Ich nickte nur und nicke den Glocken jeden Mittag zu, wenn sie um zwölf Uhr kommen und um ein Uhr gehen. Die uralten Glocken aus den uralten Türmen meiner Heimatstadt Würzburg berauschen mich, wenn sie in großem Schwarm die Stadt umkreisen. Bei ihrem Geläute wogt mein Blut, die Gegenwart löst sich auf, und ich sehe die versunkenen Stunden meiner Jünglingsjahre, als schaute ich durch die Fenster versunkener Städte in Räume, die einmal auf der Oberfläche der Erde standen und die fortgeschwemmt wurden samt ihren Bewohnern von der Flut der Zeit.
Mein krankes Bein, das mich ans Bett verankert hat, zwingt nun nicht bloß mich, sondern auch die Zeit um mich, die immer wie in Nebeln entgleiten will, zum Stillstand. Ich kann jetzt mit Muße und Andacht die Vergangenheit, die einmal lebendig war, wie es mein Fleisch und Blut sind, betrachten. Und ich will den Schemen, die mich locken, nachgehen und sie anreden. Sie sollen die Gespräche wiederholen, die schönen, die ernsten, die jugendbetörten, die einsam traurigen und die weltumarmenden meiner Jünglingsjahre.
Da ist ein Augustnachmittag, der sich zuerst an mich herandrängt, und der wegen einer Stunde, deren Gedanken die Welt des Unmöglichen erstürmen wollten, sich bedeutungsvoll aus der Reihe der Jahre vorschiebt. Aber voraus springen noch ein paar starke Augenblicke, die der seltsamen Stunde Vorläufer waren.
Es war in jener Zeit, als ich gegen meinen Vater noch nicht auszusprechen wagte, daß ich Schriftsteller werden wollte, teils aus Scham, diesem allerpersönlichsten Wunsch laute Worte geben zu müssen, teils aus Verlegenheit, weil ich nicht wußte, wie man Schriftsteller oder gar Dichter werden sollte.
Denn die Weltordnung will es, daß keiner das Dichten erlernen kann. Und es wird auch nirgends, auf keiner Schule der Welt, versucht, diese Kunst zu lehren.
Wohl bedarf der Dichter der Schulung, aber die muß er sich selbst erringen und selbst geben. Seine Hochschule und Werkstatt, in der er arbeitet, ist sein Herz.
Keine von den anderen Künsten erfordert so sehr die Hochschule des Herzens wie das Dichtertum. Und ich behaupte, daß dem jungen Dichter in seinen Entwicklungsjahren das schwerste Los der Welt zuteil wird.
Er ist da wie eine Raupe, die unter Würmern kriecht. Während die Würmer aber Würmer bleiben, soll die Raupe ein Schmetterling werden.