Da das Essen auf Seereisen eine ansehnliche Rolle spielt, so fällt die Qualität desselben bei der Beurtheilung eines Schiffes schwer ins Gewicht. Leider ist auch in Betreff dieses Faktors von der City of San Francisco nichts Rühmliches zu berichten. Die Tafel war zwar stets voll von lauter neusilbernen Schüsseln und Schüsselchen, aber es war eigentlich selten etwas Nennenswerthes darin zu entdecken. Ein Gericht fehlte niemals und repräsentirte zugleich am besten den Charakter der Gesammtheit. Es bestand aus lauter feinen Knochensplittern, die mit einer dicken schwärzlichen Tunke überzogen waren. Ich weiss nicht, ob dieses kalifornische oder chinesische Küche oder eine Spezialerfindung der Pacific Mail Steam Shipping Company war. Gewiss aber ist, dass wir alle fortwährend gierig den Tisch auf und ab blickten, und dass wir am Ende einer Mahlzeit derselben nur sehr schwach bewusst waren. Sah man unsere rastlos und zwecklos hin und her rennende schlitzäugige und bezopfte Dienerschaft an, so konnte man sich nach China versetzt träumen, wo es ebenfalls allerhand seltsamen Mischmasch von Mäusepfötchen und Regenwürmchen, von Rattenschwänzchen und Eidechsenrippchen zu essen geben soll.
Waren auch unsere Chinesen vom Scheitel zur Zehe vollkommen echt, und unterliessen sie es auch nie, ihre sonst spiralig zusammengerollten Zöpfe bei Tisch galamässig in ganzer Länge herabbaumeln zu lassen, so wären uns doch Stewards unserer eigenen Rasse viel lieber gewesen. Die Mongolen verstanden nur wenig Englisch und besassen durchaus nicht die geringste Neigung zur Artigkeit. Mechanisch, stumm und mürrisch thaten sie, was ihnen vom Obersteward durch ein eigenes System von Fusstritten angedeutet wurde. Der Kompanie war es mit den Chinesen offenbar nicht um eine fremdartige Zierde ihres Salons, sondern nur um die grössere Billigkeit derselben zu thun. Mit jedem Tage wurden sie unsauberer, und schon am dritten erschien auch der Obersteward in einer schmierigen und schäbigen gestrickten Jacke und reichte damit die Wangen der Nächstsitzenden streifend in den Tisch herein – ein Mangel an Anstand, der auf englischen oder deutschen Dampfern unmöglich gewesen wäre. Dabei reduzirte sich der Inhalt der vielen Schüsseln und Schüsselchen immer mehr.
Die Ankunft in Viti unterbrach für mich diese absteigende Progression und entzog mir das Ende und Resultat derselben, welches wahrscheinlich auf ein Indignation Meeting der Passagiere und einige Schmähartikel in Australischen Zeitungen ohne besondere Wirkung, wie ich deren schon viele gelesen, hinauslief.
Wir hatten, so lange wir im Bereich von Neuseeland waren, trübes und regnerisches Wetter, und eine Menge Kaptauben, viel mehr als ich je in der Nähe des Kaps gesehen, begleitete unsere Spur. Auch einzelne Albatrosse der kleineren Art liessen sich hie und da blicken. Am zweiten Tag waren beide verschwunden. Der Himmel hatte sich aufgeheitert, schnurgerad stieg der schwarze Qualm des Schornsteins empor, es wurde warm und ich musste die winterliche Kleidung gegen eine leichtere sich der tropischen nähernde vertauschen.
Es war der 4. Juli, der Hauptfesttag und zugleich hundertjährige Geburtstag der Vereinigten Staaten. Heute wurde zu Philadelphia die grosse Weltausstellung eröffnet, genau genommen eigentlich 16 Stunden später als unserer Zeit entsprach. Vier grosse Sternenbanner wehten von den drei Masten und von der Gaffel. Die zwei ansehnlichen Geschütze des Schiffes begrüssten das Aufsteigen derselben am Morgen und das Niedersteigen am Abend mit einem donnernden Salut, und der Kapitän trank bei Tisch eine Flasche Wein mit seinen Offizieren. Die Passagiere verhielten sich ziemlich passiv, da kein einziger Amerikaner sich unter ihnen befand, und es wurde nicht eine einzige Rede gehalten.
Wir fuhren direkt nach Norden. Die am Wege liegenden Kermandec Inseln passirten wir westlich davon ohne sie in Sicht zu bekommen.
Ich sollte nun einen Monat auf Viti zubringen, und war noch sehr im Unklaren über meinen Reiseplan. Länger als die Zeit bis zur nächsten Post durfte ich nicht bleiben, und ich kannte bereits die Unsicherheit und Langwierigkeit der Verbindungen in der Südsee von den in Neuseeland gemachten Erfahrungen her. Wollte ich die Hauptstadt von Viti, Levuka, besuchen, so musste ich von den dreissig Tagen mindestens zwei für die Fahrt von Kandavu hin und zurück auf einem erbärmlichen Zwischendampfer verwenden, es konnten aber auch vier und mehr werden. Und war ich in Levuka, so war ich auf der ganz kleinen Insel Ovalau, von wo aus nur sehr zweifelhafte Gelegenheiten nach Vitilevu durch Segelfahrzeuge bestanden. Sollte es dem Wetter einfallen mir ungünstig zu sein, so konnte ich meine ganze Zeit auf See statt auf Land zubringen.
Mit uns war der Lootse für Kandavu an Bord, der damals zugleich auch für die Neuseeländischen Häfen lootste und deshalb beständig auf den Dampfern hin- und herfuhr. Er behauptete Viti vollständig zu kennen, und an ihn wendete ich mich zunächst mit meinen Zweifeln. Er rieth mir dringend ab, nach Levuka oder gar nach Vitilevu zu gehen, ich würde sonst höchst wahrscheinlich meine Passage verlieren, da es kaum möglich sei, innerhalb eines Monats wieder in Kandavu einzutreffen. Vielleicht hatte er Recht und sagte die Wahrheit, vielleicht war er an dem Hotel in Kandavu betheiligt. Im Widerspruch mit ihm riethen mir einige Mitpassagiere aus Levuka, die dorthin zurückkehrten ebenso dringend, ich sollte mit ihnen kommen und nicht auf Kandavu bleiben »O auf Kandavu ist nichts los, da werden Sie sich höchstens langweilen und nichts zu essen und nichts zu trinken bekommen«. Jetzt glaube ich annehmen zu dürfen, dass sie hierbei nur an ihre Schnapskneipen in Levuka dachten.
XII.
WAILEVU.
Allgemeines über Viti. Ankunft in Kandavu. Herrn Kleinschmidt kennen gelernt. Gepäckschwierigkeiten. Meine ersten echten Wilden. Das Hotel von Wailevu und seine Eigenthümlichkeiten. Drei junge Flibustier mit trüben Aussichten. Eine interessante Tischgesellschaft. Besuch beim Doktor. Kawa-Gelage. Zauberhafte Tropennacht.