In Seta lebte die Frau eines verarmten Adligen. Ihr Mann war im Krieg gegen die Europäer gefallen, ebenso ihre zwei Söhne. Diese Frau reiste öfters im Sommer oder im Frühling zur Kirschblütenzeit nach Kioto oder nach dem Wallfahrtsort Nara oder nach den heiligen Tempeln von Nikko, um dort im Gebet, in den Tempeln, an heiligen Orten ihrem Mann und ihren zwei Söhnen näher zu sein.

In Kioto, im Tempel der fünftausend Kriegsgenien, stehen in den zehn langen Reihen je fünfhundert aufrechte goldene Götter. Jeder Gott hat zwanzig bis dreißig Arme, schwingt Speere und Schwerter; und man sagt: sollte Kioto einmal von Feinden angegriffen werden und in höchster Not sein, dann ziehen die fünftausend Götter aus der langen hölzernen Tempelhalle aus und werden die alte Kaiserstadt verteidigen.

In diesen Tempel ging die verwitwete Frau am liebsten, denn dort traf sie im Gebet ihren Mann. Wenn sie vor den fünftausend Götterbildern niederkniete, sprach er in ihr Ohr wie ein Lebender.

Die feuerrote düstere und fensterlose Lackhalle, darinnen die fünftausend goldenen Götter nur von den riesigen offenen Türen beleuchtet wurden, gab der Witwe ein aufregend wohliges Gefühl. Wenn sie über die hunderttausend goldenen Speere und Schwertspitzen schaute, glaubte sie ein Kriegsgetümmel vor sich zu sehen. Von den zehn Reihen der Götter steht immer eine Reihe höher hinter der andern, so daß man sich vor einem Berg von Lanzen, Schwertspitzen, goldenen Armen und goldenen Heiligenscheinen befindet, als strömten dir goldene Götterscharen bergab entgegen.

Als die Frau eines Tages wieder im Gebetstaumel die Halle verließ, sah sie draußen auf dem Bretterweg, der an der hundert Fuß langen Halle entlangführt, einen Mann stehen, der sich, wie das die Japaner öfters tun, hier im Bogenschießen übte. Der Mann glich auffallend ihrem toten Gatten. Am einen Ende des Bretterwegs stand der Schütze mit dem altmodischen, mannsgroßen Bogen, am andern Ende des Bretterwegs war die weiße Scheibe angebracht, und an der ganzen Tempellänge entlang surrte der Pfeil des Schießenden. Trotzdem jetzt allgemein das Gewehr in Japan eingeführt ist, üben sich einige Japaner noch zum Vergnügen im Bogenschießen, und besonders ist der Bretterweg am Tempel der fünftausend Kriegsgenien ein beliebter Übungsplatz in Kioto.

Die Frau zitterte vor Erregung, als sie den Schützen sah, der das getreue Abbild ihres gestorbenen Mannes war. Ihr Auge hatte einen unwiderstehlichen, leidenschaftlichen Ausdruck, und ihr ganzer kleiner Körper wurde wie ein Stück Magneteisen und zog den Mann nach sich, den sie anschaute.

Sie blickte den Schützen an, trat rückwärts wieder in die Tempelhalle zurück und ging an der untersten Reihe der Genien entlang, genau wissend, daß der Schütze Bogen und Pfeile wegstellen und ihr nachfolgen müßte. Sie kam in das dunkle Ende der Halle, wo Holztreppen ähnlich Leitern, verstaubt, uralt und düster, zu einer dunkeln Holzgalerie führen, die sich hoch unter dem Dach des Tempels über den fünftausend Genien hinzieht. Der Mann, der ihr gefolgt war, kam leise die dunkle Stiege herauf. Sie kauerte auf der obersten Stufe nieder und wollte ihn an sich vorübergehen lassen.

»Deine Augen können surren wie Pfeile,« sagte der Mann und blieb neben ihr stehen.

»Du siehst meinem verstorbenen Mann ähnlich,« sagte die Frau. »Deswegen habe ich dich angesehen.«

Der Mann atmete schwer. Er senkte den Nacken und flüsterte rasch: