Es galt zunächst, mein Gepäck an Land zu schaffen. Ein Boot war bald zur Hand. Aber das Gepäck zu erhalten war nicht so leicht. Es stand unten im Zwischendeck, und um es herauszubekommen, musste eine Pforte in der Schiffswand geöffnet werden. Von Pontius zu Pilatus geschickt, hier mit einem Grobian einige scharfe Worte wechselnd, dort von einem Lümmel auf meine bescheidene Anfrage ohne Antwort gelassen, fand ich endlich jenen dritten oder vierten Offizier, der hiezu allein berechtigt war, und bei dem ich auf weniger Widerstand stiess, als ich erwartet hatte. Die schweren eisernen Barrieren der Pforte wurden losgeschraubt, aber als sie offen war, war das Boot nicht da. Nochmals drängte ich mich durch Gänge und über Treppen, über Treppen und durch Gänge nach dem Deck, das Boot zu suchen und herüberzubeordern, und als es an Ort und Stelle war, war die Pforte wieder zugeschraubt und der betreffende Offizier weg, weiss Gott wo.
Das Wetter hatte sich vorübergehend aufgeklärt, die Sonne brannte glühend heiss herab, von der Stirne rieselte der Schweiss. In der Maschine rasselten die Ketten, an denen die Asche aus dem Feuerraum gehisst wurde, Matrosen und Heizer, lauter Chinesen, Eingeborene und Passagiere rannten durcheinander. Geschrei von allen Seiten, chinesisch und viti, englisch, deutsch und französisch. An allen Eingängen verrammelten Ladies die Passage, waren nur nach mehrmaligen, unterthänigsten Bitten zu bewegen, sie freizugeben und setzten die Kourtoisie auf eine harte Probe. Unter solchen Annehmlichkeiten verging über eine Stunde, ehe ich mit meiner Habe im Boot und bald darauf trotz der bewegten See glücklich und ohne nennenswerthe Havarie gelandet war.
Wailevu, das »grosse Wasser« heisst das Dorf, welches dem Ankerplatz gegenüberliegt und so zum Verkehrsmittelpunkt und zur Hauptstadt der ganzen Insel geworden ist. Ein erst kürzlich entstandenes Hotel, einstöckig, vier Fenster breit und mit Veranda oben und unten nach der Seeseite zu, ist das hervorragendste und zugleich einzige, aus Holz und europäisch gebaute Haus. Sonst sieht man nur Hütten aus Palmblättern, Schilf oder Laub, von denen drei oder vier aussen mit Kalk beworfen sind, und selbst der oberste Beamte und der Regierungsarzt wohnen nur in solchen. Etwa zwölf Hütten sind von Weissen bewohnt, alles Uebrige ist eingeborene Bevölkerung.
Wailevu war voll von den Passagieren der Dampfer, nicht wenig geputzte, kokettirende und die muskulösen Insulaner belorgnettirende Damen waren darunter. Was aber kümmerten mich jetzt diese Blassgesichter, mich, der ich jetzt zum ersten mal unter wirklichen Wilden wandeln durfte, und dem es wie ein Traum vorkam, die Figuren aus den Bilderbüchern der Kindheit verkörpert und leibhaftig vor sich zu sehen. Wie interessant war mir Alles, was sie thaten und an sich trugen.
Hier kauerte ein Dutzend Männer, die Mannschaft eines Bootes, welches gerade beschäftigungslos war, in einer Reihe am Strande, blos mit den Fusssohlen den Boden berührend, während das Gesäss freischwebte, eine Stellung, die ihnen eben so bequem zu sein schien, als sie dem Europäer schwierig und ermüdend wäre. Dort stand ein Anderer, frierend in seiner Kostümlosigkeit – denn wir hatten nur 20 Zentigrade – und klapperte mit den Zähnen und sah so blau aus, dass ich dachte, der arme Mensch hätte einen Fieberanfall, bis mich Herr Kleinschmidt eines Besseren belehrte. Zwei bunte Muscheln hielt er in einer Hand und bot sie den Vorübergehenden zum Kaufe an. Als ich ihn Abends wieder sah, hatte er seine zwei Muscheln noch immer nicht angebracht und klapperte noch immer mit den Zähnen. Er war jedenfalls ein aussergewöhnlicher Pechvogel. Denn im Allgemeinen war die Nachfrage nach Muscheln seitens der Fremden, die ein Andenken mitnehmen wollten, sehr gross, und für die gemeinsten Schneckengehäuse, die man nur vom Strande aufzulesen brauchte, wurden die unverschämtesten Preise verlangt und bezahlt. Selbst auf die Herstellung richtiger »Exportartikel« waren die schlauen Insulaner schon gekommen. Man sah da Bogen, Pfeile und Lanzen, ganz deutlich eben erst flüchtig zurechtgeschnitzt und ohne jeglichen ethnographischen Werth, aber sie wurden gekauft. Nur an Keulen der verschiedensten Formen waren viele echte und alte zu haben.
Es waren lauter schöne, starke, malerische Gestalten, die ich hier sah. Und blieb auch bei den Meisten der Gesichtsausdruck in der Ruhe, wenn sie gerade gedankenlos vor sich hinstarrten und dabei häufig das Maul offen stehen liessen, weit hinter den Anforderungen europäischer Schönheitsbegriffe zurück, so wirkte die Lebhaftigkeit ihrer Züge, das Blitzen der dunklen Augen und der Glanz ihrer weissen Zähne, das Wilde und Natürliche in ihrem ganzen Wesen, wenn sie sprachen und lachten, nur um so angenehmer und anziehender. Namentlich bei den Weibern, von denen in der Bewegung keine absolut hässlich zu nennen war. Doch liessen sich von dem zarteren Geschlecht nur wenige Vertreterinnen blicken. Es trieben sich fast nur Männer auf dem Strande herum.
Alle möglichen Schmucksachen hingen an den braunen Burschen. Ringe, aus grossen Schnecken geschliffen, umspannten die Handgelenke, kreisförmig in sich zurückgebogene Hirscheberzähne, weither von westlicheren Inselgruppen als Handelsartikel gebracht, hingen ihnen an Bändern um den Hals, wie unsere höheren Orden, ebenso mehrfache Schnüre von kleinsten farbigen Glasperlen, zu geschmackvollen mannigfaltigen Mustern gereiht und vorne wie eine Kravatte in zierlichen Knoten mit herabfallenden Enden geschürzt. Viele trugen ein Tuch turbanartig um die Stirne gebunden, welches ihnen bei dem Mangel an Kleidungsstücken als Tasche zur Aufbewahrung der erlösten Geldstücke diente. Ihren Tabak aber trugen sie, gleichwie die Maoris auf Neuseeland, in den durchbohrten Ohrläppchen.
Es war erstaunlich zu sehen, welcher Ausdehnung dieses Anhängsel des menschlichen Hauptes fähig ist. Bei einzelnen war es durch allmälige Erweiterung des Loches zu förmlichen Schlingen umgebildet, welche bis zu den Schultern herabhingen, gross genug, um die fünf Fingerspitzen mehr als drei Zentimeter weit durchzustecken. Zur Herstellung dieser nützlichen Monstrositäten werden wahrscheinlich die Säume der Ohren der halben Länge nach aufgeschlitzt und durch Holzklötzchen an der Wiederverheilung gehindert. Die in den so entstandenen Schlingen getragenen Gegenstände, also vornehmlich ein paar Strünke Tabaksblätter oder auch vielleicht eine Thonpfeife weiten durch ihre Schwere sie immer mehr aus.
Pfeifen sind zwar im Allgemeinen bei den Vitis nicht üblich. Sie rauchen meistens die »Suluka«, eine Zigarette, die sie sich aus einem mittels der Nägel zugeknipsten viereckigen Stück trockenen Bananenblattes und aus zerzupftem Tabak wickeln. »Sulu« heisst der klafterlange Kalikofetzen, den sie um die Hüften wickeln, und diese ihre Bekleidung und die Zigarette scheinen somit in einem ethymologischen Zusammenhang zu stehen.
Doch entbehrten auch die grossen Ohrläppchen nicht des Schmuckes. Blechstückchen, Metallknöpfe, Draht, kurz was sie nur immer aufgabeln konnten, hingen an denselben, einer hatte einen ganz gemeinen Uhrschlüssel mit einem schwarzen Faden daran baumelnd befestigt. Einige, die keinen Tabak besassen, hatten die Leere ihrer Ohrläppchen durch zierlich geringelte Hobelspäne aus der Werkstatt des weissen Zimmermanns zu verbergen gewusst. Hobelspäne staken auch in den Turbans des einen oder anderen und starrten korkzieherlockenartig von den Schläfen herab. Andere hatten Blätterguirlanden vorgezogen, welche zugleich kühlend die Stirne beschatteten.