Sie wollte das Gesicht des Geliebten mit ihren Augen auf der weißen Wand festhalten. Aber die Gesichtszüge verschwanden, und die Erinnerung erlahmte wieder, und Hanake wurde verstört und tief traurig.

«Kleiner Vogel», seufzte Hanake, «zeige mir den Weg zu meinem Geliebten!»

Der kleine Vogelkörper zuckte plötzlich auf der Diele zusammen und flatterte taumelnd an die Papierwand. Dort stand in einer Nische neben einer Blumenvase ein winziger Lackkasten. Der um sich schlagende Vogel warf das Lackkästchen aus der Nische. Die winzige perlmutterbeschlagene Schublade des Kästchens fiel heraus, und der Vogel stürzte dann tot zur Diele. Aus der offenen Schublade aber flatterten im Windzug ein paar Seidenpapiere zu Hanake hin.

Zwischen den Seidenpapieren lagen kleine Stückchen des platten Schaumgoldes, womit die Japaner ihr Briefpapier schmücken. Aber Hanake verstand auch den tödlichen Wert, den das Schaumgold für den Lebensmüden hat. Rasch entschlossen, legte sie sich ein paar Blättchen des dünngefalzten Rauschgoldes auf die Lippen, tat ein paar Atemzüge und hüllte ihr Gesicht in die Ärmel ihres Kleides. Dann sank sie erstickt auf die Diele am offenen Fenster hin.

[Den Nachtregen regnen hören in Karasaki]

Kiri war der einzige Sohn der «Wolke vor dem Mond», – so hieß seine Mutter. Sein Vater war Fischer, und außer einem Kahn und den Fischfanggeräten und einer kleinen, struppigen Strandhütte besaßen Kiris Eltern nichts.

«Doch wir sind reicher», sagte Kiri immer, «reicher als die Reisfelderbesitzer in den Bergen am Biwasee, reicher als die Kaufleute von Ozu. Unser Besitz ist größer als die Hauptstadt Kioto. Denn uns Fischersleuten gehört der ganze Biwasee und alles was darin ist; der Biwasee ist unser Königreich.»

In Karasaki verspotteten die Mädchen den Kiri, der stets den Biwasee als sein Eigentum aufzählte, wenn man von Geld und Vermögen sprach; und sie nannten ihn den Fischkönig von Karasaki.

Aber immer am ersten April, wenn alle Häuser eine Bambusstange aufs Dach oder vor die Tür stellten und der Hausvater meterlange Papierfische an der Stangenspitze befestigte, so viel Fische, wie ihm seine Frau in der Ehe Knaben geboren hatte, dann war immer Kiris trostlosester Tag gewesen. Auf ihrer Strandhütte zappelte nur ein einziger Fisch, während drinnen über den Dächern von Karasaki Hunderte von Fischen wie Fahnen die Luft füllten. Kiri fand sein Vaterhaus dann sehr traurig; und das Wort Fischkönig, das ihn sonst gar nicht ärgerte, schien am ersten April gar nicht auf Kiri zu passen. So lange er Knabe war, hatte er sich an diesem Tag versteckt und sich fern von Kindern gehalten, weil er sich für seinen Vater und seine Mutter schämte, die ihn als einziges Kind im Hause hatten und am großen Fischfesttage nur einen einzigen Fisch auf der Bambusstange vor der Haustür waagrecht im Winde flattern ließen.