Die Nacht kam, und Ilse blieb in der Kabine ihrer Großmutter und ließ sich durch die alte Dame bei Okuro entschuldigen.

Was dann in dieser Nacht geschah, weiß kaum ein einziger, der sich im Schiff befand, mit Genauigkeit zu erzählen.

Die alte Dame fühlte sich plötzlich durch einen Stoß mitten im Schlaf aus dem Bett geschleudert. Sie schrie nach Ilse. Alle Leute im Schiff schienen mit ihr zu schreien. Alle Lampen waren erloschen. Das Schiff schien mitten im Meer still zu liegen. Statt der taktmäßig arbeitenden Maschinenschraube herrschte Todesstille. Und als die alte Dame sich von einem Koffer aufrichtete, auf den sie gefallen war, faßten sie zwei Männerhände, zogen sie wie eine Maschine durch die Dunkelheit, wo kniehohes Wasser ihr entgegenschoß, schäumendes und gurgelndes Wasser, schreiendes und sich windendes Wasser, das mit Menschenleibern angefüllt zu sein schien.

Statt der Schiffstreppen fühlte sie Menschenkörper unter ihren nackten Füßen. Die Männerhände und das sich türmende Wasser hoben sie wie mit Hebeln über tausend Hindernisse, bis sie auf ein Schiffsdeck hinfiel, auf einen anderen Dampfer, der wie ein dunkler Berg in der mondhellen Nacht neben dem taumelnden und untergehenden Schiffsdeck stand, von dem sie kam. Sie erkannte jetzt Okuros Gesicht im Getümmel der sich Rettenden, Okuro, der ihre Hände hielt und sie fortschleifte und sie auf den roten Teppich eines erleuchteten Schiffssaales niederlegte. Dann schrien beide zugleich: »Ilse!«, und Okuro verschwand.

Die alte Dame sah sich unter halb bekleideten Frauen und Männern, die wie in einem Tollhaus weinten, lachten, gleich Menschen, die zu Hunden und Affen geworden wären, sich stießen, übereinandersprangen, in dem Schiffssaal unter die langen Speisetische krochen, sich hinter Stühle verbarrikadierten, sich die Augen zuhielten, fortgesetzt »Hilfe!« riefen, trotzdem sie gerettet waren, und fortgesetzt die Namen von Angehörigen schrien, trotzdem sie diese gerettet im Arm hielten.

»Ilse, Ilse!« rief die alte Dame immer wieder, als könnte sie mit dem gerufenen Namen einen Menschen erschaffen.

Das vom Meerwasser durchtränkte Nachtkleid hing ihr wie eine schleppende schwere Haut um den zitternden Körper. Aber sie rutschte noch mit den letzten Kräften von den Knäueln der Menschen fort, die mit den Armen um sich schlugen, fort von diesen Skelettmenschen, welchen die Sekunden des Todesschreckens den jungen Leib in den Leib von Greisen verwandelt hatten.

Ein paar wahnsinnig gewordene Männer wurden neben ihr von Matrosen gefesselt. Ein paar andere strengten sich an, einen der Glühlichtkronenleuchter von der Decke zu reißen, und zerschlugen mit den Fäusten die gläsernen Birnen und schrien: »Wir wollen kein Licht! Wir wollen nichts sehen.«

Ein Mann biß sich in den Arm einer Frau fest. Die Augen quollen ihm aus dem Kopf, und die Frau lachte und schrie: »Mein Lieber! Mein Lieber!« Das Blut rann ihr vom Arm auf die Diele, und die Augen quollen ihr vor Verzückung aus den Höhlen.

Die alte Dame kroch zu einer Kabinentür, die weit offen stand. Da sprang ein wahnsinnig gewordener Malaie mit zwei Messern in den Händen über sie weg, hinein in den Saal, stach nach den Weibern, die unter den Tischen schrien, stach nach den Männern, die unter dem Kronleuchter hingen, und kniete sich dann auf den Rücken des Mannes, der sich in den Arm der Frau hineingebissen hatte. Die Frau lachte noch verzückter als der wahnsinnige gelbe Malaie, der den weißen Rücken ihres Mannes mit den blutigen Messern bearbeitete.