uns kochten, und ein Zelt, in welchem ich mein hartes Lager aufschlug, bildeten unsere bescheidene Kolonie, rings umwachsen und halb überdeckt von üppig wucherndem Farnkraut, Buschwerk und Schlingpflanzen und beschattet von steifblätterigen Dilobäumen und Kokospalmen, deren Kronen majestätisch im Winde sich schaukelten. Zwanzig Schritte führten auf einem schmalen Pfad nach dem hellglänzenden Seestrand, und draussen auf dem blauen Wasser lag der Kutter, in dessen Miniaturkajüte Mister Daymac, Herrn Kleinschmidts Gehilfe, wohnte.

Nebst den genannten sechs Gliedern der menschlichen Gesellschaft rechneten sich noch zwei Affen, die an einem Pfosten im Gebüsch angekettet waren und sich Nachts in ein altes Segel wickeln durften, zwei Papageien in Käfigen, eine glatthaarige Hündin mit zwei halberwachsenen Sprösslingen, die einem immerfort an den Beinen herumzappelten und vor Freundlichkeit gar nicht wussten, wie sie sich drehen und wenden sollten, ferner etliche Schweine und Hühner zu den berechtigten Einwohnern von Gavatina, zwischen welchen sich noch ein unzählbares illegitimes Gesindel von Ratten, Eidechsen und Eremitenkrebsen, von Moskitos und Fliegen herumtrieb. Eine eigenthümliche Zierde unseres niedlichen Gehöftes bereiteten hundert mächtige langbeinige braunrothe Spinnen, indem sie äusserst regelmässige Netze, so gross wie mittlere Wagenräder, zwischen den Bäumen und Sträuchern um uns spannten.

Herr Kleinschmidt, schon seit mehreren Jahren in Viti ansässig, war erst seit Kurzem von C. Godeffroy in Hamburg als Naturforscher angestellt worden. Er hatte bisher die übrigen grösseren Inseln der Gruppe sammelnd bereist. Kandavu war ihm noch neu, sein Aufenthalt hier auf drei Monate projektirt, und waren diese um, so packte er wieder seine ganze Habe in den Kutter und segelte von dannen, um irgend wo anders seine Hütte aufzuschlagen, ein nomadisirender Pionier der Wissenschaft. Da ich ähnliche Zwecke wie er verfolgte, so konnte mir nichts Glücklicheres passirt sein, als dass mich der Zufall mit ihm zusammenbrachte. Wir gingen miteinander in den Busch um Vögel zu schiessen und Pflanzen und Käfer und andere Thiere einzuheimsen, zur Ebbezeit machten wir Ausflüge auf die Riffe voll tropischen Lebens, und ausserdem setzten wir noch zwei längere Partien, eine nach dem Ostende und eine nach dem Westende der Insel auf unser Programm.

Obwohl mir, der ich zum ersten mal in der reichen Natur der heissen Zone weilte, fast jede Stunde eine Fülle überraschender Eindrücke bot, so fesselten doch auch hier mein Hauptinteresse die eingeborenen Menschen.

Den kleinen sanften Niketi, der etwa 12 Jahre alt sein mochte, hatte ich schon in Wailevu, wohin ihn Herr Kleinschmidt mitgenommen, kennen gelernt. Sein Kollege Ruma, vielleicht zwei Jahre älter als Niketi, war gänzlich von ihm verschieden. Ruma war ein richtiger junger Kannibale, starkknochig und ungeschlacht, mit einem mächtigen vorstehenden Gebiss, finsterem Gesichtsausdruck und schielenden Augen, grausam gegen sich und andere. Sein Körper trug zahlreiche Narben, und so lange ich in Gavatina war und ihn beobachten konnte, beschäftigten ihn oft zwei Haufen von erbsengrossen, eiternden Wunden, die er sich an beiden Oberarmen beigebracht hatte, und mit denen er sich, wenn Besuche aus dem benachbarten Dorfe da waren, produzirte, indem er die Krusten abriss, die so entstandenen frischen Flächen mit Sand einrieb, mit Glasscherben kratzte oder mit einer glühenden Kohle brannte, ohne eine Miene zu verziehen. Wenn er unbeobachtet zu sein glaubte, schnitt er dafür nur um so schlimmere Grimassen, und seine gezwungene Heiterkeit und Lebhaftigkeit dem Publikum gegenüber, jedesmal wenn er eine derartige Operation an sich vollzogen hatte, verriethen nur zu sehr seine schmerzhaften Empfindungen.

Ausser bei Ruma bemerkte ich noch bei einigen anderen braunen Jünglingen solche Verletzungen. Dass sie sich gerade an den beiden Oberarmen quälten, beruhte auf einem ähnlichen psychologischen Vorgang wie die Einführung der Krinoline in Europa. Der Regierungsarzt in Wailevu war eben damit beschäftigt, die Bevölkerung von Kandavu dörferweise zu impfen, und Impfpusteln an beiden Oberarmen waren die neueste Mode. Manche mochten es nun nicht erwarten können, bis sie auf offiziellem Wege des eiterigen Schmuckes theilhaftig werden sollten. Oder wollten sie etwa die gesetzlich angeordnete Impfung umgehen, indem sie simulirten, bereits geimpft zu sein? Welch interessanter Fall für einen simulantengierigen Militärarzt.

Wenn Ruma einen Käfer gebracht hatte, den wir nicht brauchen konnten, so ging er damit hinter den nächsten Busch, riss ihm erst langsam die sechs Beine und die Flügel aus und frass ihn. Hatte er ein Huhn zu schlachten, so wurde es erst gemartert, falls man ihn unbeaufsichtigt liess, und unsere Braten trugen nicht selten die Spuren der an ihnen verübten Grausamkeiten in der Form von Hautabschürfungen und Knochenbrüchen.

Uebrigens attrapirte ich auch einmal den anderen Schlingel, den sanften Niketi mit dem scheinheiligen Gesicht, wie er ein Schweinchen, das er abstechen sollte, zuvor mittels eines scharfen Glasscherben kastrirte, so geschickt, dass kein deutscher Professor der Chirurgie ihn übertroffen hätte.