Die Musik des Gelages lockte mehr Bewohner des Dorfes herbei. Noch ein paar Dutzend krochen durch die Thüre herein, dann wars so voll, dass kein Platz mehr übrig war. Einer stellte sich aufrecht vor uns hin und machte militärisch Honneur, indem er die Hand an seinen Turban legte. Es war der nackte Policeman des Ortes, an der weissen Uniformsbinde erkannte ich ihn wieder.

Ich habe später noch oft Kawa oder vielmehr Yankona, wie man auf Viti sagt, getrunken. Sie sieht bei Tageslicht aus wie Thee mit sehr wenig Milch. Ihr Seifenwassergeschmack weicht bald einem Gefühl der Kühle im Gaumen, so dass ich sie manchmal nicht ungern trank, namentlich wenn ich längere Zeit keine Spirituosen zu sehen bekommen hatte. Man sagt der Yankona alle möglichen üblen Wirkungen nach. Lähmungen, Hautausschläge und Augenentzündungen sollen aus ihrem zu häufigen Genuss entstehen. Vorläufig sind hierüber noch keine exakten Beobachtungen vorhanden. Nur ihre schweisstreibende Wirkung scheint mir unzweifelhaft zu sein. Ich habe allerdings nie mehr als vier Kokosnussschalen von je vielleicht ein halb Liter auf einmal getrunken. Nicht ein einziges mal erfuhr ich eine Veränderung in meinem Gemeingefühl. Ich konnte danach lange nicht einschlafen und transspirirte sehr beträchtlich, das war Alles. Die Kawa ist ebensowenig ein berauschendes als ein gegohrenes Getränk, sondern ein reiner Aufguss, wie unser Thee, höchstens vielleicht mit dem Unterschiede, dass der wahrscheinlich geringe Stärkemehlgehalt der Wurzel durch den Speichel in Zucker umgesetzt ist.

Die Yankona erfreut sich nicht nur bei den Eingeborenen, sondern auch bei den weissen Ansiedlern allgemein einer grossen Beliebtheit. Selbst der Gouverneur soll ein Verehrer dieses Getränkes sein. Dabei besteht überall jenes primitive Verfahren der Zubereitung, und es wird keine Maschine gebraucht, die die Zähne der Jungen ersetzte, wie wohl denkbar wäre. In früheren Zeiten allerdings sollen die Wurzeln künstlich geraspelt worden sein, wie alte Männer dem Missionär Williams erzählten. Jetzt zieht man die einfacheren und billigeren Instrumente von unübertrefflicher Qualität vor, die jeder Vitijunge im Munde mit sich herumträgt.

Ich habe es oft erlebt, dass Europäer ihren dienenden Geistern befahlen, schnell eine Bowle zurechtzukauen. Die Weissen sagen für Kawa oder Yankona gewöhnlich »Grog«, und zwar »Fiji Grog« zum Unterschied von »White mans Grog«, was den Schnaps im europäischen Sinn bedeutet. »Was wollen Sie trinken?« ist eine stehende Frage, wenn man irgendwo zu Besuch kommt, »Fiji Grog or White mans Grog?« Und zwar hat diese ursprünglich jedenfalls spasshafte Bezeichnung sich so eingebürgert, dass sie allen humoristischen Klang verloren hat und ganz ernsthaft gebraucht wird, ohne dass es dem Betreffenden einfiele, einen Witz machen zu wollen. Die Bezeichnung »Grog« hat sogar angefangen, auch von den Eingeborenen gebraucht zu werden, und nicht blos für das Getränk, sondern sogar für die Pflanze. Ich wurde oft von Vitis angesprochen »Grog?« indem sie mir die Wurzel zum Verkauf anboten, und »Grog, Grog« machte mich oft unser Junge aufmerksam, wenn wir im Walde an einer Piper methysticum-Staude vorüberkamen. Vielleicht wird dereinst das Wort Grog das alte Vitiwort Yankona ganz verdrängt haben, ein merkwürdiges Beispiel der Uebertragung von Wortbegriffen.

Aeusserst befriedigt von den reichen Erlebnissen dieses ersten Tages legte ich mich zu Bett. Ich war entzückt, noch soviel Ursprünglichkeit der Sitten vorgefunden zu haben. Meine kühnsten Erwartungen waren übertroffen. Die letzte Nacht hatte ich noch auf dem Dampfer zugebracht, und jetzt – es war mir, als ob ich schon Monate unter den Insulanern gelebt hätte. Ich konnte lange nicht einschlafen. War es meine Aufregung, oder war es die genossene Kawa, oder waren es die Moskitos, welche durch die Löcher meines Moskitozeltes zu mir hereinwimmerten, oder das halbe Dutzend Besoffener, welches links und rechts von meinem Zimmer ein schauerliches Konzert zusammenschnarchte, was mich wachhielt, ich wälzte mich schweisstriefend mehrere Stunden auf dem Lager.

Die rohen Bretterwände des Hotels reichten blos bis zu einer gewissen Höhe, oben waren alle Stuben offen, und über uns nichts als das gemeinschaftliche, steil ansteigende Schindeldach. Der Mond sah durch die Glasthüre, welche auf die Veranda führte, herein und verrieth mir das geschäftige Hin- und Herrennen einer Menge schwarzer zweizölliger Schaben über die dünne Gase meines Moskitonetzes. Unter sämmtlichen Thieren ist gerade diese Sorte mit den ewig ruhelosen, ewig nervös gestikulirenden geiselförmigen Fühlern mir die verhassteste, trotz aller Zoologie. Hie und da raschelte eine Eidechse über den Boden.

Einige längere Promenaden auf der Veranda draussen in dem herrlichen Mondschein waren unter solchen Umständen viel genussreicher. Ringsum zirpten Tausende von Zikaden, die See glänzte und wogte und ebenso glänzten und wogten die Palmen. Weit draussen brauste die Brandung über den Korallenriffen, und unten rollten die Wellen gegen das Ufer, so dass ich das Schnarchen der Besoffenen nicht zu hören brauchte, und kein menschlicher Ton die zauberhafte Poesie der Tropennacht störte.

Früh am nächsten Morgen brachen wir auf, um nach Gavatina, Herrn Kleinschmidts Wohnsitz, zu fahren. Auch die zwei biederen ihrer Muttersprache entfremdeten Landsleute waren schon aufgestanden, um uns zum Abschied die Hände zu reichen und mich einzuladen, sie in Waidule, wo sie zu Hause waren, zu besuchen. Ich rieth ihnen dringend, sich wieder ins Bett zu legen. Die peinlichen Folgen ihrer gestrigen Ausschweifung waren nur zu deutlich in ihren verstörten Gesichtern zu lesen. Trotz des unermüdlichen Grimassenschneidens gelang es ihnen nicht, die Augen aufzumachen. Mit einem Auge ging es noch leidlich, aber alle beide auf einmal, das ging nicht, so grosse Mühe sie sich auch gaben.

Aus dem Ziegen- und Hühnerstall hinten, in dem die drei verunglückten Seeleute der Nachtruhe genossen, fing die Thüre rhythmisch zu brummen an, und eine rauhe Bassstimme brüllte die Melodie des »Herrn Fischer« dazu mit dem ewigen »Ja, ja«. Es war der Mexikaner, der sein Morgenlied anstimmte.

Ich erhielt noch Gelegenheit, meine Anthropologie mit zwei Neuhebriden-Insulanern zu bereichern, welche in Diensten eines in Wailevu ansässigen weissen Kaufmanns arbeiteten, und flüchtig zu konstatiren, wie sehr verschieden ihre bläulich schimmernde schwarze Haut von der Farbe der vergleichsweise röthlichen Eingeborenen Kandavus sich abhob. Dann luden wir mein Gepäck und ein für ein Pfund Sterling erhandeltes und entsetzlich schreiendes Schweinchen in zwei Böte und segelten ab.