„Aber ich kenne doch die Stimme meines Vaters wieder,“ meinte nun der Sohn ernst werdend.

„Ob das nun Ihr alter Herr ist oder nicht,“ sagte ich, „dieser Stimme will ich jedenfalls nicht zuhören. Diese Stimme kommt mir so unwahr und so unmenschlich vor, daß ich dem Menschen nicht zuhören will, der diese Stimme hat. Wie kann man bei schönem Frühlingsonnenschein so wimmern, wenn man nicht todkrank oder am Sterben ist! Ich finde diese Stimme unvernünftig. Der Frühling lacht auf den Steinen, und die Steine selber sehen in der Sonne so festlich aus, daß ich es eine Sünde finde, wenn ein Mensch an diesem frohen Sonntagmorgen ein so gequältes Gewimmer aufschlägt, welches mir ganz unausstehlich in den Ohren weh tut und meine Menschenwürde plagt.“

„Es ist aber doch mein Vater,“ lachte jetzt wieder der Schwede, der meine Rede mehr lustig als ernst fand, und den es plötzlich gewaltig unterhielt, daß sein Vater zwei so verschiedene Stimmen hatte. „Das ist seine Amtsstimme,“ sagte er. „Mit dieser Stimme muß er zu den Bauern und zu den Fischern sprechen. Sonst glauben diese einfachen Leute nicht den Worten, die er zu sagen hat.“

„Dann können die Worte nicht wahr sein,“ meinte ich und murmelte diesen Satz vor mich hin, denn der Schwede streckte eben seinen Kopf durch die Türspalte in die Kirche hinein und zog ihn vergnügt wieder zurück und sagte:

„Natürlich ist es mein Vater und kein Hilfsprediger. Aber jetzt, wo ich die Verschiedenheit in seiner Stimme empfunden habe, kann ich heute selber nicht mehr, ohne zu lachen, in die Kirche hineingehen.“

Und wir gingen und wanderten, immer noch über den alten Herrn und seine Stimme streitend und sprechend, von der Kirche fort, und schritten lachend über das frühlingsbesonnte Steingesicht der Landschaft, das so aufrichtig und unverhüllt am Sonntag wie am Alltag mit gleicher Würde und Vornehmheit einem zu Herzen sprach, und das nur eine tiefe Weltallsprache und nur eine festliche Lebensstimme kannte.

Später zu Hause, beim Sonntagmittagstisch, war der alte Herr großgeistig genug, unsere Aussprache über seine zwei Stimmen, die wir vor der Kirchentür hatten, und die ihm sein Sohn erzählte, lachend und humorvoll aufzufassen. Und ich war dadurch einer peinlichen Erklärung meiner Weltauffassung, die ich unvermeidlich hätte geben müssen, enthoben.

Denn es ist mir nie eingefallen, solange mich meine neue Weltanschauung beschäftigte, sie irgend jemandem unaufgefordert einreden oder aufdrängen zu wollen. Trotzdem ich damals jung und lebhaft war, schwieg ich über meine Gedanken.

Teils schwieg ich, weil ich mich in den Jahren meiner Lebensunerfahrenheit älteren und in ihren Bürden und Gedanken weiß gewordenen Männern gegenüber nicht fürwitzig benehmen wollte, aber hauptsächlich schwieg ich deshalb, weil ich die neue Weltauffassung zuerst am eigenen Leben, am eigenen Geist und Körper durchkosten und anwenden wollte.