Ich blieb den Abend bei ihm und leerte eine kostbare Flasche echten Rheinweines mit dem liebenswürdigen Kollegen, der nur vorübergehend auf Kandavu kommandirt war, um die Eingeborenen zu impfen. Dementsprechend trug auch seine Wohnung vollständig den Charakter des Improvisirten. Es war eine blos etwas höher gebaute Vitihütte aus Palmstroh, die als vorzüglichste Eigenschaft zwei Fenster von Glas besass. Schon seit länger war eine Scheibe zerbrochen ohne Aussicht auf Reparatur dieses Defektes, da es auf Kandavu keinen Glaser giebt. Es wehte ein starker Wind draussen und durch das nur nothdürftig verstopfte Loch im Fenster herein, so dass ein offenes Licht nicht möglich und der Doktor gezwungen war, sich einer Laterne in seiner Studir- und Empfangsstube zu bedienen.

Als ich nach dem Hotel zurückkam, dessen betrunkener Lärm mir weit entgegenschallte, während ich unter dem sternklaren Himmel der lauen Tropennacht und unter rauschenden Palmen dahinwandelte, hatten sich noch mehr Gäste eingefunden. Einem von diesen, einem Perlenfischer, verdankte ich noch an jenem ersten Abend einen ungeahnten Genuss. Er lud mich ein, mit ihm zu kommen, er wolle sehen, ob er nicht irgendwo Kawa auftreiben könne.

Die Kawa ist das allen Polynesiern bis auf die Maoris und unter den Melanesiern auch den Vitis eigenthümliche Getränk, welches durch Kauen und Auslaugen der Wurzel einer Pfefferart, Piper methysticum, bereitet wird. Man liest oft, dass dabei ein Gährungsprozess eine wesentliche Rolle spiele. Dies ist unrichtig. Gährungsvorgänge bedürfen immer einer gewissen Zeit, die Kawa aber wird sofort getrunken sowie sie zubereitet ist. Die Piper methysticum-Wurzel wächst wild im Walde, und wird als Handelsartikel verkauft. Auch viele Europäer auf Viti haben sich das Kawatrinken angewöhnt, wie zum Beispiel mein Führer, der Perlfischer.

Wir gingen hinüber ins Dorf und krochen durch die niedrige Thüre in die Hütte des Häuptlings. Es war fast ganz dunkel innen. Zwei Feuer erhellten nur spärlich den kleinen Raum, entwickelten so viel Rauch, dass uns die Augen thränten, und beleuchteten flackernd etwa zwölf nackte braune Kerls, welche bereits schliefen und aufwachten, als wir über sie hinweg nach dem Hintergrund kletterten, wo etwas isolirt der Häuptling lag. Dieser mochte anfänglich ein wenig ungehalten sein über die Störung seiner Nachtruhe in so später Stunde, doch beschwichtigte ihn mein Führer, und die Vertheilung von Zigarren machte schnell die ganze Gesellschaft munter. Wir nahmen auf dem Boden Platz und kreuzten die Beine. Eine Menge Hände streckten sich mir aus der Dunkelheit entgegen, und ich schüttelte sie alle der Reihe nach, ohne jedesmal den Eigenthümer zu rekognosziren, und sagte dabei »Sa yandre«, was so viel bedeutet, als »Du wachst«, und die landesübliche Begrüssungsformel ist.

Eine grosse, flache Schüssel aus schwarzbraunem Holz wurde in die Mitte gewälzt, und mir gegenüber schienen einige jüngere Männer sich an die Zubereitung unseres Getränkes zu machen. Wurzelstücke wurden mit Messern zerschnitten und vertheilt. Nur auf Augenblicke, wenn gerade die beiden Feuer frisch geschürt höher flackerten, konnte ich davon etwas wahrnehmen. Hatten die Jünglinge ein Stück Wurzel zurechtgekaut, so förderten sie das Resultat ihrer Arbeit mit den Fingern zu Tage und legten es in die Bowle. Schliesslich goss einer der Männer, dem das wichtige Amt des Brauens oblag, Wasser aus hohlen Kokosnüssen darauf, rührte um mit den Fingern und machte sich an die schwierige Operation des Filtrirens. Hierzu dient gewöhnlich der Bast des »Wau«, der einheimischen Baumwollenpflanze, indem man damit wiederholt in die Flüssigkeit taucht, die holzigen Reste der ausgelaugten Wurzel fängt und zwischen den Fasern des Filters auspresst. Dies muss unter gewissen gesetzmässigen Bewegungen der Arme geschehen, worauf noch immer grosses Gewicht gelegt wird.

Einer der Alten, die um uns herumsassen, legte ein Stück Bambus quer über seine Kniee und klopfte mit zwei dünnen Stäbchen einige Takte darauf, zum Zeichen, dass ein Gesang angestimmt werden sollte. Dieser bestand aus mehreren Strophen, zwischen welchen einige Sekunden Pause gemacht wurde und die grösste Stille herrschte. Man hörte dann nur das Krachen der Wurzeln zwischen den Zähnen der Kauenden und das Herumpantschen der Flüssigkeit in der grossen Schüssel. Die einförmige, ewig wiederkehrende Melodie war entschieden wohlklingender, als die in Neuseeland gehörten Lieder der Maoris, endete stets am Schluss einer Strophe mit einem kurz, fast bellend ausgestossenen Vokal und wurde mit symmetrischen Armbewegungen, Hin- und Herbeugen des Oberkörpers und Händeklatschen begleitet, während die Gesichter einen ernsten andächtigen Ausdruck bewahrten. Der Bambusmusikant schlug den Takt dazu, welcher im Daktylustempo sich bewegte.

Auch mein naturalisirter Freund, der Perlfischer, ein geborener Schotte, sang mit und schwang seine Arme und wiegte sich in den Hüften und klatschte in die Hände, ganz ebenso wie die braunen Wilden. Mein laienhaftes Verständniss konnte keinen Unterschied in seinen Leistungen bemerken.

Der Hymnus war zu Ende, und die Kawa war fertig. Ein Junge brachte in gebeugter, geduckter Haltung – denn aufrecht zu gehen in der Hütte eines Höheren wäre eine grosse Frechheit – den Becher, die Hälfte einer Kokosnussschale, und kredenzte ihn dem Häuptling, welcher galant diese Bevorzugung des Erstlingstrunkes an mich abtrat. Der Junge hockte vor mir nieder und klatschte dreimal in die Hände, als ich ihm die Schale abgenommen hatte. Ich war bereits instruirt, dass man jedesmal ganz austrinken müsse. Es nicht zu thun wird von den Wilden der Südsee ebenso übel genommen, wie von den Wilden einer deutschen Studentenkneipe. Ich that meine Pflicht und würgte die ganze Schale hinunter. Es schmeckte abscheulich, ungefähr so, wie Seifenwasser mit etwas Tannin schmecken möchte.

Die Zechgenossen hatten mehr Freude an meiner That als ich selbst. Alle klatschten sichtlich befriedigt dreimal in die Hände und blärrten unisono und läppisch grinsend: »Amala«, worauf mein Führer und Mentor mir zuflüsterte, ich müsse jetzt »Mole, mole« danken, was ich gewissenhaft und gehorsam that, indem ich die geleerte Schale nach der Schüssel zurückwarf.

Nach mir trank der Häuptling, dann der Perlfischer, und dann kam abermals ich an die Reihe. Was von dem zweimaligen Rundgang unter uns dreien übrig blieb, erhielten die Anderen. Jeder Trunk geschah unter dem bereits geschilderten Zeremoniell.