Im brütenden Hochsommer ist der Biwasee wie eine gute, erquickende, milchreiche Amme, die Tausende von Japanern an ihrer Brust einwiegt.
Die leichten Buchten des ovalen Sees und seine geschwungene Harfenlinie sind von farbig gekleideten Menschenkindern umvölkert, gleichwie von roten, grünen, blauen und weißen Käfern. Gruppen von Badenden spielen im Schilf, unschuldig nackt wie Neugeborene. Die Stimme der Wellen, die sonst Tag und Nacht raschelt, und die zischelnden Schilfstimmen sind alle überstimmt von dem Gekicher und Gerufe der Menschen in Ruderbooten und Segelbooten und von spielenden Menschengruppen am Kiesstrand. Bis in den Abend schallen die Rufe, und bis in den Mondschein der Sommernächte antworten sich die Menschenstimmen über dem Wasser, – Mädchen-, Frauen-, Männer- und Kinderstimmen. Die große Harfe des Biwasees hat unter dem sonnigen Himmel ihre Wasserstimme eingetauscht gegen die Skala der Menschenstimme.
Nur am schläfrigen Hochsommermittag, wenn das Seewasser faltenlos mit dem sonnigen Himmel eins geworden ist und kaum noch eine dünne Haarlinie die Seehöhe von der Himmelshöhe trennt, dann ist da eine Sekunde, die jedem ewig im Gedächtnis bleibt, der einmal den Seesommer am Uferrand dort eingeatmet hat, – eine Sekunde, die in die Einheit des sonnenglatten Sees eine Teilung bringt, als ob in einem lautlosen Zimmer, in dem zwei Glückliche umarmt Gesicht an Gesicht liegen, ein einziger Glückseufzer die Stille unterbräche und an ein fernes und künftiges glückliches Leben sich anschlösse. Das ist die Brise von Amazu, die wie ein großer Glückseufzer über den Hochmittagsee durch die Sommerstille kommt.
Die Brise von Amazu bringt eine Seespiegelung mit sich. Aus rosigen und bläulichen Perlmutterfarben steigt eine Gespensterlandschaft über der Seefläche auf. Mitten im hellen Mittaglicht verwandelt sich der See gleichsam in eine grünliche Wiese, überhangen von den Gliedern rosiger Kirschbäume, die sich im Hitzegezitter zu bewegen scheinen, und ferne Schilfspitzen verwandeln sich in die Silhouetten von Tänzerinnen, welche die zerbrechlichen Linien von japanischen Mädchen zeigen. Die Erscheinungen der blühenden Kirschbäume gleichen irisierenden Reflexen von aufsteigenden Wolkenrändern. Der Kirschengarten, in den sich der See verwandelt, ähnelt einer japanischen Perlmutterlandschaft auf bläulichem Silberlack. Dieses Seegesicht, das nur bei sonnigem Himmel und nur bei der Brise von Amazu und nur im Hochsommer erscheint, übt eine Zauberkraft auf Menschen aus, sagen die Japaner, so daß man über den Bootrand wie von der Schwelle eines Hauses hinaustreten und zu Fuß über die Perlmutterfläche gehen kann, ohne zu versinken, getragen von der Begeisterung, vom sonnigen Himmel und von der Brise von Amazu. In diesen höchsten Sekunden der See-Ekstase sollen Menschen von Boot zu Boot gegangen sein, Viertelstunden weit über das Wasser, ohne unterzusinken, ohne den Fuß mit einem Wassertropfen zu benetzen. Aber wehe denen, die nicht Schritt halten mit der Begeisterung des Sees, nicht Schritt halten mit den Glücksaugenblicken und der Glücksstärke des sonnigen Himmels und der Brise von Amazu.
Nur so lange die Brise währt, währt der Enthusiasmus des sonnigen Himmels, der den Menschen stehenden Fußes über das Wasser trägt. Legt sich die Brise, so läßt der sonnige Himmel die Wasserwanderer los, und sie werden vom See tiefer verschluckt als sonst Ertrinkende.
Vermessene, die sich stärker glauben als das Glücksgefühl des sonnigen Himmels und der Brise von Amazu, und die auch nur eine halbe Sekunde das Glücksgefühl nicht aufgeben wollen, nachdem die Brise sich schon gelegt hat, schießen senkrecht zum Seeboden, von der Gegenkraft des einsetzenden Unglücks gepackt und versteinert. Man sagte, vom Unglück wie zu Eisen verhärtet und schwarz wie Meteorsteine stünden ihre Körper wie Statuen unten auf dem Seegrund.
Aber die größte Strafe dieser Vermessenen ist, daß solche jählings Versunkenen nie mehr geboren werden können, daß ihre Seelenwanderung abschloß, ehe ihre Seele sich zum Nirwana hob, und daß sie die dumpfesten Weltüberreste sein werden, wenn das ganze Menschengeschlecht zum Nirwana eingegangen ist.
«Die Brise von Amazu hat ihn verlassen» oder «der Brise von Amazu trotzen wollen», sagen die Japaner sprichwörtlich von Menschen, die das Glück, das sie verläßt, mit den unmöglichsten Mitteln festhalten wollen. Und sie schenken einem solchen Menschen, um ihn zu warnen, ein kleines, schwarzes Bronzeamulett, das nichts ist als eine schwarze, eiserne Träne. Dieser Eisentropfen sieht aus wie der Haarschopf eines Menschen, der senkrecht ins Wasser schießt. Hört ein Freund auf diese Warnung nicht, so sendet man ihm einen Fächer, darauf ein Mensch gezeichnet ist, der über Wellen wandert. Und ist ihm diese Warnung noch nicht genug, so singt man ihm folgendes Lied abends unter den Fenstern:
Gab dir heute der sonnige Tag,
Als der See im Mittagsschlaf lag,
Freude und einen glücklichen Sinn
Und Götterkraft deinem Fuß im Schuh, –
Dann sieh jetzt vorsichtig vor dich hin.
Glück währt nie lang,
Wir sind um dich bang,
Glück und Tod bringt die Brise von Amazu. –
Omiya und Amagata waren zwei Turnlehrer in Ozu und zogen mit ihren beiden Knabenschulen an einem Sommertage in Kähnen auf den Biwasee hinaus, den ganzen Tag an den Ufern entlang. Die Schulknaben konnten nicht schwimmen, aber nur wenigen fiel es ein, sich vor der schwindelnden Tiefe des Biwasees zu grauen, und sie füllten die Luft mit Gelächter.