Nach dem letzten Vertrag zahlten Neusüdwales und Neuseeland für die Post eine Subvention von je 45 000 Pfund Sterling. Eine gewisse Fahrzeit, die ja nirgends besser als in den ruhigen Gewässern des Stillen Ozeans durch Kohlenverbrauch regulirt und eingehalten werden kann, war ausbedungen. Jede Stunde früheren Eintreffens wurde mit einer Prämie von 5 Pfund belohnt, jede Stunde Verspätung kostete 4 Pfund Strafe.

Da ich endlich die Geduld verlor, noch länger auf Gelegenheiten nach Tonga und Samoa zu warten, und in Neuseeland die Regenzeit immer unangenehmer wurde, so fasste ich einen raschen Entschluss und kaufte eine Passage nach San Francisco. Am 3. Juli ging die nächste Post dorthin, und zwar die »City of San Francisco«. Um denn doch noch etwas von der Pazifischen Inselwelt zu sehen, stellte ich die Bedingung, sowohl auf Kandavu als auf Hawaii einen Monat überschlagen zu dürfen. Dies wurde mir vom Agenten erst dann genehmigt, als ich ihm drohte, im Fall der Verweigerung mit der anderen Linie, mit der »P. and O.« – in solcher Weise kürzt der praktische Engländer den etwas langstyligen Titel »Penninsular and Oriental Mail Steamship Navigation Company« – über Indien nach Hause zu gehen. Hätte ich meine Passage blos von Station zu Station genommen, so hätte mich die Reise vielleicht das Doppelte gekostet. Dank dem Fehlen jeglicher Konkurrenz betrug der Fahrpreis blos bis Kandavu (vier Tage) 10 Pfund Sterling, und von Kandavu nach San Francisco nicht etwa 10 Pfund weniger sondern eben so viel wie von Auckland aus, nämlich 40 Pfund Sterling. Ausserdem hatte man nur bei der ganzen Fahrt Anspruch auf 250 Pfund Freigepäck.

Ausgerüstet mit dem theuren Ticket, dessen Rückseite die tröstliche Versicherung gab, im Fall eines Unglücks keinerlei Entschädigung zu gewähren und überhaupt für nichts zu stehen, schiffte ich mich also am 3. Juli ein.

Die City of San Francisco machte im Anfang einen imponirenden Eindruck. Ich hatte eben schon lang keinen grösseren Dampfer mehr gesehen. Allerdings reichte die kurze Zeit der vier Tage nach Kandavu hin, um mir deutlich zu machen, dass dem äusseren Glanz und den ansehnlichen Dimensionen kein würdiger Inhalt entsprach.

Die eine Seite des Schiffes und zwar die bessere, dem Passatwind zugekehrte war für die Passagiere aus Sydney, welche erst in Kandavu an Bord kamen, reservirt, und da ich nur bis Kandavu ging, hatte ich das Glück, der einzige Bewohner dieser ganzen Seite zu werden. Mit meinem Gepäck verfuhr man indess weniger liebenswürdig als gegen mich. Obwohl mir der Agent erklärt hatte, ich hätte nichts mehr für dasselbe zu bezahlen, wog man mir doch jede einzelne Kiste und oktroyirte mir, der ich vertrauensselig genug war, diese Manipulation nicht zu überwachen, 200 Pfund Uebergewicht und 4 Pfund Sterling Fracht dafür auf. Als ich später in Honolulu mein Gepäck nachwog, fand ich, dass ich um mehr als die Hälfte betrogen worden war.

Die City of San Francisco ist nicht länger und nicht breiter als manche atlantischen Postdampfer, deren erster Anblick mich sehr enttäuschte, nachdem ich die in unseren Blättern üblichen Schilderungen von der Pracht und Mächtigkeit jener »schwimmenden Paläste« gelesen hatte. Es ist schwer, ein so grosses Fahrzeug nach dem Augenmass zu beurtheilen. Die Anordnung und die Einrichtung der verschiedenen Räume tragen viel dazu bei, ein Schiff mehr oder minder grandios erscheinen zu lassen. Bei der City of San Francisco nun waren diese beiden Faktoren in der günstigsten Weise wirksam, und so kam es, dass sie der erste Dampfer war, der mir durch seine Grössenverhältnisse imponirte. Auch an Eleganz übertraf sie meine Erwartungen. Die einzelnen Decks zeichnen sich durch ungewöhnliche Höhe aus, so dass in den Kabinen drei Betten oder Kojen übereinander Platz haben. Dadurch ragt das ganze Schiff sehr hoch aus dem Wasser und erhält so viel Obergewicht, dass es bei Windstille, des Haltes der Segel entbehrend, fast niemals langweilig hin und her zu rollen aufhört.

Der Salon, welcher quer durch die ganze Mitte geht, und ein Theil der Kabinen liegen im Zwischendeck, dessen Ventilation viel zu wünschen lässt. Das Kajütsdeck ist der ganzen Länge nach zu beiden Seiten offen und hier mit einer sehr angenehmen Gallerie versehen, welche bei schlechtem Wetter Schutz vor Regen gewährt. Das Oberdeck trägt vorne das Häuschen der Dampfsteuerung, dann die Kammern für den Kapitän und die vier Offiziere, einen »Presidents Room« für besonders distinguirte Personen, da der Präsident der Vereinigten Staaten selbst wohl nur selten in die Lage kommen wird sich seiner zu bedienen, und hinten eine »Social Hall« mit Piano, Divans und einer ornamentalen Treppe nach unten. Da wir nur wenig Passagiere hatten, sah das freie und leere Oberdeck doppelt geräumig aus. Das Rauchzimmer, dieser wichtige Raum, in dem auf deutschen und englischen Dampfern Abends sich Alles zusammendrängt, bis niemand mehr Platz hat, und bis man vor Rauch einander nicht mehr sehen kann, war hier in einer sehr despektirlichen Weise behandelt. Der Raucher gilt in Amerika als lasterhafter Mensch, und in Anbetracht dieses war es natürlich, dass das Rauchzimmer sich gleich neben den Klosetts befand und eigentlich nur der Vorsaal dieser nützlichen Institute war, weshalb keiner sich in ihm aufhalten mochte.

Unser Kapitän wurde mir als eine Zelebrität aus dem letzten amerikanischen Bürgerkriege bezeichnet, er sei damals Führer eines südstaatlichen Kaperschiffes gewesen und habe dem Handel der Yankees viel Schaden gethan. Der erste Offizier war ein ausgezeichneter Violinspieler, der gern seine Künste zum Besten gab, und hatte ein etwas bierduseliges Gesicht, so dass ich in ihm einen biederen Landsmann vermuthete, obgleich er sonst nichts davon merken liess. Unter der übrigen Mannschaft waren Chinesen, Neger und Polynesier vertreten. Der Barbier war ein feingeschniegelter brauner Kanaka aus Honolulu, und im Salon bedienten langzopfige Chinesen. Zur ordnungsmässigen Besatzung rechneten sich ferner sieben Ochsen, etwa zwanzig Schafe und eine Menge Geflügel.

Als ich nach dem Doktor frug um mich ihm vorzustellen, fand ich in diesem denselben Herrn wieder, der mir vor einer Stunde als Freight Clerk gezeigt worden war, und mit dem ich mich bereits wegen des Gepäckes herumgezankt hatte. Er vertrat aber nur die interne Medizin. Die Chirurgie oblag seinem Vorgesetzten, dem Zahlmeister. Dieser rühmte sich Doktor von Philadelphia zu sein und pries mir die Einträglichkeit seiner doppelten Stellung an Bord. Solches war der »Experienced Surgeon«, dessen beruhigende Gegenwart im Programm fettgedruckt angezeigt steht.

Eine zweite Annehmlichkeit ähnlicher Art lernte ich in der Bibliothek kennen, und es war mein Vergnügen des ersten Abends, zu konstatiren, dass dieselbe aus 96 Bibeln, 54 Gebetbüchern, 16 Abhandlungen über praktische und theoretische Frömmigkeit, 22 Selbstbiographien von Pastoren und anderen Blaustrümpfen, aus einer italienischen Reise und aus Dickens' Martin Chuzzlewit bestand. Bis auf diese beiden entstammten die Bücher einer Traktatgesellschaft und hatten somit für die Pacific Mail Steam Shipping Company den unschätzbaren Vorzug, dass die »Accomplished Library« ihr nichts kostete. Ewig dankbar dem unbekannten Spender, warf ich mich Martin Chuzzlewit in die Arme.