Ich schwieg aber nicht bewußt, ich fühlte nur unbewußt: die Zeit wird kommen, wo ich entweder die Auffassung von der Festlichkeit des Lebens vergessen, abgetan und als unsinnig empfinden werde, oder ich bleibe dieser Anschauung treu, und mein Leben und meine Lebensarbeit gestalten sich von selbst im Sinne meiner neuen Anschauung.

Und dann, wenn das einmal sein wird, dachte ich, dann habe ich in mir selber den Wirklichkeitsbeweis gefunden, daß man glücklich, weltfestlich und alle Leben verstehend und auf alle Leben eingehen könnend, auch zu den ältesten und zu den jüngsten Leuten wird sagen können: „Seht, ich weiß einen Weg, einen Gedankengang, der alle Handlungen des Menschen, die Tätigkeit und die Ruhe, die Freude und das Leid festlicher und reicher machen kann, als es bisher in allen Jahrhunderten der Menschheit möglich gewesen ist.

Sich Schöpfer und Geschöpf fühlen, ob man nun Handwerker oder Dichter ist, Mann oder Frau, König oder Knecht, sich zu fühlen als Besitz aller und als Besitzer des Alls, diese Kraft legt in eure Gedanken.

Mit dieser Kraft lebt euer Leben, und ihr werdet so reich sein wie jene Götter, die ihr euch immer reich gedacht habt, so reich werdet ihr dann sein. Ihr werdet allwissend, allfühlend, allweise sein. Ihr werdet allmilde, allgütig und gestreng sein, mit euch und allen Leben. Ihr werdet dem Menschenleben in dieser festlichen Lebensauffassung eine natürliche Schönheit geben. Und ihr werdet euch alle nicht mehr erniedrigen müssen, mit Doppelzungen zu reden.“


In den nächsten Tagen nach jenem Sonntagvormittag, an dem ich zum erstenmal in meinem Leben vor einer Kirchentüre umgekehrt war und mich von einer Doppelstimme hatte erschrecken lassen, dachte ich viel nach und sagte mir, daß ich wahrscheinlich niemals vor jener Kirchenstimme erschrocken wäre, wenn mir der Prediger unbekannt gewesen. Denn ich hatte eigentlich in der Kirche nichts anderes erwarten dürfen als den mir seit meiner Kindheit bekannten, halb klagenden, halb strafenden Kanzelton, bei dem wir Schulknaben alle unsere Sonntagvormittage bis zur Schulentlassung hatten verbringen müssen.

Aber hier in der fremdartigen Landschaft, auf dem heimatfernen Weltfleck, wo einen noch vor der Kirchentüre die Drachenzeichnungen alter starker Wikingererinnerungen auf aufgerichteten Friedhofsteinen empfingen und einem mächtige naturstolze Menschen aus der Vorzeit in die Vorstellung gerufen wurden, hier war in der Granitpracht des ungebändigten Landes und bei der Nähe des ungebändigten freien Nordmeeres die weinende, klagende, strafende und krankende Predigtstimme etwas, das sich so gar nicht in die starke Umgebung einfügte. So daß ich schon davon allein, vom Klang des jammernden Predigttones, bedrückt worden wäre, auch wenn ich gar nicht die schöne vornehme und kräftige Alltagsstimme des Pfarrers vom Pfarrhause her gekannt hätte. —

Kein Mann darf aber zwei Stimmen haben; die Amtsstimme und die Hausstimme sollen beide so ineinander verschmolzen sein, so wie Mund, Lunge und Herz im Amt und im Haus dasselbe bleiben und nicht an- und abgelegt werden können durch einen zweiten Mund, ein zweites Herz, eine zweite Lunge.

Das Hausamt ist ebenso feierlich und festlich zu nehmen wie das Weltamt, und keines darf das andere an Würde überbieten wollen.

Denn Kinder zu erziehen, lebende Menschen zu schaffen und zu bilden und zu versorgen im Hause, das ist eine ebensolche feierliche Arbeit wie die Amtsarbeit außer dem Hause, die Würde verbreiten soll in das Leben der Menschenmassen.