In diesen Hitzetagen, die alle Hirngespinste wegbrannten, war Ilse nicht Europäerin, nicht werdende Asiatin, sie war wie der Klumpen Sonne selbst, der oben über dem Schiffsmast hing und mit dem Schiff weiter zog. Sie brauchte keine Nachsicht zu üben, sie brauchte keine Behauptungen, um sich sicher zu stellen. Es war, als impfe die Sonne mit ihrer Glut Liebe ein. Und jeder Menschenkörper war heißes Metall geworden und begriff kaum mehr die Unterschiede von Tag und Nacht, von Jugend und Alter, von Zeit und Vergänglichkeit, von Gegenwart und Zukunft.
Die Hitze, die alles verschmolz, brachte in den Tagen des Roten Meeres Ilse und Okuro so eng und sinnlich zusammen wie nie vorher, wie nicht einmal die erste Hochzeitsnacht. Wenn sie auch den Tag in der Reihe der Hunderte von Deckstühlen Seite an Seite, wie in einem Lazarett aufgebahrt liegend, zubrachten, so war es, als schliefen sie in der Hitze einen gemeinsamen Schlaf. Die Hitze legte ihren Arm sicher um beide. Ohne daß sie ihre Arme ausstreckten und sich berührten, ohne daß ihre Lippen sich fanden, lagen sie mit dem Gefühl großer Innigkeit und Friedlichkeit unter der langen Reihe von Reisenden wie allein in ihrem eigenen Schlafzimmer und eng vereinigt.
Niemals fiel es Ilse und Okuro ein, nach Sonnenuntergang, wenn sie vom Tagesschlaf erwachten, sich andere Dinge als Herzlichkeiten zu sagen. Ilse lehnte in ihrem langen weißen Abendkleid am Schiffsgeländer, Okuro neben ihr im schwarzen Abendanzug. Er sagte ihr, ihr Hals sei schmal wie der afrikanische junge Mond. Und sie sagte, daß sie seine Hände so liebe, die nie einen Ring trügen, die Knöchel hätten, fein und stark wie die kräftigen Federposen elastischer Vogelflügel. Und sie sahen beide den in weißen elektrischen Kreisen leuchtenden Meertierchen zu, die gleich metallischen Kinderkreiseln auf den Wellen entlang tanzten.
Dann erschien das Spiegelbild des Mondes unten im Wasser; das bergauf und bergab wogende Schiff, das Champagnerzischen der Kielwellen und das Geknister des elektrischen Wassers voll tagheller Schaumwolken stellte den beiden, je länger sie sich über das Geländer lehnten, die Welt auf den Kopf. Und sie fanden sich beide erst wieder in dem krausen Weltallgetriebe und in dem spiegelfechtenden Meeresnachtleben auf ihren zwei Füßen zurecht, wenn sie, versteckt hinter einem Rettungsboot oder hinter einer Kabinentür, die Arme umeinander legten und, Wange an Wange, ihr Blut aneinander pochen ließen.
Dann rückte am vierten Tag am Ende des Roten Meeres ein mächtiger, dunkelbrauner, ausgedörrter Berg heran, zu seinen Füßen lange, rote Kasernendächer: die Festung Aden. Dieser Berg war wie der Pfosten der Tür in den Indischen Ozean; und im grüngelben Abendhimmel blieb das Meer zurück, und die Boote mit nackten schmalen Somalinegern, die das Dampfschiff draußen vor Aden wie eine Affenherde umwimmelt hatten, blieben zurück, und zurück blieben die Länder, wo der Halbmond regierte, und die graue arabische Felsenküste, auf der weiße Minaretts am Nachmittag gleich weißen Fahnenstangen gestanden hatten, und dahinter man sich das Land voll Harems und Frauen träumte. Alles das ging im Westen in dem friedlich ölgelben Himmel unter, und auf der straffgespannten Meeresfläche im Osten lag vor Ilse und Okuro das noch unsichtbare, aber sich stündlich nähernde Indische Reich, an dem sie jetzt vorbeiziehen sollten.
Mit der Weite des Indischen Ozeans kam auch wieder die Weite der Gedanken über Ilse und Okuro. Die Hitze, die mit ihren Flammen im Roten Meer alle Menschenkörper zu ihren Medien gemacht hatte, verlor an Kraft, und die Menschen wurden wieder selbständig und dachten wieder ihren eigenen Gedanken nach.
Eines Abends saß Ilses Großmutter allein am Ende des Promenadendecks. Große Sternbilder der fremden Südzone stiegen aus der Meerestiefe auf und wanderten über die Masten des Schiffes fort.
In der Nähe der Dame saß nur Kutsuma und las. Das Schiff war wie eine große indische Trommel, daran die Meereswellen ihre Märsche trommelten, und sein Gang war immer ein Wechsel von Begeisterung, wenn es sich in die Sterne hob, von Enttäuschung, wenn es wieder in die Leere sank.
»Wie viele Gedanken mögen an den Sternen hängen,« dachte die alte Dame. »Wie viele Tausende von Seereisenden haben nachts mit offenen Augen hier unter den Sternen auf wandernden Schiffen gesessen. Jeder Stern ist wie eine eingepuppte Seidenraupe, von der man Gedanken wie Seidenfäden abspinnt.«
»Sehen Sie, Herr Kutsuma,« sagte die alte Dame, »Sie sagen immer, mein Haar sei so weiß wie der Abendschnee auf dem Hirayama am Biwasee in Ihrer Heimat Japan. Und so wahr mein Haar nie mehr dunkel wird, so wahr glaube ich, daß Ilse für ihr Herz keinen besseren Mann finden konnte als Okuro. Aber damit ist nicht gesagt, daß Okuro in Japan nicht eine bessere Frau als Ilse finden und ohne Ilse sehr glücklich werden könnte.«