XIII.
GAVATINA UND SANIMA.

Der Isthmus Yarambali. Das Sonntagspublikum von Namalatta. Bootfahrt an der Nordseite Kandavus entlang. Gavatina, unser idyllisches Thal. Niketi und Ruma. Besuche der Wilden. Der Tui und die Marama. Ethnologisches. Der Busch, seine Mühen und seine Thierwelt. Kanuubau hoch oben auf dem Berge. Riffleben und Fischfang. Spaziergang nach Sanima. Tapa-Bereitung. Doktor Hink und seine Kopra-Projekte. Gottesdienst in Sanima. Das Missionswesen auf den Inseln. Kehrseiten der Tropenpracht. Klimatisches und Kulinarisches. Die Kokospalme und ihre Anwendungen. Enge Verhältnisse.

Der nach Süden geöffneten Angaloa Bai, an welcher Wailevu liegt, tritt im Norden oder genauer Nordwesten die Namalatta Bai entgegen. Beide Buchten nähern sich einander auf etwa 500 Schritt, wodurch die ganze Insel Kandavu in eine kleinere südwestliche und eine grössere nordöstliche Hälfte zerfällt. Ein flacher niedriger Isthmus mit einem schönen Kokospalmenhain stellt die Verbindung her, südlich von einem Mangrovesumpf, nördlich vom ebenen reinlichen Strand aus Korallen und Muschelsand begrenzt. Der Isthmus heisst Yarambali, was so viel bedeutet als »Etwas hinüber heben«, da die Eingeborenen hier ihre Kanuus von einer Seite der Insel nach der anderen zu schaffen pflegen.

Auch wir mussten auf diesem Wege mit den Böten nach der anderen Seite hinüber. Wir hatten uns verspätet, die Ebbe lief bereits stark ab, es war höchste Zeit, den Isthmus zu erreichen. Wir ruderten geradewegs in die Bucht hinein, dem saftigen Grün der Mangroven entgegen. Es dauerte nicht lange so stiess das grössere Boot auf Grund. Die vier rudernden Vitis sprangen ins seichte Wasser, und dadurch wurde es wieder flott. Ein schmutziger Kanal, über dem die Mangroven sich wölbten, nahm uns auf. Links und rechts nichts als stinkender Sumpf mit sperrigen Luftwurzelpyramiden, in dem eine Menge Krebse sich herumtrieben. Soldatenkrabben sassen in runden Löchern, die unverhältnissmässig lange gelbe Scheere zum Zugreifen bereit herausstreckend, und zogen sich schnell ganz zurück, als wir uns näherten, Eremitenkrebse, merkwürdig dicke und schwere Schneckengehäuse schleppend, bummelten an den Zweigen und Wurzeln herum, liessen sich erschreckt vor uns fallen und machten dabei ein Geräusch, als ob es regnete. Kleine Schnecken (Auricularia) bedeckten allenthalben den Boden.

Bald stiessen die Böte alle beide auf Grund, und jetzt mussten auch wir ins Wasser steigen und schieben helfen. Glücklich gelangten wir so bis zum Ende des Kanals, wo der feste Sandboden des Isthmus sich erhob. Wir luden die Kisten und Fässer und das schreiende Schweinchen aus und schafften zunächst die Böte über Land. Der geradlinige Weg durch die Kokospalmen ist für diesen Zweck mit Palmblättern belegt, auf deren glatten Schäften unsere zwei Fahrzeuge, mit vereinten Kräften an Stricken gezogen und von allen Seiten geschoben, rasch dahinglitten. Ein Handelsmann aus Wailevu, ein deutscher Jude mit einem indischen Sonnenhelm auf dem Haupt, begegnete uns, und hinter ihm drein trugen vier Vitis seine kleine Nussschale auf ihren Schultern. Wohl ein Dutzend mal mussten unsere Burschen hin und her laufen, bis das ganze Gepäck auf der anderen Seite war. Ich setzte mich unterdessen auf den schönen Korallensand des nördlichen Ufers und betrachtete die anmuthige Landschaft der Namalatta Bai, die geschützt vor den südlichen Winden und unbewegt in den herrlichsten smaragdgrünen und violetten Tinten prangte.

Es war Sonntag, von der Kirche des nahen Dorfes Namalatta ertönte ein frommer Gesang, und nach dem Gottesdienst strömte die braune Kinderschaar zu uns heraus. Männer und Weiber folgten ihnen, und als wir die Böte wieder zu Wasser gebracht und beladen hatten, war wohl so ziemlich das gesammte Dorf um uns versammelt, erstaunt unsere sabathschänderische Arbeit betrachtend. Von dem ganzen Christenthum vermag nämlich den Wilden kein Gebot intensiver einzuleuchten als das Nichtsthun am Sabath. Ein paar kleine Mädchen von höchstens zwölf Jahren fielen mir auf durch enorm entwickelte, ja eigentlich unanständig grosse und pralle Brüste. Sie waren zur Feier des gottgeweihten Tages mit dem von den Missionären erfundenen Busenhemdchen angethan. Aber die Bedeutung des züchtigen Gewandes schien ihnen unklar zu sein. Denn sie trugen es, aus den lästigen Aermeln herausgeschlüpft, über die Schultern zurückgeworfen.

Wir stiessen ab. Der sandige Boden unter dem klaren Wasser senkte sich, hörte auf und machte Korallenklüften und Klippen Platz. Zum ersten mal schwebte ich dahin über diese merkwürdigen Gebilde, diese geheimnissvollen Gründe, aus denen zarte Baumkronen und Geweihe in den mannigfaltigsten Farbentönen emporstarrten. Himmelblaue und scharlachrothe Fischchen schossen in den phantastisch durcheinander wachsenden Formen herum, und indigoblaue Seesterne klammerten sich mit gespreizten Strahlen an den Abhängen fest, die zu unergründlich dunkelgrünen Schluchten hinunterfielen. Das Wasser, glatt wie ein Spiegel und so durchsichtig, dass es dem Auge kein Hinderniss bot, schien nur die eine Eigenschaft zu besitzen, höheren Farbenreiz zu verleihen.

Eine geraume Weile lag ich so an der Spitze des Fahrzeuges und blickte hinab auf die unten vorübergleitende Märchenwelt, und als ich wieder in die Höhe und um mich sah, waren wir schon weit weg vom Lande. Zu beiden Seiten streckte sich die lange Insel. Zwischen kulissenartig vortretenden Bergrücken, über und über mit dichtem Buschwerk bedeckt, breiteten sich liebliche Thäler mit Palmenhainen, unter denen hie und da eine weissgetünchte Hütte hervorguckte. Wir fuhren nach Osten, und hinter uns trat der Bukelevu heraus, das Haupt in Wolken gehüllt, der westliche Pfeiler Kandavus.

Eine hellglänzende Sanddüne umsäumte die üppige Vegetation der herrlichen Südseeinsel. Smaragdgrüne und violette Tinten schillerten allerwärts über den Untiefen der Korallenbänke, und weit draussen brandete die hohe sattblaue See in leuchtenden Schaumstreifen an dem Wall der Aussenriffe. Ueber dem Ganzen ein strahlender Himmel und strahlender Sonnenschein.

Etwa vier Stunden dauerte diese Bootfahrt an der Nordseite der Insel entlang. Wir hatten keinen stetigen Wind, und nur wenn wir gerade in das Bereich einer Thalschlucht kamen, durch die eine frische Brise herüberblies, konnten unsere Burschen vom Rudern ausruhen und dem schnell aus einer Decke improvisirten Segel die Arbeit überlassen. Noch eine Ecke des Ufers, und das Thal von Gavatina lag vor uns, die Stätte wo Herr Kleinschmidt seinen Wigwam aufgeschlagen hatte, kenntlich schon von Weitem an der schwarzweissrothen Flagge, die vom Maste des vor Anker liegenden Kutters wehte.