Auch hatte der Schwede Walt Whitmans großen Band „Grashalme“ aus Amerika mitgebracht. Auch von diesem Dichter wußte ich nichts Genaues. Ich hatte nur seinen Namen flüchtig nennen hören, denn in Deutschland war er damals so gut wie nicht bekannt.
Mit diesem Freund, der jetzt in sein Vaterhaus, nach beinahe zweijähriger Abwesenheit, zurückkehrte, flog ich im Schlitten über die Hügel der weiß verschneiten schwedischen Provinz Bohuslän, wo jetzt Ende März der Schnee noch viele Fuß hoch ausgebreitet lag.
Es war aber nicht bloß die Lust an der Dichtung, die uns beide zu Freunden gemacht hatte, sondern auch die Lust am Wirklichkeitsleben. Aber darin, fand ich, war der Schwede mir überlegen. Er kannte eine Welt von Bedürfnissen, die ich nur vom Hörensagen genossen hatte. Er liebte schöne Frauen, gute Getränke, erlesene Speisen, gute Zigarren, neue Kleider und außerdem alle neuzeitlichen Bequemlichkeiten. Wohl waren meine Sinne ebenso wach für alle diese Genüsse wie die seinigen, aber die Gelegenheit hatte sich mir noch nicht so geboten wie ihm, die Welt der weltmännischen Genüsse aufzusuchen und zu pflegen.
Es erstaunte mich gleich zu Beginn der Reise, mit welch ausgesuchter Feierlichkeit er sich im Hotel zu Tische setzen konnte und mit welcher Ruhe und Gründlichkeit er die Speisekarte untersuchte. Ebenso verblüffte es mich, daß den schweren Mahlzeiten sofort Kaffee, Likör und Zigarren folgen mußten, oder daß vormittags vor der Mahlzeit ein Magenbitter oder irgendein Bolzgetränk zur Anregung des Appetits genossen werden mußte.
In meines Vaters Haus war gut gekocht und gut gelebt worden. Aber ich hatte in all den Jugendjahren keine Zeit gefunden, den Gaumengenüssen nachzuhorchen, und ich wäre wahrscheinlich noch lange nicht auf den Gedanken gekommen, die Leibesgenüsse zu pflegen, hätte ich nicht in jenem Schweden einen Meister des Genießens gefunden. Ein gedeckter Tisch schien ihm ein Altar zu sein, an dem er für eine Stunde einen Gottesdienst abhalten konnte. Und die Würde, die Ruhe und die Andacht, mit der er das Zerlegen des Bratens, das Salzen der Speisen, das Betrachten der aufgetragenen Schüsseln vornehmen konnte, machten, daß man die Mahlzeit in seiner Nähe für eine heilige Handlung halten mußte. Und ich mußte bei seiner Art an die alten Helden Homers denken, die einst mit derselben schönen Umständlichkeit und Andacht die Hände zum lecker bereiteten Mahle erhoben hatten.
So ließ ich es mir gern gefallen, länger, als ich es früher getan, beim Essen und bei Essensfragen zu verweilen, und gewöhnte es mir an, mir den Schweden darin als Vorbild zu nehmen. Denn ich merkte, daß es mir gar nicht schädlich war, den Körper mehr zu beachten, als ich es früher getan, und ihm Genüsse zu gönnen, zu denen ich vorher mir nicht Zeit und Ernst genug eingeräumt hatte.
Ich begriff auch bald, je länger ich in Schweden war, daß es in einem so ruhigen und verhältnismäßig menschenleeren Lande jedem Menschen von der Natur leichter gemacht wird, mehr Zeit für sich und seine Lebensansprüche zu finden. Im hohen Norden mag es auch die vernichtende Kälte sein, die den Menschen zwingt, den Körper widerstandsfähiger aufzubauen und ihm breiteres Behagen zu bieten.
Auch diese Wahrnehmung machte mir Schweden lieb. Die Ruhe und Breite, mit der jeder einzelne Mensch seine Lebenstätigkeit nahm, diese Art tat mir wohl. Ich war als Bayer gewöhnt, den Körper ebenso gewichtig zu nehmen wie den Geist, welche Art ich bei Norddeutschen und besonders bei den Berlinern damals vermißt hatte, die mehr im Gedanklichen aufgingen.
Im Pfarrhaus, das in der einsamsten Einsamkeit, die man sich kaum ausdenken kann, wie am Weltende lag, in jenem Pfarrhaus murrte es erst in meinem Innern einige Tage, wie es im Magen eines Fleischessers murren mag, dem plötzlich reinste Gemüsekost verordnet wird. Man stelle sich vor, daß ich mitten aus dem Wintertrubel der Millionenstadt Berlin in eine Schnee- und Granitwüste verschlagen war, in ein großes weißes Holzhaus, in dem man den ganzen Tag als einzigen Laut eine Zimmeruhr ticken hörte. Sie war wie das alte Herz des alten Hauses. Sie redete den ganzen Tag vor sich hin in einem mächtigen Wohnzimmer, dessen viele Fenster ins Lautlose sahen. In den Vormittagsstunden kam zu einem Südfenster die Sonne hinter großen Blumenstöcken herein, und ich möchte sagen, daß es mich nicht verwundert hätte, wenn ich in der Stille dieses einsamen weltfernen Zimmers auch plötzlich das Vorwärtsrücken der Schatten der Blumenstöcke, die die Sonne über die Diele zeichnete, laut und deutlich gehört hätte, ebenso laut wie die laut marschierende Uhr.
Im Hause befanden sich unten große Erdgeschoßwohnräume und darüber unter dem Dach einige Giebelzimmer. In diesem einsamen Hause ging der Pfarrer, der Vater des jungen Schweden, wie der alttestamentarische Liebegott, alt und weißbärtig, stattlich und ehrfurchtgebietend, die Treppe zu seinem Studierzimmer hinauf und hinunter.