Und wenn der junge Dichter auch ahnt, daß ihm Flügel wachsen, — sein Herz, das keine Beweise hat, muß schweigen, muß zweifeln, muß in die Einsamkeit flüchten, muß der Familie, den Freunden, die seine Ahnungen, seine Hoffnungen, seine Pläne nie ganz teilen, entfliehen. Er muß sich dem Rufe der Undankbarkeit, der Untreue, der Wetterwendigkeit aussetzen, wehrlos gefoltert von den Anklagen, die er zu Wäldern von Dornen anwachsen sieht, durch die er hindurch soll.
Den jungen Dichter können keine Lehrer zur Dichtung leiten, keine Bücher, keine weisen Männer, keine klugen Frauen, kein Zorn der Welt, kein Haß der Welt. Er erreicht in seiner Kunst nichts durch Verbindungen, durch Empfehlungen, nichts durch das Erbe seiner Väter, nichts durch das Vermögen oder den Rang der Familie, — er ist bloßgestellt, auf sich angewiesen, auf sich selbst beruhen müssend, aus seiner Unerfahrenheit heraus immer an sich selbst glauben müssend, immer ein einzelner, ein in und über den Dingen stehend Geborener, — ein weltferner Kamerad.
Er muß drei Welten bewältigen: die Welt des äußeren Miterlebens, die Welt der inneren Beschaulichkeit und die Welt seiner geistigen Schöpfungen und soll sich immer in und über den Dingen behaupten.
Und aus diesem ewigen „Von Natur aus anders sein müssen“ als die anderen, daraus erwachsen dem jungen Dichter die Berge voll Dornen, und die Kammern des Lebens scheinen ihm oft mit Folterwerkzeugen angefüllt.
Der Dichter ist auch nie alt und nie jung zu nennen. Er ist, so lange er lebt, Kind, Mann und Greis in einer Person.
Die Kindesnatur gibt ihm immer wieder neues Vertrauen zum Miterleben. Das Weltbetrachten und das „Über den Dingen stehen“, das ihm angeboren ist, gibt ihm schon in jungen Jahren die Ruhe, die Tiefe und die Weisheit des Greises. Und seine Schöpfungen machen ihn zum tatkräftigen Mann, zum Erzeuger hoher ewiger Werte.
Der Dichter wird innerlich fertig geboren. Er entwickelt sich innerlich nie. Sein Herz ist ein Diamant, der nicht feuriger und nicht blinder wird.
Er ist von allen Menschen der Mensch, der im Gleichgewicht geboren wurde; in jenem Gleichgewicht, das die anderen erst durch Leben und Alter erlangen, oder es nie erlangen, aber diesem Gleichgewicht bewußt oder unbewußt zustreben. Denn jedes echte Gedicht muß aus einer Herzensmelodie geboren werden, und eine Melodie ist nur entstehungsmöglich dort, wo Harmonie, das ist Gleichgewicht, herrscht.
Ein Dichterherz ist das harmonischste Herz der Welt. Und deshalb können im letzten Grunde die Wälder und Berge aus Dornen, die Lebenskammern, die voll Folterwerkzeuge starren, dem jungen Dichter nichts anhaben. Er ist der Mann im Feuerofen, er ist der Mann in der Löwengrube, er kann wie Dante die Kreise der Hölle und die Kreise des Himmels durchwandern. Er ist der Unverletzbare, er ist der Prophet, der auf dem Feuerwagen in den Himmel fährt. Er ist der Gesetzgeber, der die Lebensgesetze aus erster Hand der Schöpfung empfängt. Er muß sich plündern lassen wie Hiob und wird doch sein hohes Lied anstimmen und über seinen Tod noch weitersingen ohne Mund, über die Jahrtausende wie Homer.
Seht dagegen die anderen Menschensöhne an! Allen, die auf den Erdstraßen arbeiten, ist ihr Weg bekannt. Alle erhielten Schulen und Führer, Lehrer und Gesetze für ihren Beruf, nach denen sie sich richten konnten, um rechtschaffene Meister zu werden.