Ich war aber der südlichen Süßlichkeit der Farben und Formen Venedigs nach acht Tagen schon satt. Es wurde meinem deutschen Herzen zuletzt vor den ewigen lila und rosigen Perlmutterfarben beinahe übel, als hätte man mich gezwungen, acht Tage nur von Zuckerwerk zu leben. Und ich sehnte mich von der großen schwülen Perlenmuschel im Meeresbilde fort nach dem Festland und nach erquickender grüner Landschaft. Ich sehnte mich fort von dem ewigen venetianischen Sonntagsgefühl, fort von dem auf lautlosen Wasserstraßen gleitenden Verkehr, von den Straßen, in denen keine Wagen dröhnen, keine Hunde bellen, in denen immer stilles und glattes Wasser steht, als wären das polierte Sonntagsstraßen ohne Verkehr.

Ich war jung und sehnte mich nach Getriebe und nach der Abnützung meiner Kräfte, die hier nur gewiegt wurden in Gondeln und auf sonnenwarmem Wasserspiegel. —

Nach München zurückgekommen und die farbigen venetianischen Eindrücke noch im Gedächtnis, freute ich mich, nach der Eröffnung des Glaspalastes täglich nun die Ausstellung besuchen zu können und die ersten Bilder der Sezession zu sehen.

Da ich sehr wenig Menschenverkehr suchte und mich immer mit Plänen und Gedanken trug, die ich abends auf den Spaziergängen mit meinen zwei Freunden besprach, so prägten sich bald die auf der Ausstellung gesehenen neuen Bilder der neuen Freilichtschule so stark in mein Gedächtnis, daß ich sie stündlich wie neue Kameraden empfand. Und ich setzte mich an meinen Schreibtisch und versuchte, um mich im Beschreiben zu üben, einige der Bilder der Sezession in knappen dichterischen Worten wiederzugeben.

Da waren Bilder von Ludwig von Hoffmann, von Exter und von Segantini und von einigen anderen, die ich ausgewählt hatte. Diese Bilderbeschreibungen waren die ersten Anfänge zu der kleinen Prosagedichtsammlung „Ultraviolett“, deren weiteren Inhalt ich hauptsächlich in einem Pfarrhaus in Schweden fertig schrieb, das in einsamen Granitwüsten wie am Ende der Welt versteckt lag, und wo ich im folgenden Frühjahr weilte.

Den Winter 1892–1893 verbrachte ich in Berlin, und hier trat ich zum erstenmal mit Dichtern und Denkern der Neuzeit in engere Fühlung.

Mein Roman „Josa Gerth“, mein erstes Buch, war zu Winteranfang bei Pierson in Dresden erschienen, und mit dem Bewußtsein, mein erstes Buch der Öffentlichkeit gegeben zu haben, fühlte ich mich mutiger und getraute mich, den Kreis gleichgesinnter Zeitgenossen aufzusuchen.

Auf der ersten Seite dieses meines ersten Buches stehen die Worte: dieses Buch gewidmet einem Toten. Dem toten Dichter und meinem Dichtermeister, dem Dänen J. P. Jacobsen — dessen Schreibart ich mir zuerst zum Vorbild genommen hatte, um mich vom deutschen Aufsatzstil frei zu machen — hatte ich meinen Erstling gewidmet, zufrieden, daß nur ich allein es wußte, welcher Tote mit der Widmung gemeint war.

Auch die Person jenes Dichters in der Gestalt eines Doktor Wiking, eines Naturwissenschaftlers und Botanikers, war in den Roman verwebt. Nach Jacobsens Photographie, die ich mir aus Kopenhagen hatte kommen lassen, hatte ich meiner Romangestalt möglichst die Ähnlichkeit meines dänischen Prosameisters zu geben versucht.