Neue Matrosen stürzten herein und rissen die Leute auseinander. Und unter der Türe sah die alte gerettete Dame die Flügel einer riesigen silbernen Windmühle; es waren die elektrischen Scheinwerfer des Dampfers, die mit ihren steilen weißen Strahlen die Nachtluft zertrennten.
Am Schiffsgeländer neben ihr erkannte sie im weißblauen Licht des Scheinwerfers zwei Männer, wie aus Schnee geformt, die miteinander rangen. Die Dame schrie mit ihren letzten Kräften: »Okuro! Kutsuma! Ilse! Ilse!« Dann sah sie, wie der eine Mann den anderen mit dem Kopf an das Messinggeländer schlug und dann den niedergeschlagenen zärtlich aufhob und auf den Ruf: »Ilse, Ilse«, sich nach der alten Dame umsah, den Ohnmächtigen aus dem weißen Lichtschein forttrug, hin zu der alten Dame. Als der Schleppende und der Geschleppte im gelben Lichtschein des Schiffssaales erschienen, fielen beide Männer wie tot an der Türschwelle nieder. Es waren Okuro und Kutsuma.
»Ilse,« keuchte die alte Frau noch einmal und fiel neben den beiden Japanern ohnmächtig hin. –
Die Geretteten hörten am nächsten Tag, daß im Mondnebel ein Zusammenstoß zwischen ihrem und dem Schiff, auf welchem sie sich jetzt befanden, stattgefunden und ihren Dampfer zum Sinken gebracht hatte. Unter den Ertrunkenen, die ringsum aus der glatten See gefischt wurden, wurde auch Ilses Leiche an Bord gebracht.
Kutsuma aber hielt Okuro in der Kabine zurück und belog ihn und sagte ihm, Ilse wäre mit ihrer Großmutter gerettet. Denn er fürchtete, daß sein Freund sich nochmals ins Wasser stürzen würde, wie er es beim Untergang des Schiffes versucht hatte, als er Ilse nicht fand.
Aber Okuro war bei der Lüge seines Freundes ungläubig, schüttelte den Kopf und sagte:
»Ich weiß, daß Ilse ertrunken ist. Ihre Seele war für mich schon nach Europa zurückgekehrt, und sie war für mich schon tot, ehe das Schiffsunglück eintrat. Ilse lebt nicht mehr, sonst würde sie vor mir stehen. Sonst wäre sie in der letzten Nacht in meiner Kabine geblieben. Ilse kehrt nicht wieder.«
Nach den wahnwitzigen Kämpfen und Aufregungen der Unglücksnacht blieb Okuro von nun an bis zur Landung in Japan teilnahmlos. Er betrachtete nur stundenlang seine Hände, welche Ilse immer geliebt hatte. – Er, die weißhaarige Großmutter und sein Freund Kutsuma saßen wie Wandbilder schweigend nebeneinander auf den Deckstühlen des nach Japan wandernden Schiffes, und Ilses Name wurde nicht mehr ausgesprochen.
Aber Kutsuma war immer bereit aufzuspringen, um die alte Dame und Okuro vom Schiffsgeländer zurückzuhalten, denn das Wasser unten schien magnetische Kraft zu haben für alle die Schiffbrüchigen, welche Angehörige in der Unglücksnacht verloren hatten. Einige sprangen auf der Fahrt plötzlich ins Wasser, Männer, welche ihre Kinder suchten, Frauen, die zu ihren Männern wollten.
Dann erschienen eines Morgens die stillen, zwerghaften Inseln Japans im Frühnebel, die Silhouetten der vielfach gekrümmten uralten Bäume, die zierlichen Hügel mit den winzigen Terrassen winziger Reisfelder.