Eine kleine Maskenwelt
Im bescheidenen Gras lebt eine kleine Maskenwelt mit Behagen,
Marienkäfer, die auf den Flügeldecken Malereien wie bunte Gesichter tragen,
Kleine Käfer, die sich auf die höchsten Gräser wagen,
Und sich mit vielen Beinen redlich vorwärts plagen;
Kleine Halbkugeln, die nach ihrer andern Hälfte fragen.
Alle rennen und müssen sich ihre Liebe erjagen
Und tragen ihre winzigen Romane, ohne laut zu klagen.
Schimäre
Schimäre ritt im Sturm heut an das Haus;
Sie kam auf einem wilden Rasselwurm,
Der preßte einer ganzen Landschaft
Die fromme Sommerseele aus.
Als sie durch die geschloßnen Türen und die Wände ritt,
Hob sie das Haus auf ihre Hände und nahm es mit.
Schimäre trug es mit Gebraus in ferne Breiten,
Und auch in fremde ferne Zeiten trug sie mein Haus.
Wie eine Fähre schwamm es durch Jahrhunderte,
Und lachend sah ich drin mit meinem Lieb heraus,
Doch war nichts auf der Welt, nichts, was uns wunderte.
Das Abendrot zu Seta
Ein japanischer Winter am Biwasee ist nicht so kalt und nicht so schneereich wie die meisten deutschen Winter, aber doch liegt oft fußhoch eine weiße Schneerinde am Seerand, auf den Hausdächern und in den Gabeln der Bäume. See und Himmel sind dann vom Winterdunst eingewickelt. Der See liegt wie ein dunkles Zelt im Nebelrauch, und wie weiße Insektenschwärme kommen die Schneeflocken an. Ihr kreiselnder Tanz im Wind ist im Wintertag das einzige Leben am See, dessen Spiegel blind ist, auf dem sich kein Segel zeigt, dessen Schilffelder abgemäht sind, und der einer Wüste aus grauem Basalt ähnelt.
Die Japaner tragen in der weißen Jahreszeit drei bis vier wattierte graue und bräunliche Seidenkleider übereinander. Sie kennen keine Öfen. Nur eine kleine Kohlenglut in einem Messingbecken wärmt die hingehaltenen Fingerspitzen. Aber die Japaner haben viel Eigenwärme in sich. Sie sind gewöhnt an den Verkehr mit offener Luft in luftreichen, leichten Bambusholzhäuschen, hinter dünnen Papierwänden und Papierscheiben, gekleidet in den drei anderen Jahreszeiten in luftige Seiden und Kreppstoffe und eingehüllt in das bequeme Schlafrockkostüm, das den Gliedern Spielraum zu Eigenbewegung läßt. So sind sie ein gesundes, warmblütiges Volk geblieben. Die Seele der Japaner ist ebenso warmblütig wie ihre reinlichen, gutgelüfteten und leeren Papierzimmer. Keine Möbelstücke sind in ihren Zimmern, der saubere Strohmattenboden des Gemaches muß alle Möbel ersetzen. Er stellt Tisch, Stuhl, Sofa und Sessel dar, ist handdick, aus dünnstem, feinstem Rohrmattengeflecht, ist nachgiebig, leicht elastisch, und du darfst ihn nur mit Strümpfen, nie mit Schuhen betreten. In diesen leeren Gemächern, deren Wände leicht getönte Bambusstrohfarbe, mehlweißes Papier oder gelbliche Naturhölzer zeigen, hebt sich das Menschenantlitz ab wie ein Porträt auf ungestörtem Hintergrund; und die Gesten der Menschen, in diesen leeren Gemächern, werden in den kleinsten Bewegungen wichtig und bleiben deiner Erinnerung eingeprägt, wie Schriftzüge auf weißem Papier.
Als farbiger natürlicher Zimmerschmuck stehen in den offenen Schiebetüren die Ausblicke auf die maigrünen, sommergelben, herbstbraunen und winterblauen Landschaftsbilder, der Flug vorüberziehender Vögel, wandernde Wolken und Menschen. Unwillkürlich befürworten die leeren, farblosen Gemächer die Liebe zur farbigen Außenwelt. Die Welt, die immer im Türrahmen erscheint, wenn eine Schiebetür sich öffnet, wirkt im leeren Zimmer doppelt lebhaft als Landschaft oder als Mensch, der zu Besuch kommt; jeder Mensch wird zum lebenden Bild, wenn er sich zu dir auf die Leere der Diele zwischen die leeren Wände setzt. Man kann sich leicht denken, daß sich dann alle Landschaftsreize steigern und den Hausbewohnern so wichtig werden wie einer europäischen Hausfrau die Möbelstücke.
In den leeren Gemächern von Seta am Biwasee ist das Abendrot vor den Türen zu Seta eine Berühmtheit geworden, und das Abendrot von Seta gesehen haben, ist wie Bienenhonig dem Ärmsten und verspricht dir noch nach langen Jahren einen sanften Tod. –