Als lehrreiche Gegenstücke zu diesen zwei interessanten Halbwilden waren mit dem Dampfer von Sydney drei junge Deutsche gekommen, welche die Absicht hatten, ebenfalls Pflanzer zu werden. Anfangs- und Endstadium eines und desselben Lebenslaufes standen hier nebeneinander.

Die Drei waren die echtesten Grünhörner, die man sich denken kann und ausstaffirt wie zu einem romantischen Flibustierzug. Kein Englisch, keine Idee von der Welt, die ausserhalb des Horizonts ihres preussischen Städtchens lag, aber zwei grosse Neufundländer Hunde hinter sich, Hirschfänger an der Seite, im Gürtel Messer und Revolver, Kanonenstiefel und Flinten, und was das Schlimmste war, sehr wenig Geld in der Tasche, so hofften sie in dem tropischen Lande Reichthümer zu erobern. Sie sahen trotz aller Bewaffnung ziemlich harmlos und ungefährlich aus, und ihre bebrillten Nasen und friedfertigen Gesichter passten mehr in den Typus von deutschen Schullehrern als von kühnen Abenteurern. Sie konnten keine unglücklichere Zeit für ihre Absicht gewählt haben, und Alles gab ihnen den Rath mit der ersten Gelegenheit sofort wieder wegzugehen. Die Regierung hatte auf unbestimmte Zeit alle Landkäufe sistirt, weil eine Menge Unregelmässigkeiten früheren Datums noch zu schlichten waren, es fehlte an Arbeitern, kein Mensch hatte Geld. Aber sie liessen sich nicht abbringen. Möge es ihnen besser gehen als sie verdienen. Die beiden verwilderten Landsleute nahmen sich ihrer gastfreundlich an.

Soweit nach den in Wailevu und auch später allenthalben auf Kandavu gehörten Aeusserungen zu urtheilen war, schien die ganze Kolonie bankerott zu sein und grosse Unzufriedenheit mit dem neuen Gouverneur, Sir A. H. Gordon, und dessen Regierungssystem zu herrschen. Schon in Neuseeland hatte ich vielfach Klagen über ihn gelesen. Man erzählte mir, dass er als hoher Aristokrat die eingeborenen Häuptlinge zu sehr bevorzuge, und dass ihm bei dem höchst schwierigen Streben, die alten angestammten Verhältnisse der Insulaner mit den importirten europäischen Staatsformen in Einklang zu bringen, der komische Fehler passirt sei, in den Parlamentsakten, welche englisch und viti gedruckt werden, den Begriff »Kommoners«, worunter alle nichtadeligen, also auch weissen Bürger zu verstehen sind, mit »Kai si«, dem verächtlichen Ausdruck für »Sklaven«, zu übersetzen.

Ich begann meine Akklimatisation damit, dass ich vor Allem den gesteiften Hemdkragen ablegte. Dem Hemdkragen folgten bald in schleuniger Stufenfolge die anderen Artikel europäischer Uebertünchtheit bis auf Hut, Wollenhemd und Leinenhose.

Sonst hätte ich auch zu sehr von den Tischgenossen, die fast alle barfuss und mit entblössten Armen und entblösster Brust da sassen, abgestochen. Der Kellner war ein nackter Insulaner, welchen eine eingeborene Magd in seinem Dienste unterstützte. An dieser ungeschlachten stämmigen Hebe lernte ich zuerst den sogenannten »Pinafore«, ein loses Busenhemdchen, weches die Brüste verhüllt, die Erfindung der frommen Missionäre, schätzen. Mit dem Pinafore und dem enganliegenden bis zu den Knieen reichenden Sulu konnte ein Kurzsichtiger sie von ferne für eine Altenburger Bauerndirne halten.

Die Tischgesellschaft im Hotel war aus sämmtlichen Himmelsstrichen zusammengewürfelt. Der Stamm hatte sich zu gleichen Theilen aus England und aus Deutschland rekrutirt. Die Uebrigen waren ein amerikanischer Neger, ein Chinese, ein Mexikaner, in dessen Adern mehr indianisches, als weisses Blut fliessen mochte, ein Norweger und ein Italiener. Letztere drei nannten sich »verunglückte Seeleute«, ohne dass die Art ihres Verunglückens genauer festgestellt werden konnte. Ziemlich sicher waren sie zu jener im Pazifischen Ozean so zahlreichen Klasse zu rechnen, welche man Auswurf der Menschheit zu nennen pflegt.

Für den Augenblick war das Wichtigste an ihnen, dass sie kein Geld hatten, um ihren Rausch zu bezahlen, weshalb der Wirth sie noch in der Nacht aus dem Hause schmiss. Der Rausch des Norwegers gehörte, der sinnigen Intuitivität germanischer Rasse entsprechend, zur Art des stillen, nur unverständlich murmelnden Insichversunkenseins, der Italiener und der Mexikaner litten an der schwatzhaften Spezies. Der Italiener behauptete, ich müsse ein Franzose sein, der Mexikaner betheuerte, ich hätte eine fabelhafte Aehnlichkeit mit Bismarck. Durch solche unheimliche Schmeicheleien suchten sie meine Gunst zu gewinnen. Aber ich blieb kalt, und erst als sie meiner Spirituskiste, die im Gastzimmer stand, ein mehr als wissenschaftliches Interesse zu widmen und wiederholt ahnungsvoll dem Plätschern ihres Inhaltes zu lauschen begannen, liess ich mich in ein längeres Gespräch ein, um auf den aussen angemalten gräulichen Todtenkopf hinzuweisen und auf die grässlich qualvolle Todesart, die der Genuss auch nur eines einzigen Tropfens meines vergifteten Alkohols unabwendbar zur Folge haben würde.

Der Mexikaner war sehr musikalisch. Er spielte jedoch auf etwas aussergewöhnlichen Instrumenten, nämlich auf Zimmerthüren, Bretterwänden und Tischplatten, indem er mittels der benetzten Mittelfinger auf- und niederfahrend ein mächtiges Brummen erzeugte, dass manchmal das ganze leichtgebaute Haus zitterte. Dazu trampelte er einen Hornpipe, schnalzte mit der Zunge, jauchzte und sang alle möglichen Lieder in allen möglichen Sprachen. Sein deutsches Lied bestand aus einigen Strophen von Naturlauten mit dem Refrain »Ja, ja«, und zauberte Klänge der Heimath vor mein baiuvarisches Gemüth. Sollte jenes geistvolle Produkt der isaratheniensischen Muse, mit welchem jährlich beim Salvatorbier die Wiederkehr des holden Lenzes begrüsst wird, sollte der »Herr Fischer« jemals Eingang in die Ohren und in das Herz dieser mexikanischen Rothhaut gefunden haben? Welcher engere, ja engste Vaterlandsgenosse hatte ihm diese unvergleichliche Dichtung oder wenigstens die Melodie dazu überliefert? Es unterlag keinem Zweifel, es war die Melodie des »Guten Morgen, Herr Fischer«.

Ausser dem Chinesen waren übrigens die anderen nicht minder betrunken. Der amerikanische Neger fluchte, schlug auf den Tisch und schwor hoch und theuer, er sei der erste »Weisse« gewesen, der auf der Insel Kandavu sich niedergelassen, der Polizeisergeant und ehemalige Bonner Student bestrebte sich, mit mir zu paucksimpeln, der eine verwilderte Landsmann bewies mir zum sechsten mal, dass man in Viti nie reich werden könne, weil das Klima zu viel des kostspieligen Brandygenusses verlange, der andere hörte nicht auf, mich zu versichern, dass er sich schäme, sein Deutsch ganz vergessen zu haben, und weinte.

Da Herr Kleinschmidt auf dem Levuka-Dampfer zu thun hatte, flüchtete ich, um nicht ewig dem wahnwitzigen Wortschwall der Betrunkenen ausgesetzt zu sein, vom Hotel weg und machte dem Regierungsarzt meine Aufwartung. Ausser der nächstliegenden Freude, endlich wieder einmal einen nüchternen Europäer zu sehen, war es mir besonders angenehm, in dem Doktor einen hochgebildeten Engländer kennen zu lernen, der den letzten französischen Krieg in deutschen Diensten mitgemacht hat. Eine stattliche Reihe deutscher Orden, die sich wohl nicht geträumt hatten, dereinst in einem Vitidorfe zu paradiren, befindet sich in seinem Besitz.