Aber es war außer der Stimme auch der Schrecken über die Lehre von der Erbsünde und über die Lehre von dem Lebensjammertal, der mich mitten im Frühsonnenschein wie eine mittelalterliche Dunkelheit an der Kirchentür überfallen hat. Die Stimme, die da drinnen in der Kirche nur von Strafe und Leid und Sorgen zu predigen schien, von irdischen Qualen und sehnsüchtig erhofften ungewissen Himmeln nach dem Tode, diese Stimme schien die Tagessonne auslöschen zu wollen.
Ich versuchte es in den nächsten Tagen nach jenem Sonntag im Pfarrhause öfters, wenn ich mich mit dem alten Herrn in altgewohnter Weise unterhielt und er sich so ernst und gemessen in seinem Schaukelstuhl im großen Wohnzimmer wiegte, ob ich die Kirchenstimme, die mir von jenem Sonntagmorgen her wie ein trüber Spuk noch im Geiste stand, in den stattlichen, wohlgepflegten und trutzigen Herrn, der einem Wikingerhäuptling ähnlicher war als einem Pfarrer, hineindenken konnte.
Es war mir das aber ganz unmöglich. Zu Hause sprach der alte Herr tief und gewichtig, verständig, gesund und bedeutsam, und sein Ton wiegte sich auf einer allmenschlichen Güte und Würde, und in seinen blauen blitzenden Schwedenaugen blinkte das Salz eines klugen Verstandes wie der Glanz des Meeres. Und wenn die Sonne vom Fenster her in seinen weißen Bart leuchtete und wir von Politik und Philosophie sprachen und sein Sohn ihn beim Deutschsprechen ein wenig unterstützte, dann war das ganze einfache Haus, das diesen Alten in Amt und Würden seit vielen Jahren beherbergt hatte, für mich mehr festliche Kirche als die Kirche, zu der der Pfarrer Sonntags ging, und in der er, wie mir schien, seinen Leib aufgab und als sein eigenes Gespenst auf der Kanzel stehen mußte und zu Gespenstern predigen mußte.
Diese Begebenheit verwischte sich aber bald, verdrängt von neuen Tagen und neuen fremdartigen Eindrücken.
Eines Tages, als wir auf der Höhe beim Pfarrhaus standen, der junge Schwede und ich, und nach der Ferne hinhorchten, wo es immer wie Erdbeben grollte und wo die Meerlinie mit ihrem Glanz den Erdrand silbern erscheinen ließ, da sagte mein Freund zu mir:
„Ich habe mit meinem Vater gesprochen. Er leiht uns morgen Wagen und Pferd. Dann fahren wir nach Fjellbacka. Dort nehmen wir ein Segelboot und segeln mehrere Tage.“
Es war nun Mitte Mai, und überall zwischen den Steinen grünte es, und die Birken winkten im Wind mit tausend kleinen grünen Wimpeln, und die Sonne ließ sich nicht vom Meerwind verjagen. Es waren keine Wolken mehr am Himmel, und ich war sehr erstaunt, als der Schwede mit der Hand über das Land nach der Richtung des Meeres deutete und mitten im hellen Maisonnenschein behauptete, heute wäre noch Sturm auf dem Meer. Aber morgen würde der Wind wohl nachlassen, da es schon mehrere Tage gestürmt habe.
Da fühlte ich zum erstenmal, als passe das Wort Landratte auf mich. Sturm, ohne dunkle fliegende, grell beleuchtete Wolken, Sturm bei klarem blauen Himmel und reinstem Sonnenschein, dieses Sturmbild hatte noch nie in meiner Vorstellung gelebt. Aber ich fühlte, daß der Wind scharf an uns anprallte, als wir da in der Sonne unterm wolkenleeren Himmel auf dem Granithügel standen. Also mußte es draußen auf dem Meer bei diesem Winddruck hohen Seegang geben.