Kutsuma hatte eine Landkarte auf seinem Schoß, sah auf und sagte:

»Ich bewundere immer, wie großartig die Europäer die Welt einteilen können, die Länder in flache Figuren, die Erdkugel in Breitengrade und Längengrade; in alles Irdische bringen die Europäer Zahlen und Ordnung. Aber sie erfinden kein System für ihre Gefühle, wollen kein System anerkennen für das kleine, kurze Menschenleben, das doch aus nichts anderem besteht als aus Jugend, Reife und Alter, das also Grenzen hat und nicht als etwas Unbegrenztes, Unordentliches angesehen werden kann.«

»Aber, mein Herr,« unterbrach die weißhaarige Dame ungeduldig Kutsuma, »Gefühle lassen sich doch nicht in Systeme bringen. Gefühle sind doch das Unbegrenzte am Leben! Liebesgefühl kann Unordnung und Ordnung zugleich geben: Liebesgefühl ist eine Hasardnummer, man setzt auf Rouge oder Noir. Aber es gibt kein sicheres System, in dem man beim Liebesgefühl in Ordnung mit sich selbst kommen könnte. Wer liebt, wünscht glücklich zu machen, aber das Leben muß erst beweisen, ob er einen Gewinn oder eine Niete gezogen hat.«

»Wo Liebe ist, ist ewiges Glück,« sagte der Asiate. »Wo ein Wechsel eintreten kann, war die Liebe nicht vollständig. Ihr Europäer wünscht, daß der Mann sein Leben lang die Frau bediene und sie höher halte als sich selbst. Wir Asiaten verlangen von der Frau, daß sie den Mann bediene und sich ihm unterordne. Und wir finden: dieses bringt Ordnung in die Liebe zwischen Mann und Frau.«

»Sehr weise gesprochen,« sagte die alte Dame. »Aber lassen Sie jetzt auch den Abendschnee auf dem Hirayama zu Ihnen sprechen; das heißt: vertrauen Sie den Gedanken, die unter meinen weißen Haaren entstanden.

Das Kostbare an der Liebe ist, daß sie ein ewiges Abenteuer bleibt, und daß weder die Sicherheit der madonnenhaften Unterordnung einer asiatischen Frau, noch die olympische Selbstherrlichkeit einer europäischen Liebe in ein System bringen kann. Die Liebe wird immer etwas verschwenderisch sein, immer ein Zuviel in das Blut der Menschen bringen, das Zuviel, das die Endlichkeit des seligen Augenblickes in eine Unendlichkeit des Genusses verwandeln kann. Wo das Zuviel zwischen zwei Menschen fehlt, die sich vorstellen, daß sie sich liebten, wird die Liebe immer nur ein erbärmlicher chemischer Prozeß bleiben, der Kinder hervorbringt und sich ruhig in ein System fassen läßt.«

Der Asiate schwieg lange und ließ die Sternbilder wandern. Dann sagte er und faltete seine Landkarte zusammen:

»Die Götter in Europa haben euch Europäer nicht umsonst Mikroskope für eure Augen konstruieren lassen. Ihr könnt auch eure Liebesaufregung unter ein Mikroskop legen. Wie die Eisblumen an euern Fenstern, so seht ihr die Linien eurer Liebesleidenschaft. Und ihr Europäer könnt über Dinge sprechen, die uns Asiaten ewig unsichtbar bleiben.«

Die alte Dame antwortete:

»Ihr Asiaten könnt das auch, wenn ihr wollt. Nur seid ihr liebenswürdige und bescheidene Kinder eurer Götter, und wir sind vorwitzig. Wir müssen unsere Freuden belauschen und unsere Schmerzen. So wie unsere Anatomen den Blutkreislauf fanden, so suchen wir nach dem Kreislauf unserer Schmerzen und Freuden.«