Kiri war jetzt siebzehn Jahre und dachte ans Heiraten. Zwei Mädchen kamen für ihn in Betracht: eine kleine Teehaustänzerin, die nicht mehr jung war, aber etwas Geld beiseite gelegt hatte, da sie einmal sehr schön gewesen und gewisse Liebesumarmungen besser verstanden hatte als andere Teehausmädchen. Sie hieß «Perlmutterfüßchen» und war Kiri besonders von seiner Mutter und von seinem Vater dringend zur Ehe empfohlen.
Die andere war eine Traumerscheinung, ein Mädchen, von dem er immer träumte, wenn er den Nachtregen über Karasaki regnen hörte.
Diese Auserwählte war sein persönliches Geheimnis. Kein Bewohner von Karasaki hatte sie je gesehen. Keiner der Menschen, die rings um den Biwasee wohnen, war ihr je begegnet. Nur Kiri allein wußte, wie sie aussah; aber weder seinem Vater noch seiner Mutter, «der Wolke vor dem Mond», erzählte er jemals von diesem Mädchen. Jetzt im März, im Vorfrühling, lag Kiri in einer Nacht allein draußen auf dem See, hatte eine Kienfackel am Kiel des Bootes befestigt, das große Netz ausgeworfen und ruderte langsam, vom rötlichen Feuerschein umgeben, über das Wasser, das schwarz wie Nachtluft war, und das ihm vertraut war wie die Diele seiner Elternhütte. In dieser Nacht rauschte der See nicht, und soviel Kiri auch horchte, kein Fisch rührte sich und schnellte auf. Es war, als sei der See drunten fischleer wie der Himmel droben. Trotzdem kein Nebel war, verwunderte sich der junge Fischer allmählich, daß ihm nicht ein einziges Fischerboot begegnete, und daß auffallenderweise nicht ein einziges Fackellicht von anderen fischenden Booten in der dunkeln Runde zu bemerken war. Nur Kiris Kienspan knisterte und paffte. Aber keine Welle funkelte, und zum ersten Male wurde es Kiri unheimlich auf dem altbekannten, treuen, guten See. Die Ruder ruderten widerstandslos, als zerteilten sie gar kein Wasser. Kiri zog zuletzt die Ruder ein und getraute sich nicht mehr, den See zu berühren. So oft er auch das Fischnetz hob, – es war leer, und nicht die kleinste Seemuschel und nicht der kleinste Fisch, – nichts hing in den nassen Maschen.
Wie Kiri noch lag und nach allen Richtungen horchte, um Geräusche von fernen Ufern aufzufangen, da er nicht mehr wußte, ob sein Boot auf der Seehöhe oder in Landnähe sei, da tauchte im roten Schein seiner Kienfackel am Kiel ein ovaler Fleck auf, ähnlich dem aufgehenden Mond über der Seelinie. Kiri griff erleichtert zu den Rudern und wollte dem blassen Fleck entgegenfahren. Aber sein Boot schien sich nicht mehr vom Fleck zu rühren, soviel er auch ruderte.
Nun wußte Kiri, daß eine der Seeverzauberungen über ihn und sein Boot gekommen war, daß der Seebann, vor dem sich alle Bewohner von Karasaki fürchten, sein Boot festhielt, und daß das blasse Licht, das durch den rotbraunen Fackelschein ihm entgegensah, das Gesicht eines Seedämons war, dem er nicht mehr ausweichen konnte.
Die Kienfackel hörte auf zu paffen, brannte eine Weile lautlos; dann schrumpfte ihr Licht ein, als wäre die Fackel ins Wasser gefallen. Und das alte vertraute Boot, in dem Kiri von Kindheit an geatmet, gearbeitet, gegessen und geschlafen hatte, war schwarz geworden wie die Nachtluft und wie das Seewasser. Kiri fühlte nicht mehr den Bootrand. Vielleicht war auch sein Körper jetzt Luft, bezaubert von dem fahlen Gesicht des Dämons, der nun erscheinen sollte. Kiri erwartete eine Schreckensgestalt, einen Seedrachen mit zackigen Flügeln, einen Riesen, der den Kopf nicht auf den Schultern trüge, sondern dem er aus dem Bauch wüchse, dort, wo sonst bei den Menschen der Nabel ist.
«Guten Abend, Kiri», sagte ganz einfach eine Stimme im Dunkel. «Warum hast du kein Licht an deinem Boot?» sagte die Stimme eines Mädchens. «Kannst du nicht etwas Licht anzünden? Ich habe meinen Feuerstein ins Wasser fallen lassen und bin auf dein Boot zugerudert, ehe deine Fackel auslöschte. Kiri, schläfst du? Höre doch und mache Licht!»
«Wer bist du?» getraute sich Kiri erleichtert zu fragen.
«Mach Licht, dann wirst du mich sehen. Du kennst mich gut, Kiri. Verstell dich nicht und erkenne mich! Erinnerst du dich nicht mehr», sagte die Stimme im Dunkel, «weißt du nicht mehr, wo wir uns zum letzten Mal verließen?»