Die Handschrift dieses Buches hatte ich noch in Würzburg im Herbst 1891 beendet, kurz, ehe ich zu Weihnachten beinahe gewaltsam von meinem Vaterhaus geschieden war. — Diese Trennung habe ich bereits im „Geist meines Vaters“ ausführlich beschrieben.

Nach dem Erscheinen meines ersten Romanes hatte mein Vater mein Monatsgeld etwas erhöht, so daß ich in weniger großer Bedrängnis, aber immer noch knapp gehalten, in Berlin leben konnte. Aber es wurde mir zugleich angedroht, daß ich nur bis zu den nächsten Ostern väterliche Hilfe erhalten würde und dann auf eigenen Füßen stehen müßte.

Einstweilen aber lag Ostern noch für mich hinter tausend Jahren, und ich versuchte, so wenig wie möglich an das Ende der Gnadenfrist meiner Freiheit zu denken.

In Berlin besuchte ich zuerst den schwedischen Schriftsteller Ola Hanson. Ich hatte im Herbst in München das Buch „Sensitiva Amorosa“ von Ola Hanson gelesen. Feingezeichnete Menschenschatten bewegten sich darin auf dem Hintergrund starker, gütig beobachteter Landschaften, Abrisse von Lebensschicksalen stumm vorüberwandelnder Gestalten. Die eine Gestalt kam lebenssuchend auf einem Feldweg bei einem Gut in Schonen daher; die andere saß auf einer Bank am Meer und sah lebensbetroffen über den Sund; und andere traten auf in der schicksalsreichen, stimmungsvollen Östergade Kopenhagens.

So ungefähr erinnere ich mich dieses Buches noch heute. Und die bedeutsame Art des Schweden Ola Hansons, mit der er schwere Menschenschicksale zart und verständnisvoll behandelte, erinnerte mich an Jacobsens Art. Und als ich hörte, daß Hanson, mit der Schriftstellerin Laura Marholm verheiratet, in jenem Jahr 1892 in Friedrichshagen bei Berlin wohne, freute ich mich, ihn aufzusuchen.

Denn alles Nordische übte eine starke Anziehung auf mich aus. Jene fast menschenleeren Länder, die ich mir dort oben vorstellte, schienen eine reinere und keuschere Luft zu haben, einen stärkeren rücksichtsloseren Geist, verbunden mit schärferer Selbsterkenntnis. Und die kleinen Völker dort oben, außerhalb unserer Kulturgrenzen stehend, lockten mich damals mehr als das von verweichlichten üppigen Kulturen schlaffe, sinnensüße Südeuropa.

Kunstformen und künstlerische Gedanken, die aus Italien kamen, waren mir alle zu sehr beeinflußt von dem christlichen Zeitalter. Der Dichter Dante ist mir immer mit seinem Himmel- und Höllenwahn der Göttlichen Komödie mehr schulmeisterlich als dichterisch erschienen. Es kam mir häßlich vor, daß er sich in seinem großen Gedicht zum Richter seiner Zeitgenossen aufgestellt hatte.

Wie mit der Rute in der einen Hand und einem Lobzettel in der anderen Hand, so schien mir Dante in der Göttlichen Komödie mehr fanatisch beschränkt zu sein als hoheitsvoll milde verstehend. Und ich zog den Schluß: die alte Kirchenkultur Italiens, so scheint es mir, ist zu jeder weiteren künstlerischen Entwicklung unfähig und ist unfruchtbar.