Auch der große Meerplatz hier, der zugefrorene, wirkte wie eine lautlose Riesenstube, auf deren weißer Diele die Männer herbeiliefen, weil Gäste ins Haus gekommen waren. Wunderbar behaglich wirkte diese winterstille Landung.
Dann am Land führte ein Schlitten, der vom Pfarrhof geschickt war, den jungen Schweden und mich mehrere Meilen in das verschneite Land hinein, hie und da an einem Einzelgehöft vorbei. Ich sah nur wenige Bäume auf dieser Fahrt und eine einzige Windmühle. Sonst waren überall schneebedeckte Steinbuckel, nirgends ein Wald. Es schien mir, als fuhr der Schlitten nur auf leeren Eishügeln bergauf, bergab.
Schon begann ich zu bereuen, daß ich das lebensfrische Berlin mit dieser toten Eiswüste vertauscht hatte. Ich wäre am liebsten mit dem Dampfer zwischen den Inseln ewig weitergefahren. Denn was konnte mich in dem Pfarrhause anderes erwarten als Religionsgespräche und Tagesklatsch und Weltnachrichten, während ich doch so gern tiefer in die Urwelt eingedrungen wäre. Blicke, wie ich sie am Abend vorher von Smögen beim Leuchtturm und heute morgen in den Klippengassen hatte — wo nur Möwenfamilien wohnten und die Steinbrust meiner Menschenstimme antwortete und ich die stille Landung in der gefrorenen Meerbucht erlebte, von diesen Blicken ersehnte ich mehr zu bekommen. Und sollte ich zu alltäglichen Menschen zurückgeführt werden, so wollte ich aber auch dann gleich lieber wieder nach Berlin zu den geistig regsamen Menschen kommen.
Ich war noch jung und voreilig und schwankenden Eindrücken leichter preisgegeben, da ich auf kein Kapital von Erfahrungen zurückschauen konnte.
Ein wenig entmutigt saß ich neben dem Schweden, der nur ein gebrochenes Deutsch sprach, der sich freute, mir seine Heimat zu zeigen, und der während der Fahrt lebhaft seinen Kutscher befragte nach allem, was er von seinem Vaterhaus wissen wollte.
Der Schwede erklärte mir, daß all die waldlosen Hügel, die ich da ringsum sah, und an denen unser Schlitten hinaufkletterte, um dann wieder an der anderen Seite zu Tal zu fahren, daß diese Buckel in alter Zeit Inseln gewesen waren, an welchen die Wikinger mit ihren Booten damals landen konnten, und bei denen sie mit den Schiffen in den Meergassen hindurchgefahren sind, so wie es der Dampfer heute zwischen den Schären draußen getan. Das Meer aber war von Jahrhundert zu Jahrhundert weiter zurückgetreten, so war das Land nach Westen hin gewachsen und war allmählich aus dem Meer gestiegen. Wir flogen also eigentlich im Schlitten hier über verschneiten Meeresboden.
Mehr als die Erklärung, daß ich in der Urprovinz der alten Wikinger war — die Provinz Bohuslän fühlt sich vor allen schwedischen Provinzen mit Recht stolz, weil sie auf tausendjährige Menschenvergangenheit zurücksieht — mehr als diese Erklärung befriedigte mich der Gedanke, daß ich auch hier im Schlitten immer noch auf meerverwandtem Boden war und die Hügel des Landes als Brüder der Meerinseln ansehen durfte, jener Inseln, in deren Nähe mir auf der Herreise so wohl gewesen war. Würden mir jetzt — so dachte ich — die Menschen mit alltäglichem Gespräch in den Ohren liegen, so brauchte ich im Pfarrhaus dann nur an das Fenster zu treten und würde dann meine Augen mit den Hügeln sprechen lassen und würde die Schiffe der Wikinger auf die Steinfelder kommen sehen, als wäre da noch Meerwasser rund um die Hügel.
Ich muß noch kurz berichten, daß der junge Schwede, der da neben mir im Schlitten saß, kein alltäglicher Mensch war. Er hing zwar keinen philosophischen Gedanken nach, aber aufgewachsen als Sohn dieser Bohuslänschen Provinz, von Mutterseite von altschwedischem Adel stammend und von Vaterseite stark gemacht durch Wikingerblut, hatte er das Leben bisher als ein Riesenabenteuer angesehen und es immer festlich gestimmt aufgesucht. Auch die Unruhe der alten Wikinger hatte er ererbt, und so war er schon durch die halbe Welt gereist, trotzdem er erst siebenundzwanzig Jahre zählte.
Aber den Beginn seiner weiten Reisen hatte er nicht mit den gewöhnlichen Verkehrsmitteln, mit Dampfschiffen und Eisenbahnen, ausgeführt, sondern ein kleines Ruderboot hatte ihm genügt. Und in seinem Kahn war er, alle Gefahren verachtend, der Westküste Schwedens entlang bis nach Kiel gerudert. Dort hatte er sich vom Ruderklub feiern lassen und war dann weitergerudert nach Holland und war endlich in Calais gelandet.