«Tu das!» sagte der Vater. «Ich will vor dem bronzenen Kriegsgott in Karasaki eine Räucherstange für die Nacht anzünden lassen. Die Götter werden uns vielleicht antworten und uns sagen, ob unser Sohn im Himmel bei den Helden oder im See bei den Krebsen ist.»
Die beiden Alten taten, was sie sich vorgenommen hatten. Und der Vater kniete in dieser Nacht, das Gesicht auf der Erde, vor der bronzenen Statue des Kriegsgottes von Karasaki. Die Mutter kniete zu Hause in der Zimmerecke vor dem vergoldeten Gotte des Biwasees.
Als es Mitternacht war, begann ein feiner Regen über Karasaki zu fallen. Der Vater im Tempel konnte nicht beten. Er mußte immer dem Regen zuhören, der auf die Ziegelhäuser der Tempeldächer pochte. Der Mutter zu Hause ging es ebenso. Sie lauschte dem Regen, der auf die Altanen draußen fiel und an die ölgetränkten Papierscheiben trommelte. Und sie mußte bei dem unruhigen Regen die Schritte von zwei Fremden überhört haben, denn ein vornehm gekleideter Samurai in schwarzer Zeremonientracht, eine vornehm gekleidete, schwarze Samuraifrau in Schleppgewändern, die schoben gegen Mitternacht die Türen zum Gemach der Alten auf und fragten sie, ob sie sich einen Augenblick bei ihr ausruhen dürften. Sie seien auf dem Weg nach Tokio, wo übermorgen das große Siegesfest sei, mit dem der Kaiser und die Minister das Gedächtnis der großen Helden von Port Arthur feiern würden.
«Mutter, laßt Euch im Beten nicht stören», sagte der junge Samurai. «Wir sitzen nur einen Augenblick hier hinter Eurem Rücken und horchen auf den Nachtregen von Karasaki.»
Es regnete. Und Gebet und Regen schläferten die alte Frau ein. Ihr Mann, der morgens vom Tempel heimkam, weckte sie, und sie hatte den Samuraibesuch ganz vergessen. Das Zimmer war längst leer, und die beiden Nachtwanderer waren verschwunden.
«Liebe Wolke vor dem Mond», sagte der alte Fischer, «zieh deine besten Kleider an! Nimm die Wandersandalen vom Nagel! Wir müssen eine Reise machen. Der Kriegsgott hat es mir heute nacht befohlen.»
«Wie kann ich auf meine alten Tage noch reisen?» sagte die Frau. «Wenn ich wüßte, wo mein Sohn wäre, ja, dann würde ich hinreisen.»
«Unser Sohn ist in Tokio», sagte der Alte. «Als ich heute nacht im Tempel betete, kamen zwei Fremde herein und knieten an meiner Seite nieder. Es waren ein junger Samurai und seine Frau. Da konnte ich nicht mehr beten und ging auf die überdachte Tempelaltane und horchte auf den Nachtregen, der über Karasaki fiel. Und, denke dir, wie ich dort sitze, kommt derselbe Samurai, den ich eben noch drinnen neben mir knien sah, heraus. Aber er war nicht mehr im schwarzen Zeremonienkleid. Er hatte Panzer, Schwert, Speer und Helm des Kriegsgottes auf, und er deutete mit dem Speer nach der Sternenrichtung von Tokio und er sagte:
‚Vater, du suchst deinen Sohn! Du wirst ihn in Tokio wiederfinden!‘
Für einen Augenblick war es mir, als wäre es Kiri selbst, der in der altmodischen Rüstung vor mir stand. Wie ich aber genau hinsehen wollte, war nichts als die Nachtluft um mich; und der große Hanfstrick, der über dem Tempeltore hängt und die Geister vertreibt, schaukelte im Windzug, indessen alle Tempeldächer im Regen wie Trommeln redeten.»