Der gewaltige Schmerz dieser plötzlichen Verrenkung und die Angst, daß ich das Bein vielleicht gebrochen hätte, durchfuhren mich jählings. Auch konnte ich auf dem sehr schmerzenden Bein nicht mehr stehen, und ich sank im Feld zusammen, als wenn man mich niedergeschossen hätte.
Dann folgte viel Aufregung. Meine Frau, die glaubte, daß ich mein Bein gebrochen hätte, weil ich blaß und schmerzverzerrt am Boden lag, zerschlug ihren Regenschirm an dem Hund und jammerte über den frechen Sudel, der ebenfalls bei den Schirmschlägen heulte.
Dieses geschah ungefähr um drei Uhr nachmittags. Zwei Stunden brauchten wir, bis wir in die Nähe des nächsten Hauses kamen. Auf meinen Stock und auf meine Frau gestützt, arbeitete ich mich mühsam auf einem Bein bergab. Das rechte Bein war ganz unbrauchbar geworden, auch nachdem ich es wieder selbst eingerenkt hatte.
Das Bein war wie eine tote Masse, tot insofern, als ich es nicht bewegen konnte. Es schmerzte brennend. In den steinigen Hohlwegen des Berges war jeder Schritt eine Marter. Den Weg hätte man mit gesunden Füßen gut in zehn Minuten bergab zurückgehen können.
Wir kamen erst nach zwei Stunden zu jenem Gutshof, auf welchem ich viele Tage meiner Jugendzeit verlebt hatte, und welchen ich im Buch „Der Geist meines Vaters“ genau beschrieben habe.
Mein gelber Dusel, welcher nur einen Augenblick zu mir gekommen war, als ich hingestürzt, war dann blindlings der nächsten Hasenfährte nachgejagt und spurlos verschwunden. Wir hörten ihn manchmal noch in der Ferne „Has, Has“ kläffen. Während der zwei Stunden, die wir zum Abstieg des verhältnismäßig kleinen Weges brauchten, hetzte der Hund die Hasen kilometerweit hin und her, unbekümmert um die Menschenwelt.
Da ich kaum noch weitergehen, meine Frau mich aber kaum mehr stützen konnte, so wurde beschlossen in den Gutshof am Berg einzutreten und dort eine Droschke abzuwarten, die aus der Stadt heraufgeholt werden sollte.
So lag ich denn bald auf einem Liegestuhl, den man in den Gartensaal gerückt hatte, dicht bei dem großen Weihnachtsbaum. Ich war seit drei Jahren nicht mehr in dem Gutshause gewesen, und während ich auf den Wagen wartete und die Frau des Hauses meiner Frau und mir zur Unterhaltung die Lichter des Weihnachtsbaumes anzündete, fielen mir Stunden ein, die ich vor dreiundzwanzig Jahren an diesem Ort erlebt hatte.
Auf einem Regal bei der Tür stand eine Photographie von mir, und als eine der Damen sich erhob, stieß sie zufällig an mein Bild, das dort auf einer kleinen Staffelei stand. Die Photographie rutschte zur Seite und zeigte eine andere, die auch auf derselben Staffelei Platz hatte.
Es war das Bild eines jungen Philosophen, eines Freundes von mir. Ein junger Mann, der die blasse Stirn in die Hand stützt. Diese Aufnahme hatte ich vor dreiundzwanzig Jahren selbst gemacht. Und es war mir nun, als seien die dreiundzwanzig Jahre, die zwischen jetzt und damals lagen, wie dreiundzwanzig Sekunden vorübergegangen.