Der Brief war unterschrieben mit dem Namen eines jungen Prinzen aus dem kaiserlichen Hause. Und Hanake wußte als guterzogene Japanerin, daß es eine ungeheure Ehre bedeutete, daß ein kaiserlicher Prinz sie seiner Liebe würdigte, und sie ließ den Freund des Prinzen sogleich zu sich herein ins Zimmer bitten.

Die Diele zitterte, und ein prächtiger junger Mann trat ein. Hanake fiel vor ihm auf die Kniee und berührte mit der Stirn die Diele, wie es die japanische Begrüßungssitte vorschreibt. Aber es war nicht, als ob ein Mensch, sondern als ob ein stürmisches kleines Pferd ins Zimmer gekommen sei. Sie hörte den Mann mit beiden Füßen mehrmals kräftig aufstampfen, und aus seiner Brust drangen ein paar hohle seufzende Laute.

Hanake wartete mit gesenktem Angesicht lange Zeit auf die Anrede des kaiserlichen Gesandten, denn sie durfte sich erst erheben, wenn der Begrüßte sie dazu aufforderte.

Nach einer Weile, als immer noch keine Anrede erfolgte, hob Hanake leicht ihr Gesicht von der Diele, die noch unter den stampfenden Füßen des Mannes zitterte. Wie zwei Steine aus einer Schleuder geworfen, fielen des jungen Mannes starke Augen in des Mädchens blinzelnden Blick. «Ich liebe dich!» schrien ihr diese ungeduldigen Augen entgegen, und Hanake senkte von neuem ihr Gesicht, das abwechselnd weiß und rot wurde, von Blutfülle und Blutschwäche.

«Antworte!» sagte plötzlich der Mann laut.

«Ich liebe dich!» sagte Hanake, tief auf die Diele gebeugt, als wäre die Diele ein Ohr, in das sie hineinflüsterte. Zugleich fiel ihr ein, daß der Befehl «Antworte!» sich wahrscheinlich auf den Brief des Prinzen bezogen habe. Aber es war nicht mehr zurückzunehmen. Ihre Lippen hatten deutlich gesprochen: «Ich liebe dich!» und den zwei Männeraugen geantwortet, die sie gefragt hatten.

Dann fühlte sich das junge Mädchen von zwei hastigen Händen um den Leib gefaßt. Wie ein Häufchen Seide hob sie der ungeduldige Mann hoch und trug sie aus dem Hause, den Landungssteg entlang. In demselben Augenblick hatte sich der Abendwind erhoben, und der seidene Ärmel von Hanakes Kleid bauschte sich und fiel wie eine Kapuze über den Kopf des Mannes, der sie auf den Armen trug. Und als Hanake aufsah, und ehe sie noch den Ärmel zurückziehen konnte, erblickte sie ein zweites großes Segel, das eben an der Landungsbrücke vorbeizog. Ein Schauder, kälter als der Wind, rieselte ihr über die Haut. Denn in dem Boot stand ein Mann, der war kein Japaner. Er hatte keine schöne gelbe Elfenbeinhaut. Er war grau im Gesicht wie Moder, wie ein Stein, der lange auf dem Seegrund gelegen hat, und seine Haut war runzlig wie die Haut der Kröten. Er hatte ein erschreckend gelbes Haar. Das war hell wie Hobelspäne, und seine Augen waren fischblau, und eine unordentliche Seele blickte Hanake wirr an, als stürze ein surrendes häßliches Insekt auf Hanake los und wolle sie stechen. Sie wußte: es war der Amerikaner, der abends hier am Biwasee im Uferschilf Wildenten jagte. Morgens und abends hatte sie oft den Knall aus seiner Jagdbüchse gehört, und dann waren, zu Tode geängstigt, kreischend und entsetzt, Scharen von Wildenten über Hanakes Haus fortgeflogen.

Das junge Mädchen wartete eine Sekunde; es ließ das Boot des häßlichen Fremden vorübergleiten und zog dann erst den Ärmel vom Kopf des Geliebten. Denn daß der Mann, der sie trug, ihr Geliebter war, sagten ihr seine Hände, die beim Tragen Hanakes Blut anredeten und ihr von großen Zärtlichkeiten erzählten, die sie ihr glühend versprachen.

Nach einer Weile ging das Boot vor dem Wind, und drinnen lag Hanake mit dem Kopf zwischen den Knien des Mannes, der wie ein Feuerdrache in Hanakes Haus gestürzt war, und der wie ein großer Zauberer den Biwasee jetzt in ein riesiges Seidenbett verwandelt hatte, darinnen die beiden eingebettet lagen. Und Hanake sah das Wasser ohne Grenzen, den Himmel ohne Grenzen und die Liebe zu dem plötzlich erschienenen Mann ohne Grenzen.

Sie fragte nicht: «Wie heißt du?» Sein Name war ohne Namen. Sie fragte nicht: «Wohin fahren wir?» Ihre Fahrt war ohne Fahrt. Das Segel stand senkrecht zwischen Wasser und Himmel, und sie wußte, das Segel hatte ein Spiegelbild unten im See, so wie ihr Gesicht im Schoß des Mannes das Spiegelbild des geliebten Gesichtes geworden war.