«Hier bei mir war auch ein Samurai mit seiner Frau», sagte die ‚Wolke vor dem Mond‘. «Ich habe ihn aber nicht als meinen Sohn erkannt. Er redete fremd und feierlich und vornehm, wie ich Kiri nie sonst reden hörte. Er blieb nicht lange hier mit seiner Frau. Er wollte nur etwas am Wege ausruhen und dem Nachtregen von Karasaki lauschen. Wahrscheinlich hatte er seine Tragsessel und die Träger vorausgeschickt, der Samurai. Denn ich hörte keinen Laut ums Haus, nicht da sie kamen, und nicht da sie gingen.
Aber wenn du sagst, daß dein Samurai im Tempel aussah wie unser Sohn, dann erinnere ich mich, daß auch mein Samurai hier Ähnlichkeit mit Kiri hatte. Aber wie hätte ich ihn erkennen können! Dieses Samuraigesicht war sehr zerschlagen von Kriegswunden, und die Narben entstellten die Gesichtszüge. Und die Narben waren so dicht über seinen Händen und über seinem Gesicht, wie die Maschen in einem Fischernetz. Da war kaum ein fingerbreites Stückchen Fleisch an seinem Gesicht, das nicht durch eine Narbe zertrennt gewesen wäre. Ich habe meinen Sohn nicht erkannt.»
«Du hast deinen Sohn niemals erkannt, ‚Wolke vor dem Mond‘, aber du wirst ihn in Tokio gleich erkennen», sagte der alte Fischer.
Am nächsten Morgen reisten die beiden Alten nach Tokio. Erst mußten sie wandern, und dann konnten sie die Eisenbahn nach Tokio benützen. Sie kamen am Morgen dort an und nahmen sich nicht die Zeit, in ein Gasthaus zu gehen.
Die Stadt war überfüllt von Japanern aus allen Landesteilen. Aber als die beiden Leute vor den Menschenmassen in den Straßen standen, wurde ihnen sehr bang, und sie fragten sich im Herzen: Wie sollen wir Kiri hier finden? Eher findet man ein verlorengegangenes Ruder auf dem großen Biwasee, als einen verlorengegangenen Menschen in dieser großen Stadt.
Wie sie noch beratschlagten, kam ein Rikschawagen auf sie zugefahren, und drinnen saß einer der angesehensten Männer aus Karasaki. Er war so hoch an Rang, daß er die armen Fischerleute auf den Straßen von Karasaki niemals angeredet hatte. Aber jetzt hielt er seine Rikscha an, winkte zehn Rikschas, welche ihm folgten und in welchen dem Range nach lauter angesehene Männer von Karasaki saßen, Männer, die im Krieg gewesen waren, und Familienoberhäupter, die im Krieg Söhne verloren hatten.
«O Herr», sagte der hohe Beamte und verbeugte sich aufs tiefste vor dem alten Fischer, «welch ein Glück, daß ihr schon hier seid! Haben euch die Kuriere des Kaisers geholt? Habt ihr die Telegramme erhalten, die man heute nacht aus Tokio an euch schickte? Habt ihr den Sonderzug erhalten, mit dem man euch heute hierher holen wollte?»
Und alle andern Männer aus den zehn Rikschas standen mit tief gebeugten Rücken vor dem alten Fischerpaar und getrauten sich nicht mehr, sich aufzurichten, als verbeugten sie sich vor dem Kaiser selbst.
Und nun schienen die Menschen auf den Straßen von Tokio und die Gesichter auf den Straßen keinen Rücken und keine Rückseite mehr zu haben. Nur Wangen und Augen und Augen und Wangen strahlten den beiden Fischersleuten entgegen, ihnen, die die Eltern des großen Helden Kiri waren, von dem man sagte, daß er vor dem Tor von Port Arthur eines dreihunderttausendfachen Todes gestorben sei. Dreihunderttausendmal hatte er sich in den Kriegsjahren dem Tod ausgesetzt. Immer dort, wo die Gefechte am schlimmsten waren, sah man ihn auftauchen. Einmal schleppte er Arme voll Dynamit vor das eiserne Tor eines Forts. Um den japanischen Truppen den Eingang in das Fort zu verschaffen, lief er seinem Regiment voraus und warf am Eisentor das Dynamit sich selbst vor die Füße und stampfte darauf, so daß das massive Tor sich wie der Deckel einer Sardinenbüchse auftat; aber Kiri blieb mitten in der Dynamitexplosion unversehrt wie ein Ei auf Stroh.