Ein junger Mann fiel mir auf durch gemessenes ernstes Benehmen. An seinem linken Oberarm glänzte eine schmale weisse Binde, seine Uniform, wie mir Herr Kleinschmidt sagte. Er war Polizeidiener, die Binde das Zeichen seiner Amtswürde.
Was mich jedoch gleich zuerst und am meisten überraschte, das war die Farbe der Haare. Für solche dunkle Menschenkinder passten eigentlich nur schwarze Haare. Fast alle aber hatten braune, mehrere braunrothe, einige wenige sogar in ein goldenes Blond hinüberspielende fuchsfeuerrothe Perrücken, was als Krönung der schokoladefarbenen, bronzeglänzenden Körper seltsam und nicht unmalerisch aussieht, die Folge eines kosmetischen Verfahrens, dem sie sich theils aus Mode, theils zur Vertilgung des Ungeziefers unterziehen, und welchem ich später beizuwohnen Gelegenheit erhalten sollte. Sie beschmieren sich den Kopf von Zeit zu Zeit mit Kalkbrei, und an manchen gerade nicht sehr reinlich gehaltenen Koiffüren konnte ich noch deutlich die Spuren der letzten derartigen Prozedur an puderigen und bröckeligen Ueberresten erkennen.
Eine andere in die Augen springende Eigenthümlichkeit war die Häufigkeit der Narben. Ich sah kaum einen der nackten Körper ohne solche, bei Alt und Jung und bei beiden Geschlechtern. Sie waren alle von der Grösse einer Bohne, etwas oblong und rundlich erhaben und konnten wohl nur durch fortgesetzte Misshandlung kleiner Wunden entstanden sein. Wie ich noch öfter beobachtete, pflegen die Vitis zufällig erhaltene Verletzungen auf ziemlich grausame Weise zu schneiden und zu brennen, theils aus Bravour, theils um sie in dieser Art chirurgisch zu behandeln. Auf manchem Rücken bemerkte ich ferner beiderseits einfache oder doppelte Reihen regelmässig in Abständen von Fingersbreite angeordnete Narben, welche wie die Rückennähte unserer Ulanen, doch mehr gerade, nicht eben so geschwungen, vom Kreuz nach den Schultern verliefen. Sollte dies blos eine Zierde sein, oder war es die Folge therapeutischer, nebenbei auch das ästhetische Moment berücksichtigender Eingriffe, ähnlich unserem Schröpfen oder Moxensetzen?
An den wenigen Ausnahmen von der allgemeinen Nacktheit waren verschiedene Grade europäischer Bekleidung zu würdigen bis zu dem höchsten hinauf, der im Vorhandensein eines Hutes und einer Hose gipfelte. Nur Stiefel waren an keinem der Insulaner zu entdecken und schienen auch bei den Weissen Seltenheiten zu sein, da der nächste Schuster in Levuka, eine zweitägige Seereise entfernt, wohnte.
Hinter einem mit Brotfruchtbäumen, Bananen und Farngestrüpp besetzten Hügel fliesst ein klares Bächlein von den Bergen herab, das von Süsswasserschnecken wimmelt, und dessen Lockungen ich nicht widerstehen konnte, nach mehrtägiger Entbehrung wieder ein Süsswasserbad zu nehmen. Etwas unterhalb, hinter dem nächsten Gebüsch waren einige Weiber mit Waschen beschäftigt. Sie bearbeiteten europäische Hemden mit europäischer Seife, wahrscheinlich für die Offiziere der Schiffe, schlugen sie mit Steinen auf den glatten Felsblöcken, hingen sie an einer quer über den Bach gespannten Liane zum Trocknen auf, klatschten, kreischten und lachten. Ganz wie bei uns.
In Wailevu selbst wars ungemüthlich. Immer mehr Passagiere strömten nach dem Lunch an Land und liessen sich huckepack von den Vitis aus den Böten aufs Trockene tragen. Haufenweise drängten sich die Insulaner zu diesem Dienst heran, um ein paar Pence zu verdienen und rissen sich um die manchmal nicht ganz leichten Bürden. Manche etwas zu üppig geformte Lady sträubte sich zwar ein wenig gegen diesen würdelosen Ritt vor aller Augen auf den braunen Burschen, die keine Idee von europäischer Zartheit besassen. Aber was halfs. Verlegen erröthend schlugen sie sich seitwärts, so wie sie abgesetzt waren.
Weiter innen im Dorfe unter den Palmen kicherte ein Rudel nackter Mädchen über zwei junge unternehmende Engländer, deren Galanterien ihnen sehr komisch vorkommen mussten. Kreischend stoben sie auseinander, so wie der eine etwas zudringlicher wurde und mit der Hand nach ihnen haschte, hinter den Palmstämmen stehen bleibend und zu neuen fruchtlosen Verfolgungen reizend. Die blonden Jünglinge hatten kein Glück. Eine andere Gesellschaft, die mit Revolvern durch Patronenvergeudung zu imponiren suchte, erfreute sich grösserer Erfolge. Der ganze Janhagel von Mädchen, Jungen und Kindern des Dorfes wandte sich dem Schiessvergnügen zu, ängstlich die Ohren zuhaltend, wenn es knallen sollte, bis ein hinkender alter Kerl erschien und unwirsch die ganze junge Weiblichkeit fort und in ihre Hütten zurückjagte.
Es war mir eine grosse Genugthuung, als endlich die »City of San Francisco« den Blue Peter hisste und mit der Dampfpfeife brüllte zum Zeichen, dass die Passagiere an Bord kommen sollten, um die Reise nach Osten fortzusetzen. Auf Grund des projektirten Aufenthaltes erblickte ich in dem Gesindel der Blassgesichter nur unberechtigte Eindringlinge in meine Domäne. Blos die wenigen Passagiere aus Levuka, die mit dem »Star of the South« gekommen waren, der erst nach Eintreffen des Dampfers aus Amerika zurückkehren sollte, blieben in Kandavu. Auch die »City of New-York« blieb, um auf jene zu warten, hatte aber keine Passagiere.
An dem Hotel, welches innen lange nicht so zivilisirt aussah als aussen, und dessen Abtheilungen rohe Bretter bildeten, schien mir die hervorragendste Eigenthümlichkeit zu sein, dass die Gäste fast fortwährend betrunken waren. Doch glaube ich nach Allem, was ich gehört, schliessen zu dürfen, dass der Alkoholismus nicht nur hier, sondern ebenso in Levuka und auf Viti überhaupt in allen Plätzen wo Alkohol zu haben ist, den Genius loci repräsentirt, dem auch ich mich nicht völlig entziehen konnte.
Um meinen Aufenthalt gehörig auszunutzen und möglichst viel zu sehen, musste ich Bekanntschaften machen, und um Bekanntschaften zu machen, musste ich trinken. Jeder Neuvorgestellte treatete mich und ich treatete ihn, und somit kostete mir jeder die Vertilgung mindestens zweier Schnäpse. Unter anderen lernte ich in dem englischen Polizeisergeanten des Ortes einen ehemaligen Bonner Studenten mit etlichen Schmissen und zwei Landsleute kennen, die ihre Muttersprache vergessen hatten und als abgehauste Pflanzer in irgend einem abgelegenen Winkel der Insel seit mehr als dreissig Jahren mit eingeborenen Weibern zusammen lebten. Sie sprachen ein nothdürftiges Seemannsenglisch, dagegen ausgezeichnet Viti.