Nach nicht ganz vier Tagen hatten wir die neunzehn Breitengrade oder 1140 Seemeilen zwischen Auckland und Kandavu zurückgelegt, und wir waren in Viti.
Die Viti- oder, wie man gebräuchlicher, aber weniger richtig sagt, Fidschi-Gruppe, die ausgedehnteste der Südsee, besteht aus über 200 Inseln.[7] Diese Inseln, deren Gesammtflächeninhalt von 20 807 Quadratkilometer ungefähr dem des Königreichs Würtemberg (19 504 Quadratkilometer) gleichkommt, lassen sich in mnemotechnischer Rücksicht eintheilen in zwei von erster Grösse, Vitilevu und Vanualevu, zwei von zweiter Grösse, Tawiuni und Kandavu, und eine Menge kleinerer dritter Grösse bis zu wasserlosen und deshalb unbewohnten Felsen herab. Die Bevölkerung wird nach der letzten Schätzung zu 118 000 Eingeborenen und 1500 Weissen angegeben. Davon sollen auf Kandavu etwa 5000 Eingeborene und 50 Weisse treffen.
[7]: Der offizielle englische Name der Kolonie ist »Fiji«, mit dem Akzent auf der letzten Silbe. Unsere deutschen Geographen schreiben überwiegend »Viti«. Die Eingeborenen selbst nennen sich »Kai Viti« (Kai = Mann), mit dem Akzent auf der vorletzten wie überhaupt bei fast allen polynesischen Wörtern. Auch für die Vitisprache gilt die italienische Vokalisation.
Die Regierungshauptstadt Levuka liegt auf einer Insel dritter Grösse, auf Ovalau. Viti ist die jüngste englische Kolonie. Erst vor vier Jahren, am 21. März 1874, haben die Engländer auf Antrag des eingeborenen Königs Thakombau, dem die begonnene moderne konstitutionelle Regierung mit seinen weissen Unterthanen nicht mehr recht gelingen wollte, sie in Besitz genommen. Die Viti-Inseln sind auch noch dadurch interessant, dass unter allen bisher bekannten Menschen der Erde gerade die Viti-Insulaner ehemals am meisten dem Kannibalismus fröhnten.
Als ich am 7. Juli Morgens aufwachte, ging die Maschine bereits langsamer. Ich sprang ans Fenster. Die dunklen Umrisse hoher Berge lagen vor uns im Dämmerlicht, und hie und da brandete die See in weissen Schaumlinien über Korallenriffen.
Trotz der frühen Stunde und trotz des Regens waren bald die meisten Passagiere auf Deck, und auch draussen auf dem Wasser wurde es lebhaft, als wir in die Angaloa Bai einfuhren. Der Dampfer von Sydney, die »City of New York« hatte sich bereits auf dem Ankerplatz eingefunden, und hinter uns drein kam mit einer in diesen Breiten geradezu erstaunlichen Pünktlichkeit der kleine »Star of the South«, welcher die Post von Levuka brachte, und entwickelte eine so mächtige Rauchsäule, dass wir ihn anfangs für den grossen erst in zwei Tagen fälligen Dampfer von Amerika hielten. Aus allen Ecken erschienen beflaggte Segel- und Ruderböte europäischer Konstruktion und Segel- und Ruderkanuus von Vitibauart, und nackte braune Menschen sassen in ihnen. Eine Dampfbarkasse mit den fliegenden Farben der Pacific Mail Steam Shipping Company fuhr kreuz und quer durch die kleine Flottille, scheinbar ohne anderen Zweck als das Durcheinander zu vermehren und die Wirkung des belebten Bildes zu erhöhen. Von den Hügeln, welche mit einer eigenthümlichen, unschön grellgrünen Vegetation bedeckt waren, wie auf schlechten Aquarellen, begannen Palmen zu winken, und auch unten am Ufer tauchten Palmenhaine auf und zwischen ihnen die niedrigen Strohhütten eines Vitidorfes.
Kaum war der Anker hinabgerasselt und die Falltreppe niedergelassen als Dutzende von Fahrzeugen sich an unsere Seite legten. Der Regierungsdoktor kam in seinem Boot, an dessen Stern die blaue Flagge des englischen Zivildienstes flatterte, mit sechs Insulanern, deren frischgewaschene weisse Turbans geschmackvoll von dem satten, glänzenden Braun ihrer muskulösen Körper sich abhob, herangerudert und frug, ob Alles an Bord gesund sei. Agenten und Kaufleute stiegen herauf, und Eingeborene boten von ihren Kanuus aus Früchte, Muscheln und alte Kannibalenwaffen feil.
Rings ums Schiff wimmelte es von den seltsamen Gestalten der Südseekanuus mit ihren Auslegern, die sich so gebrechlich ansehen und so gut segeln. Die See ging ziemlich hoch, schlug sie voll Wasser, warf eines gegen das andere, und verwickelte die dünnen, zusammengebundenen Holzgerüste der Ausleger. Heftiges Geschrei flog hin und her, Körbe mit Früchten wurden über Bord geschwemmt und trieben hinweg, und zwei der Kanuus kenterten, so dass ihre braunen Insassen ins Wasser fielen, woraus sie sich aber viel weniger machten, als aus dem Verluste einiger hundert Apfelsinen, welche ihren ganzen Handelsvorrath bildeten und nun von der Ebbe entführt über die hüpfenden Wellen sich ausbreiteten.
In einem Kanuu befanden sich zwei Frauenzimmer, ebenso wie die Männer kurz geschoren, mit weiter nichts als einem Stück Tuch um die Lenden bekleidet und blos durch ihre vollen Brüste als solche erkennbar. Sie zogen die Aufmerksamkeit unserer Passagiere in nicht geringem Grade auf sich, nicht allein der männlichen, sondern auch der weiblichen, deren Mienen ausser der allgemein weiblichen Neugierde etwas wie Eifersucht und Neid über diese privilegirte Zurschaustellung verriethen trotz des affektirten verächtlichen Naserümpfens.
Ich war noch immer unentschlossen, wohin ich mich wenden, ob ich nach Levuka fahren oder dem Rathe des Lootsen folgen und auf Kandavu bleiben sollte, als ich allen Zweifeln hierüber durch meinen guten Stern sehr angenehm entrissen wurde, indem er mir, eben im Begriff, den Dampfer zu verlassen, einen deutschen Landsmann und Naturforscher zuführte. Herr Kleinschmidt, der als wissenschaftlicher Reisender des Museum Godeffroy in Hamburg sich eben zum Zweck zoologischen Sammelns auf Kandavu aufhielt, kam an Bord des Dampfers, wurde mir vorgestellt und hatte die Güte, mir seine Führung auf gemeinschaftlich zu unternehmenden Streifzügen anzubieten, was ich natürlich mit dem grössten Dank annahm. Ich weiss wahrhaftig nicht, wie ich ohne Herrn Kleinschmidt, der, seit mehreren Jahren in Viti, Land und Leute kannte und der Vitisprache vollständig mächtig war, mit den Insulanern zurecht gekommen wäre, die fast kein Wort Englisch verstehen und sehr geneigt zu sein scheinen, den ihrer Sprache unkundigen Fremdling an der Nase herumzuführen. Ich beschloss also, auf Kandavu zu bleiben und habe es nicht bereut.