In dem Gartensaal hatte sich seitdem fast nichts geändert. Menschen waren zwar im Hause gestorben, Junge waren erwachsen, und Erwachsene waren alt geworden. Aber die Luft des Saales war dieselbe geblieben. Die Fenster, die Türen, die Lampe, die Gartenterrasse draußen und die Aussicht auf die Stadt Würzburg, — dies alles wollte mir sagen, daß es Lebendes gibt, das nicht Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft kennt.

Ich hatte das schmerzende Bein auf den Liegestuhl legen müssen und spürte einstweilen in dieser Lage keine Schmerzen mehr. Ich wußte zwar, ich hatte ein Bein, das schmerzte, sobald ich aufstehen würde. Aber augenblicklich war mein Bein unwirklich, und es schien mir nicht zu gehören.

Und so war es auch mit meiner Gegenwart in diesem Gartensaal. Sie schien mir nicht zu gehören. Dieses Zimmer gehörte nur der Zeit vor dreiundzwanzig Jahren.

Dann kam der Wagen. Der fuhr meine Frau und mich und mein Bein in die Stadt. Dusel hatten wir verloren.

Aber dafür hatten wir eine andere dritte Persönlichkeit mitbekommen, und das war mein krankes Bein, dessen Kniesehnen verzerrt und zerrissen waren, und das bei mir lebte hochgeschwollen, steif, schmerzhaft brennend und das mir die Freude am Gegenwartsleben störte, so daß ich, um nicht an das Bein denken zu müssen, zu Hause gern in die Vergangenheit flüchtete.

Am Tag nach dem Sturz sagte ich vom Bett aus, darin ich liegen mußte, zu meiner Frau: „Die Schmerzen haben mich andächtig gemacht. Ich kann dir jetzt das neue Buch diktieren.“

Da nickte meine Frau und meinte: „Das war mein erster Gedanke, als ich dich so schlimm hinstürzen sah und dir ansah, daß du dich schwer verletzt hattest. Wenn er für nichts anderes gut ist, dieser Sturz, dachte ich mir, so ist er vielleicht dafür gut, daß er dir die rechte Andacht zu dem neuen Buch gibt, die du so sehr herbeisehntest.

Denn ich mußte mich mitten in meinem Schrecken blitzschnell erinnern, daß du vor ein paar Tagen sagtest: ‚Ich habe noch nicht die rechte Andacht zum Schreiben!‘“ —

Und so war es auch. Ich mußte nun wochenlang das Bett hüten und Eisbeutel auf das kranke Bein legen. Gleich am ersten Mittag, als alle Glocken der Stadt an mein Fenster kamen, sie die seit Wochen zur Mittagsstunde das Trauergeläut für unseren verschiedenen Regenten Luitpold von Bayern besorgten, sagten diese:

„Hast du es jetzt endlich begriffen, daß wir jeden Mittag nicht bloß zum Trauergeläut ausgeschickt waren? — Jahresringe, wie solche jedes Jahr den Bäumen wachsen, Jahresringe wachsen auch uns Glocken in unserm Erz. Wenn wir läuten, können wir alle vergangenen Jahre herläuten. Wir versuchten es, dir jeden Mittag zum Vergangenheitsrausch, in den du versinken wolltest, die Einleitung zu singen. Du warst aber immer auf Kriegsschauplätzen und wer weiß wo. Jetzt bist du endlich heimgekehrt. Liege nun still, dann wollen wir dich hineintragen in das vergangene Jahrhundert, in die neunziger Jahre, die du wiedersehen möchtest.“